Eine Woche für 400 Gramm

Die Zwirnerei Rosental erlebt harte Zeiten, hat doch der Druck auf den Betrieb seit Jahren zugenommen. Doch dank einer cleveren Nischenpolitik gibt es die Garnherstellerin immer noch.

Christof Lampart
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Carlo Raas, Chef der Hinterthurgauer Zwirnerei Rosental AG mit 18 Beschäftigten, zeigt sich trotz harter Zeiten zuversichtlich für die Zukunft. (Bild: Christof Lampart)

Carlo Raas, Chef der Hinterthurgauer Zwirnerei Rosental AG mit 18 Beschäftigten, zeigt sich trotz harter Zeiten zuversichtlich für die Zukunft. (Bild: Christof Lampart)

ROSENTAL. Ohne Gehörschutz geht nichts, wenn die Zwirnmaschinen laufen. Ihr Lärm ist auch im Pausenraum, der aus Kaffeeautomat, Tisch und sechs Stühlen besteht, gut zu hören. Eine Stempeluhr und eine grosse Uhr zeigen an, was Geschäftsphilosophie ist, hier und heute jedoch noch mehr zählt als auch schon: Zeit ist Geld.

An Arbeit mangelt es der Zwirnerei Rosental nicht, jedoch an Marge, die in den letzten Jahren zusehends weggebrochen ist. Da trifft es sich gut, dass die langjährigen Mitarbeitenden flexibel betreffend Arbeitszeit sind. Denn nur so sind Arbeiten möglich, die andere nicht zustande bringen. Tatsächlich stellt die zwischen Münchwilen und Wängi gelegene Zwirnerei Spitzenprodukte her, die Mitbewerber nicht herstellen wollen oder können; beispielsweise das Garn für die arabische Festtagstracht Guhtra.

Aber auch feinste Popeline-Zwirne, Crêpes-Garne für medizinische Anwendungen, spezielle Seidenmischungen, Voiles in verschiedenen Titern (Feinheiten) oder elastische Hamelzwirne sind Spezialitäten, welche die Maschinen am Laufen und die letzte reine Baumwollzwirnerei der Schweiz am Leben erhalten. Und tatsächlich: Wer den unter Denkmalschutz stehenden Bau besucht, sieht die gut gewarteten Maschinen rund um die Uhr wie am Schnürchen rattern. Das ist auch nötig: «Nur so können wir uns in der faszinierenden, aber schwierigen Branche halten», sagt Firmenchef Carlo Raas.

Schliessung trifft «Rosental»

Und das dürfte, Spezialitäten hin, Flexibilität her, in Zukunft nicht einfacher werden, reissen doch die Hiobsbotschaften nicht ab. Angefangen bei 9/11 über die Finanzkrise im 2008 bis hin zum Frankenschock im 2015 «waren wir immer mehr dem Preisdruck ausgesetzt». Und nun hat Mitte Juni die letzte Schweizer Spinnerei, die zur Hermann Bühler AG gehörende Spinnerei Sennhof, auf Ende Oktober ihre Schliessung angekündigt. Für die Zwirnerei Rosental ist das ein harter Schlag, denn Sennhof ist eine gute Kundin und die einzige Schweizer Lieferantin in einem. «Das macht es schwieriger für uns, aber bis jetzt haben wir noch jede Krise gemeistert», äussert sich Raas kämpferisch.

Kaum Qualitätsschwankungen

Die vorbeugende Wartung der Maschinen ist ein weiteres Plus. «Dadurch haben wir sehr geringe Qualitätsschwankungen und können ein Garn mit kleinem Toleranzwert liefern», sagt Raas. Und nur solches Material wollen arabische Kunden oder Luxusmodelabels wie Aigner oder Givenchy verarbeiten. Da kommt es vor, dass eine Maschine ununterbrochen sechs Tage läuft, bis man 400 Gramm zusammen hat; mit 300 000 Metern hat man von diesem Garn gerade einmal ein Kilo hergestellt. Noch wichtiger sei jedoch im Zeitalter von Just-in-time die Flexibilität des Personals: «Wir sind sehr schnell. Wo andere sechs bis acht Wochen brauchen, benötigen wir nur eine bis zwei Wochen», sagt Raas. «Das schier Unmögliche möglich zu machen, scheint uns irgendwie im Blut zu liegen.»