Eine Union, ein Nutella

Weniger Fisch in Fischstäbchen, Palmöl in Butterkeksen – Osteuropa fühlt sich durch minderwertige Nahrungsmittel diskriminiert. Brüssel will handeln.

Remo Hess, Brüssel
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«Es mag sich für manche lächerlich anhören, aber für die Regierungen, die mich geschickt haben, ist es ein politisches Problem.» Das sagte der slowakische Regierungschef Robert Fico En­de Juli in Brüssel. Er ist sozusagen der «Fischstäbchen-Gesandte» der Visegrad-Gruppe um Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei. Die vier EU-Länder hegen einen Verdacht: Hersteller von Markenartikeln wie Nutella oder Iglo-Fischstäbchen tischten osteuropäischen Ländern qualitativ minderwertige Produkte auf.

So stellte die ungarische Lebensmittelbehörde im Februar beim Vergleich von zwei Dutzend Produkten fest, dass ihr Nutella «weniger cremig» sei als jenes in Österreich, das Coca-Cola «weniger vollmundig und flacher im Geschmack». Studien aus Tschechien und der Slowakei kamen zu ähnlichen Befunden. Die Rede ist etwa von künstlichen Süssstoffen statt Zucker, Palmöl statt Butter in Butterkeksen oder von bis zu 15 Prozent weniger Fisch in Fischstäbchen. Obwohl Hersteller die Vorwürfe bisher von sich weisen und monieren, die Untersuchungen seien nicht wissenschaftlich fundiert und Unterschiede könnten auch durch verschiedene Geschmacksvorlieben gerechtfertigt sein, nimmt sich die EU-Kommission in Brüssel nun der Sache an.

Brüssel umgarnt Osteuropa

Vera Jourova, EU-Kommissarin für Justiz, Verbraucher und Gleichstellung, sagt: «Zwei verschiedene Produkte in derselben Markenverpackung anzubieten, ist irreführend und unfair gegenüber den Konsumenten.» Und: «Ich bin entschlossen, diese Praxis, die nach EU-Recht verboten ist, zu beenden.» Doch mehr als eine Anleitung, wie EU-Länder gegen Hersteller minderwertiger Produkte vorgehen können, kann die Tschechin nicht bieten. Denn für die Einhaltung von EU-Vorschriften sind die nationalen Lebensmittel- und Konsumentenschutzbehörden verantwortlich. Alternativ könnte auch die Schaffung einer EU-weiten Konsumentenschutzbehörde diskutiert werden – doch daran haben die EU-Länder bisher kein Interesse gezeigt. Als einziges Zückerchen gibt Brüssel 1 Million Euro für wissenschaftliche Studien.

Das vor allem symbolische Einschreiten hat ebenfalls politische Gründe. Es ist Teil von Kommissionspräsident Jean-Claude Junckers Charmeoffensive Richtung Osteuropa. Er will Ängsten entgegentreten, Osteuropa könnte künftig durch eine «EU der verschiedenen Geschwindigkeiten» abgehängt werden. So versicherte er kürzlich punkto Fischstäbchen-Streit: «In einer Union der Gleichberechtigten kann es auch keine Konsumenten zweiter Klasse geben.» Es ist zudem ein Versuch der Kommission , den durch die Flüchtlingsverteilung entstandenen Ost-West-Graben etwas zuschütten – respektive nicht durch einen Nutella-Graben noch zu vertiefen.

Remo Hess, Brüssel