Eine Krise der anderen Art

Die Gesuche um Kurzarbeitsentschädigung sind in der Ostschweiz gestiegen. Doch so verbreitet wie während der Finanzkrise dürfte die Kurzarbeit dieses Mal nicht werden: Die Probleme liegen anderswo.

Kaspar Enz
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ST. GALLEN. Im Juli 2011 wurde im Kanton St. Gallen so wenig Kurzarbeitsentschädigung bezogen wie seit Frühling 2008 nicht mehr: 121 Personen leisteten in 14 Betrieben Kurzarbeit. Seither geht die Zahl wieder nach oben: Im September waren es, nach vorläufigen Zahlen der Fachstelle für Statistik, 17 Betriebe mit 148 Mitarbeitern. Im Oktober meldete das Beratungsunternehmen Ecopol, das den Ostschweizer Konjunkturindex herausgibt: Die Kurzarbeit dürfte in den kommenden Monaten zurückkehren. Für den laufenden Monat reichten schon 72 Betriebe mit 1682 Mitarbeitern beim Amt für Arbeit ein Gesuch für Kurzarbeit ein.

Vorsorglich anmelden

Diese Zahlen sind allerdings noch mit Vorsicht zu geniessen. Wie die Statistik zeigt, liegt das Ausmass der tatsächlich geleisteten Kurzarbeit stets unter den Anmeldungen. «In Phasen der Unsicherheit melden Betriebe oft präventiv Kurzarbeit an», sagt der Chef des Amtes für Arbeit des Kantons St. Gallen, Johannes Rutz. Das Amt bewilligt auch nicht jedes Gesuch. «Kurzarbeitsentschädigung gibt es nur, wenn bei einem Unternehmen ein aussergewöhnlicher und vorübergehender Einbruch der Beschäftigung vorliegt», sagt Rutz. Liegt dem Gesuch ein Problem zugrunde, das die ganze Branche betrifft, wird es nicht bewilligt.

Begründung: Starker Franken

Der starke Franken betrifft zwar grosse Teile der Wirtschaft. Trotzdem gilt er als Begründung, seit der Bund dies als Massnahme gegen die Währungskrise beschlossen hat. Vereinzelte Gesuche seien schon so begründet worden, sagt Johannes Rutz. Ausserdem wurde die Dauer ausgedehnt, für die ein Betrieb maximal Kurzarbeitsentschädigung beziehen darf: von 12 Monaten innerhalb zweier Jahre auf 18 Monate. Im Vergleich zum aktuellen Zustand ist das allerdings eine Verkürzung: Bereits 2009 dehnte der Bund als Massnahme gegen die Finanzkrise die Bezugsdauer aus, auf 24 Monate. Während der Finanzkrise erreichte das Ausmass der Kurzarbeit ihren Höhepunkt. Im Kanton St. Gallen war dieser im Mai 2009 erreicht: 588 Betriebe bezogen für 13 563 Mitarbeiter Kurzarbeitsentschädigung – über 600 000 ausgefallene Arbeitsstunden. «Im Jahr 2009 haben wir über 100 Millionen Franken an Kurzarbeitsentschädigungen ausbezahlt», sagt Johannes Rutz. «Sonst waren es jeweils ein paar Millionen. Es war ein völlig aussergewöhnlicher Zustand.»

Dass die Kurzarbeit dieses Ausmass bald wieder erreicht, glaubt Johannes Rutz nicht. «Der Beschäftigungseinbruch verläuft eher schleichend», sagt er. Die meisten Betriebe litten eher am Zusammenbruch der Marge als an einem abrupten Auftragseinbruch. Und wenn die Frankenstärke anhalte, dann heisse es Stellenabbau statt Kurzarbeit. Denn «Kurzarbeit ist teuer», sagt Rutz. Die Lohnnebenkosten müssen die Betriebe weiterhin zahlen, sowie den Lohn für den ersten Tag des Arbeitsausfalls.

Ein strukturelles Problem?

Urs Schönholzer, Partner von Ecopol, sieht die Lage ähnlich. Kurzarbeit sei für vorübergehende Konjunktureinbrüche gedacht. Die Stärke des Frankens sei aber eher ein strukturelles Problem, glaubt Schönholzer. Da würden sich viele Firmen eher überlegen, Arbeitsplätze besser ganz abzubauen oder ins Ausland zu verlagern, statt wieder zur Kurzarbeit zu greifen. «Diese Arbeitsplätze sind dann wohl weg.»

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