«Eine Gesellschaft, die zerfällt» - Philosophin Isolde Charim sieht unseren Wohlstand in Gefahr

Die Wiener Denkerin und Publizistin Isolde Charim macht sich am 26. Rheintaler Wirtschaftsforum Sorgen über die Demokratie.

Thomas Griesser Kym
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Kein Bild mehr, «wie ein typischer Schweizer aussieht»: Isolde Charim.

Kein Bild mehr, «wie ein typischer Schweizer aussieht»: Isolde Charim.

Bild: Urs Bucher (Widnau, 17. Januar 2020)

Eine Gesellschaft, die «zutiefst und zunehmend gespalten ist. Eine Gesellschaft, die zerfällt.» Damit hat es im Urteil der Wiener Philosophin und Publizistin Isolde Charim die Demokratie heute zu tun. Denn: Wirtschaftlich und kulturell steige eine neue Mittelklasse auf, während eine alte Mittelklasse aus Industriearbeitern und kleinen Angestellten sozial und kulturell und mitunter auch ökonomisch absteige. Ferner gebe es eine neue Unterklasse niedrig qualifizierter Arbeitskräfte, vor allem Migranten. Und obendrein geht die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auf.

Doch die Spaltung hat noch tiefere Gründe, wie Charim am Freitag am Rheintaler Wirtschaftsforum in Widnau sagte. Menschen in strukturschwachen Regionen fühlten sich vergessen, ausgeschlossen aus der Gesellschaft, und gleichzeitig gebe es Strömungen, welche die Gesellschaft von Migranten und damit von einer Pluralisierung abzugrenzen versuchten.

Wo der Populismus einhakt

Genau hier hakt laut Charim der Populismus ein. Die Populisten machten sich zu Fürsprechern der alten Mittelklasse, definierten diese als DAS Volk, bringen dieses gegen die Eliten in Stellung. Die Populisten legten den Finger «auf eine gesellschaftliche Wunde, aber nicht, um diese zu heilen. Sondern, um sie zu vertiefen.» Ausfluss sei «eine heterogene, dezentrale, führerlose Bewegung ohne politische Richtung, die aber für sich den Status des Volkes reklamiert.» Als Beispiel nannte Charim die französischen Gelbwesten, die Gilets jaunes.

An der Rebellion der Gelbwesten zeigt sich laut Charim, was Gesellschaft sein sollte, aber nicht mehr sei: «die ökonomische und symbolische Integration der vielen.» Heute leben wir vielmehr in pluralisierten Gesellschaften, sagte die Philosophin. Das führt dazu, «dass wir kein einheitliches Bild mehr von uns haben», kein Bild mehr davon, wie etwa «ein typischer Schweizer aussieht». Das verändere unsere Identität und die Art, wie wir der Gesellschaft angehören. Auf dem Höhepunkt der Individualisierung, der Vereinzelung, zögen sich die Individuen wieder in Gemeinschaften zurück – die sich voneinander abschotten und so zum Zerfall der Gesellschaft beitrügen.

Ein Ganzes, das alle umfasst und mitnimmt»

Charims Fazit: «Es braucht nicht mehr Gemeinschaft, sondern das Gegenteil: Es bracht ein neues Konzept von Gesellschaft.» Eine Gesellschaft «der Nichtähnlichen». Diese müsse zwei Kriterien erfüllen, sagte Charim vor vollem Haus mit 750 Teilnehmenden: «Sie muss ein Ganzes sein, das alle umfasst und mitnimmt», und es müsse ein Verhältnis zwischen den Individuen geben. Vonnöten dafür ist laut Charim, in einem Wort: «Solidarität.» Und: «Wenn es uns auch in Zukunft gut gehen soll, müssen wir unsere Grundlage, nämlich die demokratische Gesellschaft, erhalten. Um die Demokratie zu erhalten, müssen wir sie aber verändern.»

Bauwerk Boen Group geehrt

Am Wirtschaftsforum hat die Parkettherstellerin Bauwerk Boen Group aus St. Margrethen den 26. «Preis der Rheintaler Wirtschaft» erhalten. Die Jury würdigt damit laut deren Präsidentin Brigitte Lüchinger nachhaltigen Erfolg des Unternehmens sowie Firmenchef Klaus Brammertz’ «Weitsicht und Mut». Ausserdem vereine Brammertz «Menschlichkeit und Businessdenken». (T. G.)