«Eine Einladung an die lokale Industrie»

«Sie wissen besser als ich, wie sich effiziente Hochtechnologie einsetzen lässt», sagte der Co-Präsident des Club of Rome, Ernst Ulrich von Weizsäcker, an die Adresse der Ostschweizer Vertreter von Industrie und Forschung.

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Ernst Ulrich von Weizsäcker (Bild: Reto Martin)

Ernst Ulrich von Weizsäcker (Bild: Reto Martin)

Herr von Weizsäcker, Sie plädieren für mehr Effizienz. Was heisst das konkret?

Von Weizsäcker: Die Effizienzkomponente sagt, wir können zum Beispiel in einem Minergiehaus leben, das noch einen Zehntel der Energie braucht. Oder wir können unsere Mobilität mit guten öffentlichen Verkehrssystemen, Fahrrädern und zu Fuss im wesentlichen erledigen. Aber wenn wir Bierkästen oder ein Cello zu transportieren haben, dann kann man das Auto nehmen, sei es das Familienauto oder das Carsharing. Die Hauptsache ist, dass die Mobilität sich nicht ausschliesslich auf PKW, LKW und Flugzeug abstützt.

Das ist quasi ein Modellentwurf für ein nachhaltiges Leben.

Von Weizsäcker: Die Effizienz ist unbedingt nötig für die Suffizienz. Denn wenn wir mit verschwenderischer Technik suffizient leben wollen, dann leben wir sehr sehr arm. Mit höchst effizienter Technik dagegen können wir genügsam in einem gefühlten grossen Wohlstand leben.

Wie viel Sinn machen quantitative Ziele wie die 2000-Watt-Gesellschaft? Führt das zum Ziel?

Von Weizsäcker: Ich finde es schon richtig, die 2000-Watt-Gesellschaft anzustreben. Nur, unter den heutigen Wettbewerbsbedingungen, in denen die Wirtschaft steht, ist es fast nicht möglich, weil es immer wieder Konkurrenz gibt aus anderen Ländern, die mit relativ viel und billiger Energie auftrumpft und dadurch die Waren billiger anbietet.

Da wollen Sie mit dem ökologischen Preismodell ansetzen.

Von Weizsäcker: Ja, ich schlage vor, dass man in zivilisierten Ländern wie der Schweiz, Japan, Deutschland oder möglichst der ganzen EU einen Preispfad für Energie, gegebenenfalls Wasser oder Primärrohstoffe definiert, so dass wir einen Anstieg der Preise proportional zu den dokumentierten Effizienzgewinnen erzielen, und zwar so, dass man im Durchschnitt pro Monat nicht mehr bezahlt als im Vorjahr.

Was heisst das für die Wirtschaft?

Von Weizsäcker: Wenn man das einführt, dann wird es vorhersehbar auf 20 oder 50 Jahre für Entwickler und Ingenieure, für Gewerbetreibende insgesamt, immer rentabler, Effizienztechnologien einzuführen. Deren Amortisationszeit, die heute zu lang ist, verkürzt sich dann dramatisch.

Landschaften, die mit Solarzellen oder Windkraftwerken zugebaut werden, kommen in die Kritik. Es gibt also auch Fehlentwicklungen im Zeichen der Ökologie.

Von Weizsäcker: Ja, natürlich. Aber ich unterscheide relativ scharf Energieeffizienz von erneuerbaren Energien. Das wird oft verwechselt oder als das gleiche angeschaut, nur weil beides Kohlenstoffeffizienz bedeutet. Aber Kohlenstoffe sind nur ein Problem. Die Effizienzerhöhung bei Strom, Gas und Öl ist ökologisch wertvoller als die kohlenstofffreie Energie.

Fühlen Sie sich als Co-Präsident des Club of Rome manchmal als Wanderprediger?

Von Weizsäcker: In meinem Vortrag war nichts von Predigt zu hören, sondern es war sehr optimistisch, einladend an die lokale Industrie, mitzumachen und dabei gut Geld zu verdienen. Das ist die Botschaft, die heute auch vom Club of Rome ausgeht. Wenn wir gemeinsam daran arbeiten, dass die Randbedingungen vernünftig werden, dann gehen wir auf eine gesündere, nachhaltigere und auch von hohem Wohlergehen gekennzeichnete Gesellschaft zu.

Sie vertreten also eine Ökonomie, die Faktoren jenseits von Angebot und Nachfrage einbezieht.

Von Weizsäcker: Selbstverständlich, und zwar fusse ich da auf dem alten Adam Smith, der vor 240 Jahren die Eleganz, die Kraft des Marktes formuliert hat, aber selbstverständlich in einem festen Moral- und Rechtsrahmen. Es heisst also, gute Marktwirtschaft ist immer in einen festen Rechtsrahmen eingebettet.

Interview: Martin Sinzig

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