Virus-Krise kann zu einem Umdenken führen - «Eine Chance für Schweizer KMU»

Die Corona-Krise könnte zu einer Rückbesinnung auf Regionalität führen, sagt UBS-Chefökonom Daniel Kalt.

Thomas Griesser Kym
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Die Bevölkerung solle sich an die Empfehlungen der Behörden halten, rät UBS-Chefökonom Daniel Kalt eindringlich.

Die Bevölkerung solle sich an die Empfehlungen der Behörden halten, rät UBS-Chefökonom Daniel Kalt eindringlich.

Bild: Benjamin Manser

Mit allerlei Massnahmen versucht die Politik, der Corona-Krise Herr zu werden. «Im Endeffekt aber kommt es darauf an, wie diszipliniert die Zivilgesellschaft damit umgeht und welche Lehren wir ziehen», sagt Daniel Kalt. Konkret appelliert der Chefökonom der UBS Schweiz an die Bevölkerung, sich an die Empfehlungen der Behörden zu halten. Also Social Distancing, Händewaschen, da und dort Home-Office. Die Wirtschaft sieht Kalt «einem Stresstest» ausgesetzt. Nach mehreren Jahrzehnten der Globalisierung mit Verlagerungen an Tiefkostenstandorte im Ausland, der Wahl immer günstigerer Lieferanten, möglichst wenig Lagerhaltung sowie Just-in-time-Produktion könnte nun das Pendel zurückschlagen. «Die Krise kann zu einem Umdenken führen und eine Chance für Schweizer KMU sein», sagt Kalt. Dann nämlich, «falls sich Firmen zur Absicherung ihrer Lieferkette wieder stärker auf lokale und regionale Zulieferer besinnen».

UBS-Chefökonom Daniel Kalt

UBS-Chefökonom Daniel Kalt

Bild: Urs Bucher

Kurzfristig zeigt sich Kalt, dessen Referat übernächste Woche in St.Gallen wegen des Virus abgesagt worden ist, wirtschaftlich pessimistisch. «Das zweite Quartal wird unschön», und mehrere Länder könnten technisch gesehen in eine Rezession fallen, also zwei Quartale in Serie eine schrumpfende Wirtschaftsleistung erleben. Mittel- und langfristig aber sieht Kalt Chancen, dass es rasch wieder aufwärtsgeht. Er nennt für seinen Optimismus drei Faktoren: Ein allmähliches Eindämmen der Ausbreitung des Virus, was in China bereits gut zu gelingen scheint, geld- und fiskalpolitische Stimuli sowie Aufholeffekte. Als Beispiel nennt Kalt Reisen, die abgesagt werden. «Sobald sich die Lage beruhigt hat, werden viele Leute ihre Ferien nachholen oder ihr Urlaubsbudget anderweitig ausgeben.»

«Eine Entlassungswelle verhindern»

Einen Vergleich mit der Finanzkrise von 2008 hält Kalt für verfehlt. «Damals kam das Problem aus dem Finanzsystem und sprang auf die Realwirtschaft über. Heute haben wir eine Krise in der Realwirtschaft mit Einschränkungen von Lieferketten, Betriebsschliessungen oder Produktionsbeeinträchtigungen.» Kalt zeigt sich deshalb relativ zuversichtlich für eine bessere Krisenbewältigung, auch weil das Finanzsystem heute robuster sei, setzt aber dennoch ein Fragezeichen. «Das Problem ist, dass nun der Ölpreisschock hinzu gekommen ist.» Der Streit zwischen Russland und Saudi-Arabien hat in Erwartung einer Ölschwemme zu einem Preiszerfall geführt. Dieser kann etwa US-Frackingfirmen in Nöte bringen, die hoch verzinsliche Anleihen ausstehend haben, und es drückt auf die Inflation. Darauf wiederum reagieren Zentralbanken mit Zinssenkungen. Jene der USA und Grossbritanniens haben die Zinsen bereits reduziert, heute dürfte laut Kalt die Europäische Zentralbank nachziehen, und in einer Woche werde wohl die Schweizerische Nationalbank folgen und ihren Satz von –0,75 auf –1 Prozent drücken. Das wiederum belastet die Zinsmarge der Banken noch stärker, und es ist schlecht für Sparer und Vorsorgewerke. Diese leiden bereits unter dem jüngsten Rutsch der Börsenkurse, aber Kalt sieht immerhin eine gewisse Stabilisierung, weil im Gegenzug die Anleihenkurse steigen. Längerfristig aber bleibe es schwierig, angemessene Renditen zu erzielen, und die ultratiefen Zinsen führten auch zu Fehlentwicklungen etwa auf dem Immobilienmarkt, wo trotz zunehmender Leerstände fleissig gebaut wird.

Kurzarbeit erachtet Kalt als gutes Instrument, um Unternehmen Hilfeleistung zu bieten. «Wir müssen unter allen Umständen eine Entlassungswelle und eine damit einhergehende Eintrübung der Konsumentenstimmung verhindern», sagt der Ökonom. Auch sei es wichtig, dass die Banken Firmen in besonders betroffenen Branchen wie Hotellerie oder Unterhaltung notfalls mit Krediten beistünden, um Liquiditätsengpässe zu überbrücken. Von Konjunkturprogrammen oder einem Investitionsfonds, wie ihn die EU plant, hält Kalt nichts. «Solche Programme kommen meist zu spät und wirken im schlechtesten Fall sogar prozyklisch.»