EINBÜRGERUNG: Sonne, Strand und Reisefreiheit

Wer als Ausländer in Zypern mindestens zwei Millionen Euro anlegt, erhält nicht nur eine Villa am Meer, sondern auch die Staatsangehörigkeit. Das umstrittene Angebot richtet sich vorab an Russen und Chinesen.

Gerd Höhler, Athen
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Zyprische Reisepässe sind begehrt bei Ausländern – und für die Regierung in Nikosia ein Milliardengeschäft. (Bild: Hasan Mroue/AFP)

Zyprische Reisepässe sind begehrt bei Ausländern – und für die Regierung in Nikosia ein Milliardengeschäft. (Bild: Hasan Mroue/AFP)

Gerd Höhler, Athen

Russen sind in Zypern gern gesehene Feriengäste. Nach den Briten, die als ehemalige Kolonialherren traditionell die meisten Besucher auf der Insel im östlichen Mittelmeer stellen, haben sich die Russen im vergangenen Jahr mit knapp 780000 Touristen als zweitgrösste Urlauber­nation in Zypern etabliert. Aber nicht alle Russen kommen wegen der 300 Sonnentage oder der schönen Strände. Einige haben es auf ein kleines Büchlein abgesehen.

Andrej hat das begehrte Dokument bereits in seinem Besitz. «Europäische Union – Republik Zypern» steht in goldenen griechischen Buchstaben auf dem weinroten Einband – ein Reisepass der Republik Zypern. Seinen Nachnamen möchte Andrej nicht nennen: «Diskretion ist alles.» 2008 kam er als Manager eines russischen Energiekonzerns auf die Insel, später machte sich der 52-Jährige als Unternehmens­berater selbstständig. Jetzt ist er zyprischer Staatsangehöriger – und EU-Bürger. In 146 Länder kann Andrej mit dem zyprischen Pass ohne Visum reisen. Das Dokument hat allerdings seinen Preis: knapp 2,5 Mio. € (2,7 Mio. Fr.) hat der Russe in ein Penthouse und zwei Büroetagen in Limassol investiert. «Mir hat es immer schon in Zypern gefallen, aber jetzt fühle ich mich hier richtig zu Hause», sagt der Russe zufrieden.

Pässe sind einträglicher als der Tourismus

Ausländer, die in Zypern mindestens 2 Mio. € in Immobilien investieren und diese drei Jahre lang nicht weiterverkaufen, können die Staatsbürgerschaft der Inselrepublik beantragen. Be­dingung: Der Investor darf nicht vorbestraft sein. Mit dem Einbürgerungsmodell wollte die Regierung des konservativen Insel­präsidenten Nikos Anastasiades nach der schweren Finanzkrise die Wirtschaft ankurbeln. Das hat funktioniert. Rund 2000 Reisepässe habe man bisher an ausländische Investoren vergeben, berichtete Finanzminister Harris Georgiades kürzlich. Rund 4 Mrd. € flossen so ins Land. Reisepässe sind damit der wichtigste Exportartikel der Inselrepublik. Zum Vergleich: Mit dem Tourismus verdiente die Insel 2016 «nur» 2,4 Mrd. €.

Die von der Krise schwer gebeutelte Bauindustrie profitiert von dem Reisepass-Programm. Die Zahl der ausländischen Immobilienkäufer stieg im vergangenen Jahr um rund 60%. «Vor allem die russischen und chinesischen Käufer treiben den Markt», weiss Immobilienberater Vasilis Iosif. «Für viele von ihnen ist der Preis zweitrangig, ihnen geht es vor allem um den Pass.»

Russen sind omnipräsent auf der Insel

Ungefähr die Hälfte der bisher vergebenen Pässe ging an Russen. Auch andere EU-Staaten wie Malta oder Portugal haben ähnliche Reisepass-Programme aufgelegt, aber bei den Russen ist Zypern besonders beliebt. Rund 30000 Russen leben auf der Insel. Es gibt russische Banken und Restaurants, einen russischen Radiosender und eine russische Zeitung. Viele Geschäfte werben mit kyrillischer Schrift um Kunden. Die russisch-zyprischen Beziehungen haben eine lange Tradition. Schon vor 900 Jahren gab es erste Kontakte zwischen der griechisch-orthodoxen Kirche Zyperns und den Russisch-Orthodoxen. Die gemeinsame Religion ist noch heute ein starkes Bindeglied.

Aber die Einbürgerungspraxis ist nicht unumstritten. Das Europäische Parlament forderte 2014 in einer Resolution: «Die EU-Staatsbürgerschaft darf nicht zu einer Handelsware werden.» Und dann ist da das Thema Geldwäscherei: In den 2000er-Jahren strömte viel Schwarzgeld aus der ehemaligen Sowjetunion zu den zyprischen Banken. Der aufgeblähte Bankensektor war die Hauptursache der Finanzkrise von 2013, die das Land fast aus der Eurozone katapultiert hätte. Fällt Zypern jetzt beim Werben um ausländisches Kapital in schlechte Gewohnheiten zurück?

Finanzministerium wiegelt ab

Im Finanzministerium in Nikosia weist man diesen Verdacht entschieden zurück. Man halte sich peinlich genau an alle EU-Regeln zur Bekämpfung der Geldwäscherei, heisst es dort. Dazu habe sich Zypern schliesslich im Rahmen des 2013 aufgelegten Rettungsprogramms verpflichtet.