«Ein Wandel hinter den Kulissen»

Christian Gattiker, Chefstratege von Julius Bär, erklärt, wie ein vertiefter Blick auf neue Technologien auch konjunkturell neue Erkenntnisse liefert, und warum er für die Schweizer Konjunktur und Aktien positiv gestimmt ist.

Thorsten Fischer
Drucken
Teilen
Ein weltumspannender Marktplatz: Das Internet ermöglicht Plattformen wie Airbnb, die private Wohnungen für Ferien vermitteln. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Ein weltumspannender Marktplatz: Das Internet ermöglicht Plattformen wie Airbnb, die private Wohnungen für Ferien vermitteln. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Herr Gattiker, Sie sind zuversichtlich, dass die Schweizer Wirtschaft den Franken-Aufwertungsschock zum Euro relativ gut bewältigt. Sie sagen sogar, dass sich eine Erholung andeutet. Ist das nicht sehr optimistisch?

Christian Gattiker: Meine Einschätzung beruht darauf, dass die exportorientierten Schweizer Unternehmen schon vor der Aufhebung der Kursuntergrenze mit einem angespannten Wechselkurs kalkulieren mussten. Deshalb hatten die Firmen – auch wenn sich die Lage Anfang 2015 verschärfte – Erfahrung im Umgang mit solchen Situationen. Die Schweizer Konjunktur wird zudem durch die Binnennachfrage gestützt. Und was das Wirtschaftswachstum in der Eurozone 2016 angeht, sehen wir gute Chancen, dass es nahe an das Niveau des Jahres 2010 herankommt. Aber natürlich gibt es Sektoren, die stärker unter Druck sind.

Welche Branchen trifft die verschärfte Wechselkurssituation besonders?

Gattiker: Im Schweizer Detailhandel, besonders im Textilbereich, hat sich die Lage zugespitzt. So gab es im ablaufenden Jahr einige Konkurse in diesem Segment. Zu schaffen macht die günstigere Konkurrenz aus dem Ausland, der Einkaufstourismus, aber auch die wachsende Zahl der Angebote im Internet.

Bisher belebte auch der Aufstieg der Schwellenländer die Gesamtwirtschaft. Doch nun läuft es nicht mehr so rund. Was ist passiert?

Gattiker: Während sich die entwickelten Länder allmählich erholen, leiden die Schwellenländer unter weniger Nachfrage, Überkapazitäten und zunehmendem Schuldendienst. Ausserdem spielt der Rückgang der Rohstoffpreise – von dem die Konsumenten profitieren – eine entscheidende Rolle. Produzentenländer geraten angesichts fallender Preise unter Druck. Brasilien oder Russland, die in der Rezession stecken, spüren diese Entwicklung sehr deutlich. In China sehen wir hingegen einen natürlichen Reifeprozess, was zu einer Wachstumsverlangsamung führt.

Was heisst das konkret für die Schweiz?

Gattiker: Schwellenländer bleiben aus Schweizer Sicht Exportmärkte. Aber im Einzelnen kann sich die Nachfrage oder die Art der nachgefragten Produkte verändern. Das zeigt sich etwa im Segment der Luxusuhren. Weil in China die Mittelschicht wächst, wird die Nachfrage eher im mittleren Preissegment zunehmen und nicht mehr wie anhin im absoluten Luxussegment.

Auf übergeordneter Ebene warnen Sie vor einer wachsenden Kluft: Zentralbanken seien von der Venus, die Realwirtschaft vom Mars. Wo driften die beiden denn derart auseinander?

Gattiker: Tiefes Wachstum und Preisdruck lassen rasch Deflationsängste aufkommen. Der Reflex der Zentralbanken ist, der Wirtschaft Luft zuzufächeln und die Geldmenge auszuweiten. Aber wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass trotzdem nicht mehr Kredite in Anspruch genommen werden. In Wirklichkeit geht es nicht um ein konjunkturelles Phänomen, sondern um einen technologischen Umbruch. Es ist die Digitalisierung, die weitherum zu tieferen Preisen führt. Die Schweizerische Nationalbank erweist sich hier noch am pragmatischsten. Sie reagiert nur im unbedingt nötigen Mass auf die Notenbanken um sie herum, die aggressiv Geld geschöpft haben.

Vom digitalen Wandel wird schon lange gesprochen, und zumindest Smartphones sind allgegenwärtig. Durchdringt die Technologie nun aber tatsächlich den ganzen Alltag?

Gattiker: Die Digitalisierung beschleunigt sich und bringt laufend neue Geschäftsmodelle hervor. Branchen wie die Hotellerie oder das Taxigewerbe haben das mit Airbnb und Uber bereits zu spüren bekommen. Auch bisherige Branchengrenzen verschwimmen. Der mit Büchern gross gewordene Internethändler Amazon verschickt seit einiger Zeit auch Lebensmittel. Google, das zunächst vor allem im Werbemarkt aktiv war, bringt nun selber Anbieter und Nachfrager zusammen. Hinter den Kulissen läuft der Wandel von einer industrie- zu einer wissensbasierten Ökonomie ab.

Für technikaffine Anleger sind das interessante Zeiten, wird doch die Auswahl immer grösser.

Gattiker: Grundsätzlich trifft das zu. Aber es gilt, die besondere Ausgangslage im digitalen Wettbewerb im Auge zu behalten. Auf elektronischem Weg ist es Unternehmen heute möglich, laufend neue Kunden ohne hohe Grenzkosten anzusprechen und aufzunehmen. So entsteht ein intensiver Wettbewerb mit immensem Preisdruck. Am Schluss dieser Spirale wird in vielen Wettbewerbsfeldern meist nur ein dominanter Anbieter übrigbleiben.

Was empfehlen Sie Anlegern allgemein?

Gattiker: Schon das ablaufende Jahr hat gezeigt: Schweizer Anleger sind mit Schweizer Anlagen gut bedient. Die Realzinsen in Schweizer «Eidgenossen» sind positiv, und Schweizer Aktien sind währungsbereinigt schwer zu schlagen. Einzig, wer Chancen im digitalen Bereich sucht, sollte den Blick auf den amerikanischen Markt, sprich Titel an der Nasdaq, weiten.

Aktuelle Nachrichten