Familienunternehmen trotzt Amazon und Walmart: Warum dieser Supermarkt keine Frage offen lässt

Das amerikanische Familienunternehmen Wegmans trotzt der übermächtigen Konkurrenz durch Amazon und Walmmart.  Erklärung eines Erfolgsmodells. 

Renzo Ruf aus Washington
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Ausnahme im US-Detailhandel: Wegmans erhält beste Noten.

Ausnahme im US-Detailhandel: Wegmans erhält beste Noten.

Richard B. Levine/Alamy

Die amerikanische Detailbranche stöhnt über den Strukturwandel und über die veränderten Einkaufsgewohnheiten der Konsumenten. Doch das Familien-Unternehmen Wegmans zeigt sich unbeeindruckt und hält an seinem Expansionskurs an der Ostküste fest. Was ist das Erfolgsgeheimnis des Detailhändlers aus New York?

Als Wegmans vor einigen Wochen im New Yorker Stadtteil Brooklyn seine 101. Filiale eröffnete, da standen sich die Menschen buchstäblich die Beine in den Bauch. Gegen 1000 hart gesottene Kundinnen und Kunden in spe, allesamt gut gelaunt, warteten bereits in den frühen Morgenstunden vor den Türen des brandneuen Supermarkts – als sei Wegmans der einzige Laden in der Millionen-Stadt, der frisches Gemüse, Bio-Fleisch und ein ansprechendes Käsesortiment feilbietet.

Und obwohl dies nicht der Fall ist, war eigentlich niemand überrascht über diesen Ansturm. Denn Wegmans geniesst, zumindest unter Konsumenten an der amerikanischen Ostküste, Kultstatus. Und die «Wegmaniacs», wie die Fans des 1916 in Rochester (New York) gegründeten Unternehmen genannt werden, nehmen bisweilen lange Anreisen in Kauf, um bei der Eröffnung einer neuen Filiale mit dabei zu sein.

Wegmans ist derzeit noch vergleichsweise klein

Dabei ist Wegmans im Vergleich zu den Branchengrössen Walmart (Jahresumsatz 2019: 514 Milliarden Dollar), Kroger (121 Milliarden Dollar) und Albertsons (62 Milliarden Dollar) ein kleiner Fisch. Das Privatunternehmen, das sich immer noch mehrheitlich im Besitz der Gründerfamilie befindet, beziffert die Jahreseinnahmen auf etwas mehr als 9 Milliarden Dollar.

Hinzu kommt, dass die Supermarkt-Kette derzeit nur in 7 der 50 US-Bundesstaaten vertreten ist, von Massachusetts im Nordosten bis North Carolina im Südosten – ein für amerikanische Verhältnisse überschaubares Einzugsgebiet, zumal sich fast die Hälfte der Filialen im Staat New York befindet.

Was also ist das Besondere an Wegmans? Colleen Wegman, Konzernchefin seit 2017, würde wohl sagen: Die Mischung macht es aus. (Eine Interview-Anfrage wurde von der Wegmans-Medienstelle freundlich, aber bestimmt abgelehnt.) Wegmans ist im Kern ein Supermarkt, der Pasta, Reibkäse, Tiefkühl-Pizzas und Flüssigseife verkauft.

Die typische Filiale aber (die bis zu 13'000 Quadratmeter gross sein kann) bietet auch Gemüse, Torten aus der Bäckerei und Meeresfrüchte an. Hinzu kommt ein umfangreiches Alkohol-Sortiment, zumindest in denjenigen Bundesstaaten, in denen dies erlaubt ist. Bis zu 70'000 Artikel, sagt Wegmans, würden in einer Durchschnittsfiliale angeboten. Zum Standard-Angebot gehört zudem eine Kaffeebar, ein Pub mit Tischservice und eine Apotheke.

Aussergewöhnlich ist auch, dass die rund 49'000 Angestellten des Unternehmens ihren Vorgesetzten regelmässig Bestnoten verteilen. Gemäss einer aktuellen Umfrage der Organisation «Great Place to Work» sind 94 Prozent der Wegmans-Mitarbeiter sehr zufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen – ein aussergewöhnlicher Wert in einer Branche, in der gemeinhin ein ruppiger Umgangston herrscht.

Auf dem Portal «Glassdoor» heben anonyme Wegmans-Angestellte hervor, wie gut die finanziellen Zuwendungen seien und wie stark sich die Chefs für das Wohlergehen des Personals engagierten. Davon profitieren letztlich die Kunden: Wer einem Wegmans-Angestellten eine Frage stellt, der bekommt eine zufriedenstellende Antwort. Nötigenfalls marschiert der Metzger mit einer Kundin, die von sich sagt, sie sei zum ersten Mal in einer Wegmans-Filiale, zum Pizzastand, den sie nicht finden konnte.

Von Kritikern zeigt sich Wegmans unbeeindruckt

Natürlich hat auch Wegmans nicht nur Fans. Potenzielle Kundinnen können sich schon mal über den Rummel beschweren, der in der Filiale herrscht. In der Tat herrscht im Riesen-Geschäft – das fast doppelt so gross ist wie zum Beispiel die grösste Migros-Filiale im Einzugsgebiet der Genossenschaft Migros Aare – stets ein buntes Treiben.

Dafür verantwortlich sind auch die Zuarbeiter des Einkaufsdiensts Instacart, die in der Wegmans-Filiale ihr zweites Zuhause haben, und ihre Aufträge immer im Eilzugstempo abarbeiten. Andere Nachbarn finden, das Preisniveau des Detailhändlers sei zu hoch. Wegmans ist diese Kritik auch schon zu Ohren gekommen. Im Internet verweist das Unternehmen deshalb stets auf seine Eigenmarke – deren Produkte häufig billiger sind, auch weil sie in Familienpackungen verkauft werden.

Klar ist: Die Besitzerfamilie zeigt sich über diese Kritiker unbeeindruckt. Konzernchefin Colleen Wegman hält an ihrem Expansionskurs fest. Im neuen Jahr sollen in New York, North Carolina und Virginia drei neue Filialen eröffnet werden. Hinzu kommen elf Projekte, die sich bereits im Bau befinden oder geplant sind. Die «Wegmaniacs» wird es freuen.

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