Ein Notschalter für den US-Aktienmarkt

Die US-Börsenwächter tappen weiter im dunkeln auf der Suche nach der Ursache des Kurssturzes vom 6. Mai an der Wall Street. Ein neues Sicherungssystem soll eine Wiederholung verhindern.

Thomas Spang
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Washington. Für eine Testphase von sechs Monaten unterbricht die US-Börsenaufsicht SEC den Handel an den US-Börsen künftig automatisch, wenn der Wert von Wertpapieren innert fünf Minuten um 10% nach oben oder nach unten abweicht. «Ich glaube, Sicherungen für individuelle Wertpapiere quer über die Börsenplätze können helfen, signifikante Ausschläge künftig zu verhindern», erklärte SEC-Chefin Mary Schapiro das entschlossene Eingreifen der Börsenwächter. Betroffen sind zunächst jene Titel, die im S & P-500-Index gelistet sind.

Die neue Regel tritt Anfang kommenden Monats in Kraft.

Computer überfordern Händler

Vertreter der Börsen begrüssten die schnelle Reaktion der Aufsichtsbehörde. «Damit wird verhindert, dass eine Aktie in einer Minute zu 40 Dollar gehandelt wird, in der nächsten Minute für einen Cent und in der Minute drauf für 39 Dollar», sagte William O'Brien, Chef der elektronischen Handelsplattform Direct Edge.

Lawrence Leibowitz von der Nyse Euronext sieht die Dinge ähnlich: «Ein guter Schritt nach vorn, um das Vertrauen der Märkte wiederherzustellen.»

Während des Pilotversuchs nimmt die SEC weitere Regeln unter die Lupe, die von Experten als nicht mehr zeitgemäss erachtet werden. Dies hat vor allem mit dem Hochgeschwindigkeitshandel zu tun.

Supercomputer reagieren heute in Bruchteilen von Sekunden auf Marktentwicklungen und überfordern damit Händler aus Fleisch und Blut, aktiv in das Geschehen einzugreifen.

Noch keine heisse Spur

Während die Börsenwächter mit den neuen Regeln die Wiederholung eines «flash crash» in Zukunft ausschliessen wollen, bleiben die Ursachen des Absturzes vom 6. Mai weiter unklar.

Ein 151 Seiten starker Zwischenbericht der SEC und der Commodity Futures Trading Commission (Regulierungsbehörde für die Futures- und Optionenmärkte) vom Dienstag kam zu keinem eindeutigen Ergebnis. Zunächst hatten Händler über einen Kollegen von der Citigroup spekuliert, der aus Versehen eine falsche Taste gedrückt haben soll. Statt für 16 Mio. $ soll er für 16 Mrd.

$ Aktien von Procter & Gamble verkauft und damit eine Kettenreaktion ausgelöst haben, die den Dow-Jones- Index innert Minuten um fast 1000 Punkte abstürzen liess.

Nachdem die SEC für diese Theorie keinen Anhaltspunkt finden konnte, geriet der Futures-Markt ins Visier, besonders die «e-mini S & P 500»-Futures, mit denen Händler auf die Richtung des wichtigen Marktindexes wetten können. Als Auslöser in Verdacht steht der Verkauf von 75 000 e-mini-Verträgen im Wert von 4 Mrd.

$ durch das Investmenthaus Waddell & Reed in Kansas. Ein dritter Erklärungsversuch konzentriert sich auf eine Kombination aus «erheblichen Ungleichgewichten an Liquidität», automatischen Aufträgen beim Erreichen bestimmter Limiten sowie «stub quotes». Das sind Aufträge, die weit vom Marktpreis entfernt liegen und daher nur sehr unwahrscheinlich ausgeführt werden. Am 6. Mai waren sie wegen der Turbulenzen aber relevant.