«Ein merkwürdiger Vorgang»

Mit seinem abrupten Rücktritt als Verwaltungsratspräsident des Versicherungskonzerns Zurich als Folge von Vorwürfen nach dem Suizid des Finanzchefs erstaunt Josef Ackermann Experten.

Steffen Klatt
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Josef Ackermann im Jahr 2010 am St. Gallen Symposium an der Universität St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Josef Ackermann im Jahr 2010 am St. Gallen Symposium an der Universität St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

ZÜRICH. Die Ankündigung kam überraschend. «Zurich Insurance Group gibt bekannt, dass Verwaltungsratspräsident Josef Ackermann dem Verwaltungsrat seinen Rücktritt von allen seinen Funktionen als Verwaltungsratsmitglied mit sofortiger Wirkung mitgeteilt hat», teilte der Versicherer gestern mit.

Laut Mitteilung ist der Rücktritt Folge des Suizids des Finanzchefs. «Der unerwartete Tod Pierre Wauthiers hat mich zutiefst erschüttert», wird Ackermann (65) zitiert. «Ich habe Grund zur Annahme, dass die Familie meint, ich solle meinen Teil der Verantwortung hierfür tragen, ungeachtet dessen, wie unbegründet dies objektiv betrachtet auch sein mag. Daher sehe ich eine weitere erfolgreiche Führung des Verwaltungsrates zum Wohle der Zurich in Frage gestellt. Um jegliche Rufschädigung zulasten von Zurich zu vermeiden, habe ich beschlossen, von allen meinen Funktionen im Verwaltungsrat mit sofortiger Wirkung zurückzutreten.»

Wauthier war vergangenen Montag tot aufgefunden worden. Tags darauf stellte die Polizei fest, dass der 53-Jährige Suizid begangen hatte. Nähere Details wurden nicht bekannt gegeben – «aus Rücksichtnahme gegenüber der Familie», wie die Zurich mitteilte. Wauthier hatte seit 1996 für den Versicherungskonzern gearbeitet, seit 2011 als dessen Finanzchef.

«Eine mögliche Hexenjagd»

Wauthiers Suizid ist der zweite Freitod eines Topmanagers in der Schweiz innert weniger Wochen. Am 23. Juli war Swisscom-Chef Carsten Schloter tot aufgefunden worden. Es gab Anzeichen, dass er mit der Trennung von seiner Frau und vor allem seinen drei Kindern nicht fertig geworden war. Aber auch er hatte mit dem Ex-Coop-Chef Hansueli Loosli einen starken Präsidenten. Schloter (49), ein in Paris aufgewachsener Deutscher, war national bekannt; sein Tod bewegte die Schweiz. Das war bei Wauthier nicht der Fall. Dennoch nimmt Ackermann den Fall zum Anlass, zurückzutreten.

Einer, der diese Reaktion nicht erwartet hat, ist Rolf Dubs. Der ehemalige Rektor der Universität St. Gallen kennt Ackermann noch aus dessen Studienzeiten, aus dem Militär und aus verschiedenen Gremien, denen sie gemeinsam angehören. Dubs hält zwei Motive für den Rücktritt Ackermanns für möglich. «Ich kann mir gut vorstellen, dass Herr Ackermann Verantwortung übernehmen will, ohne eine Schuld einzugestehen. Damit schützt er die Zurich vor einer möglichen Hexenjagd», sagt der emeritierte Wirtschaftspädagoge. Dubs hält aber auch Spannungen zwischen Verwaltungsrat und Geschäftsleitung für möglich. Es sei denkbar, dass Druck auf Ackermann ausgeübt worden sei. Auch wenn der frühere Chef der Deutschen Bank eine dicke Haut habe – «irgendwann hat man genug», sagt Dubs.

Türöffner für Mutmassungen

Dagegen schliesst Dubs aus, dass Ackermann Druck auf Wauthier ausgeübt habe. Das passe nicht zur Persönlichkeit Ackermanns. «Für mich ist Josef Ackermann ein sehr verständnisvoller Mensch. Er kann zuhören und reagiert vernunftgemäss», sagt Dubs. «Er hat immer hohe Verantwortung wahrgenommen.»

Wirtschaftsethiker Christoph Weber-Berg sieht das anders. Aus seiner Sicht zeigt der Rücktritt Ackermanns wenig Fingerspitzengefühl. Indirekt mache er der Familie damit Vorwürfe, sagt der ehemalige Leiter des Center for Corporate Social Responsibility an der Hochschule für Wirtschaft Zürich und heutige Präsident der Reformierten Landeskirche des Kantons Aargau. Zudem handle es sich um einen merkwürdigen Vorgang. «Es wäre besser gewesen, wenn er auf seinem Posten geblieben wäre», sagt Weber-Berg, der früher selbst in einer grossen Zürcher Bank gearbeitet hat. Mit dem Rücktritt öffne Ackermann die Tür für Mutmassungen. «Das ist schädlich für das Unternehmen.»

Die Börse reagierte gestern wie schon nach der Nachricht vom Tod Wauthiers: Der Kurs der Zurich-Aktie gab weiter nach.