Ein Erdbeben am Finanzplatz

Die Finanzmarktaufsicht Finma löst die Tessiner Privatbank BSI nach schwerem Fehlverhalten auf. Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen Geldwäscherei und Bestechung. Im Tessin herrscht Konsternation.

Gerhard Lob
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Unrühmliches Ende der traditionsreichen Tessiner Privatbank BSI nach eklatantem Fehlverhalten. (Bild: ky/Pablo Gianinazzi)

Unrühmliches Ende der traditionsreichen Tessiner Privatbank BSI nach eklatantem Fehlverhalten. (Bild: ky/Pablo Gianinazzi)

LUGANO. «Schweizer Bankiers seit 1873»: Dieser Slogan schmückt edle Hochglanzbroschüren der BSI AG, die im Volksmund immer noch «Banca della Svizzera italiana» genannt wird. Doch schon bald wird diese Bank, die älteste und traditionsreichste Privatbank der italienischen Schweiz, nicht mehr existieren. Dies teilte die Finanzmarktaufsicht Finma gestern in einem spektakulären und bisher einmaligen Entscheid für eine Bank dieser Grössenordnung mit.

Die Finma genehmigte zwar die vollständige Übernahme der BSI durch die Privatbank EFG International, aber nur unter der Auflage, dass die BSI völlig integriert und innert zwölf Monaten aufgelöst wird. Mehr noch: Keiner der BSI-Gewährsträger und leitenden Manager darf übernommen werden. Gestern trat der Chef der BSI, Stefano Coduri, per sofort zurück.

Milliardenschwere Korruption

Auslöser dieses radikalen Entscheids sind gravierende Verletzungen von Geldwäschereibestimmungen. «Die BSI AG hat mit Geschäftsbeziehungen und Transaktionen im Umfeld der Korruptionsaffäre des malaysischen Staatsfonds 1MDB schwer gegen die Geldwäschereibestimmungen und das Gewährserfordernis verstossen», schreibt die Finma. Der vom malaysischen Premierminister Najib Razak gegründete Staatsfonds wurde von Singapur aus gemanagt. Die Rede ist von 4 Mrd. $, die veruntreut wurden. Dieses Geld war für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Malaysias bestimmt gewesen.

Obwohl die Finma die BSI bereits Ende 2013 deutlich auf die schwerwiegenden und vielfältigen Risiken im Kontext dieser Kundenbeziehungen hingewiesen habe, «sprachen sich der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung der Bank bewusst und wiederholt für die Weiterführung dieser wirtschaftlich sehr attraktiven Kundenbeziehungen aus».

Doch damit nicht genug: Die Finma zieht «den ungerechtfertigt erzielten Gewinn» der BSI aus diesen Operationen in Höhe von 95 Mio. Fr. ein und wird ihn dem Bund zukommen lassen. Zudem wurde ein Verfahren gegen zwei ehemalige BSI-Manager eröffnet.

«Der schlimmste Fall»

Die Bundesanwaltschaft gab ihrerseits bekannt, ein Strafverfahren gegen die BSI AG wegen Verdachts auf Geldwäscherei sowie Bestechung fremder Amtsträger im Zusammenhang mit dem malaysischen Staatsfonds eingeleitet zu haben. Zugleich entzog Singapurs Aufsichtsbehörde, die Monetary Authority of Singapore (MAS), der BSI gestern die Zulassung. «BSI ist der schlimmste Fall mangelhafter Kontrolle und groben Fehlverhaltens, den wir im Singapurer Finanzsektor gesehen haben», wird MAS-Chef Ravi Menon in einer Mitteilung zitiert.

Im Tessin schlug die Nachricht gestern ein wie eine Bombe. «Denn die BSI ist die Tessiner Bank schlechthin, da sie, anders als die UBS, ihren Sitz und ihr Entscheidungszentrum in Lugano hat», sagt Alfonso Tuor, ehemaliger Chef der Wirtschaftsredaktion des «Corriere del Ticino». Ohne eine Übernahme durch die EFG wäre die BSI zwangsliquidiert worden. Auch unter den jetzigen Umständen seien die Folgen für den Finanz- und Bankenplatz happig. «Wenn 500 der 1000 Arbeitsplätze gerettet werden, können wir froh sein», sagt Tuor. Auch die Tessiner Bankiervereinigung sprach von einem schwarzen Tag.

Wechselvolle Geschichte

Der Schweizerische Bankpersonalverband fordert, dass die Angestellten der Tessiner Privatbank nicht für die fehlerhaften Entscheide ihrer Arbeitgeber haften sollten. «Die Verantwortlichen bei der BSI müssen zur Rechenschaft gezogen werden, aber nur diese», heisst es in einer Mitteilung. Die BSI-Gruppe zählt umgerechnet 1850 Vollzeitstellen, davon 648 im Ausland.

Die Banca della Svizzera italiana (BSI) wurde 1873 gegründet. 1998 wurde der italienische Versicherer Generali Alleinaktionär. Durch die Übernahme der Banca Unione di Credito (2006) und besonders der Banca del Gottardo (2008) wuchs die BSI AG zu einem stattlichen Unternehmen, das auch nach Asien, Hongkong und Panama expandierte. Entscheidender Kopf der Bank war in diesen Jahren Alfredo Gysi, zuerst als Chef, später als Verwaltungsratspräsident bis September 2015.

Wichtig für Kunst und Kultur

2015 wurde die BSI von der brasilianischen BTG Pactual erworben. Doch nach der Verhaftung von deren Chef André Esteves suchten die Brasilianer bereits wieder einen Käufer für die Bank. Nun wird die BSI von der Konkurrentin EFG übernommen, zu den von der Finma diktierten Bedingungen. Ursprünglich lag der Verkaufspreis bei 1,3 Mrd. Fr.; jetzt wird er tiefer sein.

Im Tessin ist die BSI auch ein wichtiger Faktor des öffentlichen Lebens und besonders für die Kultur. Ihr gehört eine Kunstsammlung. Ausstellungen und Musikfestivals wie das Progetto Marta Argerich werden von der BSI unterstützt. Auch die Violine Guarneri del Gesù «Panette» aus dem Jahr 1737 gehört der BSI. Sie wird vom berühmten Geiger Renaud Capuçon gespielt.

Stefano Coduri Zurückgetretener BSI-Chef (Bild: ky)

Stefano Coduri Zurückgetretener BSI-Chef (Bild: ky)