Edelweiss und Kontiki laden zum Eisbären-Spektakel in der Arktis – doch darf man das heute noch?

Die Airline und das Reisebüro bieten Flüge nach Spitzbergen an. Es warten schmelzende Gletscher und vom Aussterben bedrohte Polartiere. Das erinnert an ein früheres Angebot, das für Kritik sorgte.

Benjamin Weinmann
Drucken
Teilen
Ein Eisbär auf arktischem Meereis. Die meisten von ihnen halte sich das ganze Jahr über an den Küsten oder auf dem Meereis auf, um dort Robben zu jagen.

Ein Eisbär auf arktischem Meereis. Die meisten von ihnen halte sich das ganze Jahr über an den Küsten oder auf dem Meereis auf, um dort Robben zu jagen.

Stefan Hendricks / Alfred-Wegener-Institut, Helmhol

«Freuen Sie sich auf eine unvergessliche Polarreise ins ‹Reich der Eisbären› – zur besten Reisezeit». So bewirbt das Reisebüro Kontiki das Angebot vom Sommer 2021. Erst kürzlich wurde dafür die Zusammenarbeit mit der Swiss-Schwester Edelweiss verlängert. Die Airline fliegt die Kunden ab Zürich direkt nach Spitzbergen. Denn: «Nirgendwo sonst können Sie die Tiere der Arktis in ihrer natürlichen, geschützten Umgebung besser beobachten.»

Zu sehen gibt es Eisbären, Walrosse, Polarfüchse und Buckelwale. «Im Nordwesten beeindrucken schneebedeckte Berge und tiefe Fjorde, an deren Enden riesige Gletscherströme ins Meer fliessen.» Auf die Passagiere wartet zudem ein «erstklassiges Expeditionsschiff» für das 10-tägige Abenteuer. Kostenpunkt für eine Grand Suite mit Balkon an Bord: 12500 Franken.

Mit Edelweiss in die Arktis fliegen: War da nicht mal was? Im November 2018, als die Klimaaktivistin Greta Thunberg weltweit dafür sorgte, dass die Klimaerwärmung ins Zentrum der Debatte rückte, vermarktete eine deutsche Event-Firma in Kooperation mit Edelweiss eine 16-stündige Flugexpedition zum nördlichsten Punkt der Erde für bis zu 7800 Euro pro Ticket. Doch das Angebot mit dem Aufeinanderprallen von Symbolen der Klimaerwärmung – Flugzeug, Gletscher, Eisbären - löste Kritik aus, die Buchungen blieben aus und der Flug wurde schliesslich abgesagt.

Kuoni-Mutterfirma verteidigt die Reise

Ein Sprecher des deutschen Kontiki-Mutterkonzerns DER Touristik, zu dem auch Kuoni gehört, verteidigt das neuerliche Angebot. Man biete seit über zehn Jahren Reisen in die Arktis an. Mit dem Event-Flug von 2018 an den Nordpol sei die Kontiki-Reise überhaupt nicht vergleichbar: Es sei nicht bloss ein Flug, sondern eine mehrtägige Expeditionsreise unter Berücksichtigung nachhaltiger Aspekte, «welche die lokalen Auswirkungen des Klimawandels auch proaktiv zum Thema macht».

Es sei ein Ansporn für Kontiki, Reisende vor Ort zu überzeugen, dass sie einen wichtigen Beitrag zum Erhalt solch spektakulärer Gegenden leisten können, sagt der Sprecher. Man respektiere den Lebensraum der Menschen und Tiere vor Ort. Der Mindestabstand zu Tieren werde eingehalten, und die CO2-Kompensation sei standardmässig im Gesamtpreis inbegriffen. Er betont, dass man sich zudem an diversen Klima-Projekten beteilige. Bei Edelweiss will man sich zur Arktis-Reise nicht äussern, da die kommerzielle Verantwortung zu 100 Prozent bei Kontiki liege: «Wir stellen lediglich das Flugzeug und die Crew zur Verfügung.»

Umfrage: Schweizer wollen ihre Flugpläne kürzen

Schweizer gelten als Vielflieger, die doppelt so häufig in ein Flugzeug steigen wie die europäischen Nachbarn. Doch laut einer repräsentativen Umfrage der Umweltorganisation WWF möchte mehr als die Hälfte der Haushalte in den nächsten fünf Jahren weniger oder gar nicht mehr fliegen. 43 Prozent der Befragten haben 2019 gar keinen Flug absolviert. (bwe)

Ivo-Wallimann-Helmer, Klimaethiker an der Universität Freiburg, findet es «irritierend», wenn mit Symbolen des Klimawandels geworben werde. «Andererseits ist es sachlich gesehen eine Reise wie andere auch, die Emissionen verursache.» So sei ein 13-Stunden Flug nach Los Angeles unter dem Strich schädlicher als ein Flug in das nicht mal halb so weit entfernte Spitzbergen. Er plädiere generell dafür, wenn immer möglich Flüge zu vermeiden und auf kurzen Strecken den Zug zu nehmen.

Auf die Gesinnungsethik kommt es an

Problematischer fände es der Klimaethiker, wenn ein Reisebüro explizit mit den Gefahren des Klimawandels werben würde. Im Sinne von: Kommt, schaut euch die Eisbären an, solange sie noch nicht ausgestorben sind! «Das wäre heuchlerisch, da man mit der Reise selber zum Klimawandel beiträgt.» Auch spiele die Gesinnungsethik eine Rolle. «Wenn man die Reise bucht, um sich für den Klimawandel und den Artenschutz zu sensibilisieren, ist sie möglicherweise eher vertretbar.» Doch frage sich, ob man dafür in die Arktis fliegen müsse, oder stattdessen viel eher in den Zoo gehen oder sich einen Dokumentarfilm ansehen könnte.

Auch Buckelwale gibt es in der Arktis zu sehen.

Auch Buckelwale gibt es in der Arktis zu sehen.

Ho / SZ

Auch wenn er persönlich eine solche Reise zwar absurd fände, so sei er gegen Verbote, sagt Wallimann-Helmer. «Das muss jeder mit seinem Gewissen selber vereinbaren können.» Wichtiger seien Rahmenbedingungen auf nationaler und internationaler Ebene, um emissionsarmes Verhalten zu fördern, zum Beispiel mit einer Flugticketabgabe.

Deutlich kritischer sieht es Georg Klingler, Klimaexperte bei der Umweltorganisation Greenpeace Schweiz. Natürlich sei ein Los-Angeles-Flug bezüglich des CO2-Ausstosses schädlicher. «Aber eine Reise in die Arktis, wo die Umweltsituation derart kritisch ist mit hohen Temperaturen, die teilweise die Worst-Case-Szenarien übertreffen, sollte inzwischen jede und jeden irritieren.» Es sei geradezu zynisch vom Reisebüro mit der schönen Natur zu werben, so als ob nichts wäre. «Damit wird suggeriert, als ob alles in Ordnung sei und dass wir als Gesellschaft nichts unternehmen müssen, um die Klimaerwärmung in den Griff zu bekommen.»

Greenpeace zweifelt am Effekt der Reise

Doch hilft es nicht, dass ein Klimatologe von Meteoschweiz mit dabei ist, um die Kunden auf die negativen Folgen der Klimaerwärmung aufmerksam zu machen? «Dann bräuchte es Beweise, dass solche Aufklärungsreisen tatsächlich zur Sensibilisierung beitragen und sich die Teilnehmenden danach wirklich umweltbewusster verhalten.» Diesen Effekt zweifle er an.

Greenpeace fordert, dass die Arktis zu einem Schutzgebiet erklärt wird. «Die Lage in diesem Teil des Planeten ist derart fragil», sagt Klingler. Je mehr Eis schmelze, desto grösser würden zudem die Begehren von Ländern, die industrielle Fischerei zu intensivieren und freiwerdende Öl- und Gasreserven anzuzapfen. «Diese Ressourcenverbrennung lässt dann wiederum das Eis noch schneller schmelzen, es ist ein Teufelskreis.» Und wer unbedingt schmelzende Gletscher sehen möchte, müsse nicht bis nach Spitzbergen fliegen. «Die haben wir leider auch hier in der Schweiz.»

Australische Airline kurvt über der Antarktis

Die internationale Aviatik kommt wegen der Corona-Krise nur langsam in die Gänge. Die aus­tralische Qantas hat vorsorglich alle internationalen Flüge bis März aus dem Buchungssystem genommen. Ein Grossteil der Flotte ist in der Wüste geparkt. Eine Boeing 787 wird im November allerdings viel zu tun haben, wie das «Aerotelegraph.com» berichtet. Im Auftrag des Reisebüros Antarctica Flights wird die Maschine 19 Rundflüge über der Antarktis durchführen. Garantiert sind vier Stunden über dem weissen Kontinent. Damit alle etwas von der weissen Pracht sehen, werden im Flug die Plätze ein Mal getauscht, so dass jeder eine Zeit lang am Fenster sitzen kann. Die Tickets kosten 730 bis 4860 Euro. Auch asiatische Airlines setzen teils auf Rundflüge über benachbarte Länder, um die Kassen etwas zu füllen. (bwe)