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«Durchmischung ist wichtig»

Esther-Mirjam de Boer, Präsidentin des Verbands Frauenunternehmen, über das Gründen von Firmen, Frauen und Männer in Führungspositionen und was sich im Alltag voneinander lernen lässt.
Thorsten Fischer
Esther-Mirjam de Boer: «Einige Internet- und Technologiekonzerne werden inzwischen von Frauen geführt.» (Bild: David Suter)

Esther-Mirjam de Boer: «Einige Internet- und Technologiekonzerne werden inzwischen von Frauen geführt.» (Bild: David Suter)

Frau De Boer, Sie sind Unternehmerin. Vergleicht man mit der Statistik der männlichen Firmengründer und Selbständigerwerbenden, sind Sie dann eher eine Ausnahme?

Esther-Mirjam de Boer: Nein, keineswegs. Die zahlenmässigen Unterschiede zwischen Frauen und Männern sind in diesem Bereich nicht gross. In der Schweiz sind 17 Prozent der in der Privatwirtschaft erwerbstätigen Frauen unternehmerisch oder selbständig tätig. Bei Männern sind es rund 20 Prozent. Doch die entscheidenden Punkte liegen woanders.

Wo nämlich?

De Boer: In unserer Gesellschaft wird Arbeit mit der Höhe der Bezahlung anerkannt. Doch Frauen leisten in der Zivilgesellschaft mehr unbezahlte Arbeit. Und gründen Frauen eine Firma, handelt es sich oft um klein bleibende Unternehmen, meist auch Einfrau-Unternehmen. In grösseren Firmen und Konzernen sind in der Führung überwiegend Männer tätig. Die öffentliche Aufmerksamkeit für Unternehmertum und Führung richtet sich aber hauptsächlich auf grosse Firmen, Innovations- und Wachstumsbranchen. Da sind Frauen enorm untervertreten.

Was ist der Grund, dass Frauen in Führungspositionen von kleinen und mittleren Firmen anzutreffen sind, bei der Führung grosser Konzerne aber eher selten auftauchen?

De Boer: Die Gründe dafür sind vielschichtig. Das Phänomen der gläsernen Decke, die unsichtbar den Frauen den Aufstieg ganz nach oben verwehrt, gibt es wohl und lässt sich verhaltensökonomisch erklären. Und zugleich spielen unterschiedliche Auffassungen hinein, wie ein Unternehmen zu führen ist. Gerade auf oberster Ebene wird praktisch eine 24-Stunden-Verfügbarkeit gefordert. Und zuweilen drängen auf dieser Managementstufe taktische Machtspiele die Sachthemen in den Hintergrund. Die gesellschaftliche «Ernährer-Rolle» verpflichtet viele Männer, an ungesunden Arbeitssituationen festzuhalten. Frauen können eher Abstand von solchen Führungsposten nehmen.

Feste Frauenquoten für Verwaltungsräte oder für die Konzernführung finden zunehmend politischen Rückhalt – auch in der Schweiz. Als Unternehmerin in einer freien Marktwirtschaft müssten Sie solche Vorschriften doch stören?

De Boer: Ja, Freiwilligkeit wäre mir natürlich lieber. Aber den «homo oeconomicus» gibt es nicht. Weil es einfach nicht von selbst funktioniert, halte ich Quoten angesichts eines übergeordneten Interesses der Volkswirtschaft für sinnvoll – allenfalls zeitlich befristet.

Es gibt Branchen, wo vergleichsweise wenig Frauen tätig sind, etwa im Bauwesen. Firmen argumentieren, es sei hier schwierig, nur schon in jedem grösseren Unternehmen eine Quote zu erfüllen. Das tönt doch plausibel.

De Boer: Auch in diesen Branchen lassen sich Frauen für Führungsposten inzwischen leichter finden. Es braucht ja nicht 100 pro Unternehmen, sondern eine Handvoll. Die SBB, die Post und Holcim machen es vor, andere holen auf. Einige amerikanische Internet- und Technologiekonzerne wie Yahoo, General Motors, Xerox und HP werden inzwischen von Frauen geführt. Wichtig ist, dass Frauen auch in der obersten Hierarchiestufe zu finden sind – und sich die Führungsstellen nicht, wie es häufig der Fall ist, auf Human Resources und Marketing beschränken.

Und damit lässt sich die Situation nachhaltig verändern?

De Boer: Sehr wichtig ist die Durchmischung, und diese funktioniert immer von beiden Seiten. Nicht nur Frauen sollen in Männerberufe streben, sondern Männer auch vermehrt Tätigkeiten übernehmen, die traditionell eher von Frauen ausgeführt werden. Ich denke etwa an Lehr- und Pflegeberufe. Hier plädiere ich branchenübergreifend für gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit. Ist die Arbeit eines Kranführers wirklich 80 Prozent mehr wert als jene einer Hebamme? Jene eines Investmentbankers ein x-faches von jener einer Lehrerin? An diesem Punkt gilt es anzusetzen. Wenn sich die Situation gegenseitig angleicht, entschärft sie sich – auch wenn das natürlich seine Zeit braucht.

Sie haben Architektur studiert, den Beruf dann aber gewechselt. Meist ist von Star-Architekten die Rede, Star-Architektinnen sind etwas rarer. Hat es Sie nicht gereizt, gerade in dieser Branche als Frau ein Zeichen zu setzen?

De Boer: Ich habe mich immer für Führungsaufgaben interessiert. Diese wollte ich ursprünglich im angestammten Umfeld übernehmen, eine vorgesehene Nachfolgemöglichkeit zerschlug sich aber. Deshalb beschloss ich, mich in der Strategieberatung selbständig zu machen. Inzwischen bin ich als Verwaltungsrätin in zwei Firmen im Bau- und Baunebengewerbe tätig.

Was bietet der Verband Frauenunternehmen Interessentinnen, die selbständigerwerbend sind?

De Boer: Zum einen sind wir natürlich eine Plattform für persönliche Kontakte, Weiterbildung und fachlichen Austausch – für Frauen mit neu gegründeten und ebenso mit etablierten Unternehmen. Den Erfolg von Unternehmerinnen fördern wir auch, indem wir Öffentlichkeitsarbeit leisten und Dienstleistungsangebote für Unternehmerinnen anbieten.

Im Grundsatz machen das ja auch andere Unternehmerverbände.

De Boer: Bei uns sind Frauen unter sich. Es ist uns wichtig, dass sich die Unternehmerinnen neben geschäftlichen auch über persönliche Herausforderungen austauschen können. Viele unserer Mitglieder sind zwischen 40 und 55 Jahre alt, und gerade in dieser Lebensphase stellen sich wichtige Fragen im Leben, nicht nur als Unternehmerin.

Gibt es etwas, das Unternehmerinnen und Unternehmer voneinander lernen können?

De Boer: Frauen überlegen sich ihre Geschäftsmodelle sehr gut und haben deshalb auch eine viel niedrigere Konkursquote als Männer. Umgekehrt sollten Frauen lernen, berufliche oder private Aufgaben vermehrt zu delegieren, um grössere Projekte anpacken zu können.

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