Droht eine Rezession? Aktuell sind Industrie-Hilfen (noch) kein Thema

Der Chefökonom des Bundes vertraut auf die Widerstandskraft der Schweizer Wirtschaft und gibt Entwarnung.

Daniel Zulauf
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Eric Scheidegger, Chefökonom Staatssekretariat für Wirtschaft (Bild: Keystone)

Eric Scheidegger, Chefökonom Staatssekretariat für Wirtschaft (Bild: Keystone)

Steht die Schweiz vor einer Rezession? Das R-Wort ist derzeit in aller Munde. Auch beim Bund ringt man um eine Antwort auf die schwierige Frage. Gestern gab Chefökonom Eric Scheidegger an einer Medienorientierung in Bern Entwarnung.

«Wir können vorerst auf die automatischen Stabilisatoren vertrauen», fasste der Basler die Empfehlung an seinen Chef und Wirtschaftsminister Guy Parmelin zusammen.

Mit «automatischen Stabilisatoren» sind die bestehenden und institutionell verankerten fiskalischen Massnahmen gemeint, mit denen Bund und Kantone eine dämpfende Wirkung auf die konjunkturellen Zyklen bewirken können. Im Vordergrund steht die Schuldenbremse. Diese sieht vor, dass der Ausgabenplafond des Bundes im Fall eines wirtschaftlichen Abschwunges über die budgetierten Einnahmen hinaus gehen darf.

Damit soll sichergestellt werden, dass die öffentliche Hand bei einem konjunkturell bedingten Rückgang der Firmensteuern die Sparpolitik nicht verschärft und den wirtschaftlichen Abschwung dadurch noch verstärkt. Dieser Mechanismus ist auch in den Schuldenbremsen der Kantone eingebaut.

Auch die Arbeitslosenversicherung wird als «automatischer Stabilisator» angesehen, weil ihre zusätzlichen Leistungen bei einer Zunahme der Arbeitslosigkeit zum grössten Teil in den Konsum und damit zurück in den Wirtschaftskreislauf fliessen.

Scheidegger verwies auch auf die Fähigkeit der Unternehmen selber, sich an schwierigere wirtschaftliche Bedingungen anzupassen. Tatsächlich hat die Schweizer Wirtschaft die letzte Rezession vor zehn Jahren relativ schnell überwunden. Und auch den grossen Frankenschock von Anfang 2015 haben viele Betriebe erstaunlich gut verkraftet.

«Ich sehe keine konkreten Anzeichen für eine schwere Rezession.»

Das Seco geht davon aus, dass der Schweiz höchstens eine leichte Rezession drohen könnte. Im Juni hatte das Seco der Schweizer Wirtschaft noch ein Wachstum von 1,2 Prozent für 2019 vorausgesagt. Ob und wie das Bundesamt diese Prognose anpassen will, wollte Scheidegger gestern nicht verraten. Die Kommunikation der Prognose ist auf den 17. September terminiert.

Das relativ zahme konjunkturelle Abschwungszenario des Seco wird von der Industrie nicht geteilt. Vorige Woche hatte der Verband der Schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem) ein düstereres wirtschaftliches Bild heraufbeschworen und den Bund zur Ergreifung von Sofortmassnahmen aufgefordert.

Konkret verlangte der Verband die Verlängerung der Bezugsdauer für Kurzarbeit von 12 auf 18 Monaten sowie die Zulassung unbezahlter Arbeitszeitverlängerungen, sofern diese durch eine weitere Aufwertung des Frankens nötig werden sollten.

Kommentar

Die wirtschaftliche Lage ist trügerisch

Wenn Deutschland hustet, liegt die Schweiz bereits mit Fieber im Bett. Die starke Verflechtung der hiesigen Wirtschaft mit der EU und insbesondere mit dem mächtigen Nachbarn im Norden ist ein Faktum.
Daniel Zulauf

Was in Deutschland passiert interessiert in Bern

Seco-Chefökonom Scheidegger sieht indessen noch «keine konkreten Anzeichen für eine schwere Rezession», die ausserordentliche Hilfestellungen für die Wirtschaft notwendig erscheinen lassen könnten. Gegenüber einem staatlichen Konjunkturprogramm, wie es derzeit in Deutschland diskutiert wird, zeigte er sich skeptisch. Die Wirkung solcher fiskalischer Anschubprogramme sei in einer kleinen offenen Volkswirtschaft wie der Schweiz naturgemäss viel geringer als in Ländern mit einem grossen Binnenmarkt.

Das Seco räumte allerdings ein, dass ein fortgesetzter und starker Abschwung der Industriekonjunktur gerade in Deutschland auch für die Schweiz nicht ohne Folgen bleiben würde. Zwar geniesst die Schweiz mit ihrer starken Pharmaindustrie einen gewissen Schutz vor globalen Konjunkturabschwüngen.

Doch die Pharmabranche ist im Vergleich zur Industrie weniger beschäftigungsintensiv. So arbeiten bei Schweizer Automobilzulieferfirmen mit 35'000 Personen nicht viel weniger als in der Pharmabranche.

Doch deren Anteil an den Exporten liegt laut Seco unter 10 Prozent, während der Anteil der Pharmaindustrie bei fast 50 Prozent liegt. Umsatzmässig ist die Differenz ungleich grösser.

Deshalb ist die Schwäche der deutschen Automobilwirtschaft auch für die Schweiz ein Grund zur Sorge, denn eine starke Rezession in Deutschland hätte auch hierzulande negative Auswirkungen auf die Beschäftigung, was sich auf die Konsumentenstimmung und letztlich auf das Wirtschaftswachstum auswirken würde.