Rezession im Anmarsch? Die internationale Schuldenblase schürt Ängste

In der Schweiz sind nicht die Unternehmen oder der Staat, sondern die Hauseigentümer das Problem.

Daniel Zulauf
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Das Hauptrisiko für inlandorientierte Banken liegt im Hypotheken- und Immobiliengeschäft. (Bild: Shutterstock)

Das Hauptrisiko für inlandorientierte Banken liegt im Hypotheken- und Immobiliengeschäft. (Bild: Shutterstock)

Nach zehn Jahren Ultratiefzinspolitik sieht sich die Weltwirtschaft mit der Gefahr einer globalen Schuldenblase konfrontiert. In einem Rezessionsszenario steigt das Risiko, dass die Blase platzt. Bricht die Nachfrage ab und bleiben die Erträge aus, kann der Zinsendienst bei verschuldeten Unternehmen schnell zu einer schweren Belastung werden – selbst dann, wenn das Geld zu tiefen Zinsen geborgt ist.

Den hoch verschuldeten Staaten ergeht es nicht viel besser. Auch die privaten Hausbesitzer geraten unter Druck, wenn eine Rezession viele Arbeitsplätze vernichtet. Sie sparen mehr und schwächen so die Binnenwirtschaft, von der man bislang dachte, dass sie eine aussenwirtschaftliche Konjunkturflaute abfedern könnte.

Noch sind wir glücklicherweise nicht so weit. Daniel Rupli, Leiter Aktien- und Obligationenresearch bei der Credit Suisse sagt zwar, der «überlange» Kreditzyklus neige sich dem Ende entgegen. Doch eine Rezession sei auf Sicht der nächsten zwölf Monate nicht zu erwarten. Die Zinszuschläge, welche die Kapitalmärkte von den Unternehmen im Vergleich zu sicheren Staatsobligationen verlangen, befänden sich weltweit immer noch auf einem extrem tiefen Niveau.

Exemplarisch für den Rest der Welt

Die tiefen Kreditrisikozuschläge in der Schweiz sind auch für den Rest der Welt exemplarisch. Eine Unternehmensobligation mit fünfjähriger Laufzeit und einer Qualität (Rating), die mit einer Bonitätsnote von BBB für Pensionskassen und andere institutionelle Anleger mit besonderen Sicherheitsauflagen gerade noch knapp investierbar ist, findet derzeit auch mit einer Rendite von null Prozent oder gar leicht darunter genügend Käufer. Zum Vergleich: Eine Obligation der Eidgenossenschaft mit einer Restlaufzeit von 5 Jahren wird gegenwärtig mit einer Rendite von weniger als -0,8 Prozent gehandelt.

Ob die Gläubiger sorglos sind ist eine Ermessensfrage. Klar ist, dass die Tiefzinspolitik der Notenbanken die Jagd der Investoren nach Rendite befeuert und diese zwangläufig dazu bringt, mehr Risiken einzugehen.

Das ist ein weltweites Phänomen. Der Bestand von qualitativen Borderline-Anleihen mit einem BBB-Rating und von spekulativen Schuldpapieren im hochverzinslichen Bereich, den sogenannten Ramschanleihen, hat sich seit der Finanzkrise in den USA wie auch in Europa vervierfacht. Das stellt der im April veröffentlichte globale Finanzstabilitätsbericht des Internationalen Währungsfonds fest. Noch scheint es aber den allermeisten dieser Firmen einigermassen leicht zu fallen, ihre Schulden zu bedienen. Dennoch schrieb die Nationalbank im Mai in ihrem Finanzstabilitätsbericht unter Verweis auf die Konjunkturverlangsamung und die erhöhten politischen Risiken, dass sich die Kreditqualität der Unternehmen verschlechtert habe. «Vor diesem Hintergrund ist es an den Aktienmärkten zu grossen Kursausschlägen gekommen», heisst es in dem Bericht. Offensichtlich hat sich die Situation seither weiter zugespitzt.

Wie ist die Schweizer Unternehmenslandschaft auf einen Konjunktureinbruch vorbereitet? Die Bilanzen der Firmen, deren Aktien und Obligationen öffentlich gehandelt werden, zeugen mit wenigen Ausnahmen von grosser finanzieller Stärke, sagt Kreditanalyst Rupli. Zwar haben auch viele Schweizer Unternehmen ihre Aktionäre in den vergangenen Jahren sehr verwöhnt und teilweise deutlich mehr Geld ausgeschüttet als an Gewinnen hereingekommen war. Doch diese Politik werde sich im Angesicht einer Krise schnell ändern, meint Rupli.

Die meisten KMU kommen ohne Fremdkapital aus

Auch bei in den privat gehaltenen Klein- und Mittelbetrieben sieht die Finanzierungssituation nicht alarmierend aus. Eine im Herbst 2016 vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) und von der Hochschule für Wirtschaft in Luzern durchgeführte Firmenbefragung stellte analog zu früheren Umfragen fest, dass von den über 550 000 KMU im Land, die zusammen gut zwei Drittel aller Arbeitsplätze stellen, rund zwei Drittel überhaupt kein Fremdkapital einsetzen. Das eine Drittel, das externes Geld benötigt, erhält dieses fast durchwegs in Form klassischer Bankkredite. Solche Firmenkredite haben die Banken auch nach dem Frankenschock vom Januar 2015 relativ grosszügig vergeben, wenn auch nicht in allen Branchen und Unternehmenstypen. Dabei scheint sich die Nachfrage in relativ engen Grenzen gehalten zu haben.

Das könnte sich mit einem konjunkturellen Abschwung ändern. So lässt sich aus der Umfrage unter anderem herauslesen, dass die direkt oder indirekt im Export tätigen industriellen Betriebe ein überdurchschnittliches Bedürfnis nach Bankfinanzierung haben, und dieses Bedürfnis nimmt just dann am stärksten zu, wenn sich der erwartete Umsatz stark verändert – nach oben wie auch nach unten. Logisch ist dies, weil Umsatzsprünge gewöhnlich einen höheren Investitionsbedarf erzeugen, während sich bei scharfen Umsatzeinbrüchen oft ein erhöhter Liquiditätsbedarf manifestiert.

Mit einem Kreditvolumen von um die 13 Milliarden Franken gehört die UBS zu den grössten KMU-Finanzierern in der Schweiz. Die Bank sagt auf Anfrage, dass auch in diesem Unternehmenssegment die Kreditratings zuletzt stabil geblieben seien. Sie stellt auch fest, dass die KMU aufgrund der Negativzinsen ihre Überschussliquidität vermehrt für Investitionen und Kreditrückzahlungen genützt hätten. Doch die finanziellen Puffer vieler KMU im industriellen Bereich sind nach dem Frankenschock dünner geworden. «Der aktuelle Euro-Franken-Kurs drückt massiv auf die Margen exportorientierter Unternehmen und deren Zulieferer», sagt Thomas Schwager von dem auf industrielle KMU ausgerichteten Verband Swissmechanic. «Gleichwohl ist die Situation für unsere Mitgliedsunternehmen heute nicht mehr ganz so dramatisch wie 2015». Viele Firmen hätten ihre Produktivität verbessert und gelernt mit Währungsschwankungen flexibler umzugehen, sagt der Verbandssprecher.

Gute Kunde für Hausbesitzer

Die bilanziellen Risiken der Grossbanken liegen gemäss dem SNB-Stabilitätsbericht vor allem im internationalen Geschäft. Kommt es dort zu einer deutlichen Verschlechterung der Ertragslage könnte dies auch auf die Kreditvergabepraxis in der Schweiz durchschlagen. Bei den inlandorientierten Banken liegt das bilanzielle Hauptrisiko im Schweizer Hypotheken- und Immobiliengeschäft. Hier scheint die Gefahr einer Zinserhöhung, die zu einem Platzen der Preisblase im Häusermarkt führen könnte, weiter in die Ferne zu rücken. Das ist nicht nur eine gute Kunde für die Hausbesitzer und für die Banken, sondern auch für die Unternehmen, für die das Risiko einer durch hohe Bankenverlust bedingte Kreditklemme beschränkt bliebe.