Draghi startet Milliardenwette

Europas Wirtschaft kommt nicht auf Touren. Nun kauft die Europäische Zentralbank im grossen Stil Kreditpapiere auf, selbst Ramsch aus Griechenland.

Fabian Fellmann
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BRÜSSEL. Bis zu 1000 Mrd. € wird die Europäische Zentralbank (EZB) zusätzlich in die Märkte pumpen. Das liess EZB-Präsident Mario Draghi gestern nach einer Sitzung in Neapel durchblicken. Grund dafür sind die schlechten Nachrichten von Europas Wirtschaft. «Die Erholung ist schwach, zerbrechlich, ungleich», sagte Draghi. Ein Ausdruck für die Probleme ist die sinkende Teuerung. Diese sollte bei 2% liegen; das würde auch die Staatsschulden schrumpfen lassen. Derzeit sinkt die Inflationsrate aber stetig, im September lag sie bei gerade mal 0,3%. Die EZB befürchtet, die Eurozone könnte in eine Deflation rutschen. Sinkende Preise, sinkende Löhne und sinkende Investitionen würden die Wirtschaft in eine Depression abgleiten lassen.

Die EZB gibt nun Gegensteuer, indem sie noch diesen Monat ein Programm zum Aufkauf von Kreditverbriefungen und Pfandbriefen startet. Dabei handelt es sich um Wertpapiere, hinter denen durch Sicherheiten gedeckte Kredite stecken, sogenannte Asset Backed Securities. Können die Banken diese Wertpapiere an die EZB weitergeben, verschwinden die Kredite aus ihren Bilanzen – und sie können weitere Kredite ausgeben, was die Wirtschaft ankurbeln soll.

Harsche Kritik aus Deutschland

Auf diese Wette setzt Draghi vorerst 1000 Mrd. €. Die EZB zielt in erster Linie auf Papiere, die Kredite an Unternehmen bündeln, von Hypothekenpapieren hingegen will sie die Finger lassen. Draghi will aber auch zu umstrittenen Mitteln greifen. Das Angebot von sicheren Kreditverbriefungen wird nämlich auf deutlich weniger als 1000 Mrd. € geschätzt. Die EZB ist darum bereit, auch schlecht bewertete Kreditpapiere, etwa aus Griechenland und Zypern, aufzukaufen, die unter Fachleuten als Ramsch gelten.

Vor allem deutsche Wirtschaftswissenschafter kritisieren die Pläne der EZB. «Mit dem Ankauf von ABS – welcher Qualität auch immer – nimmt die EZB enorme Risiken in ihre Bilanz und macht sich zu einer europäischen Bad Bank», sagte etwa der ehemalige EZB-Direktor Jürgen Stark im «Handelsblatt». Die Bank übernehme faule Kredite aus südlichen Ländern, und das Ausfallrisiko trügen die Steuerzahler – allen voran die Deutschen. Draghi antwortete darauf gestern, die EZB werde nur in begrenztem Umfang schlecht bewertete Papiere kaufen, und nur, wenn die entsprechenden Länder Reformen umsetzten.

Weitere Geldspritzen absehbar

Die Massnahmen, welche die EZB im September angekündigt hatte, haben bereits eine gewisse Wirkung entfaltet. So hat der Euro gegenüber dem Dollar deutlich an Wert verloren. Davon profitiert Europas Exportindustrie. Marktbeobachter rechnen aber damit, dass die EZB zu weiteren Schritten gezwungen wird. Vorbild dafür sind die USA, die mit dem Quantitative Easing Hunderte Billionen Dollar in die Märkte pumpten – und deutlich schneller wieder Fuss fassten als die Eurozone.