«Draghi hat geliefert, was von ihm erwartet wurde»

Die Europäische Zentralbank will Hunderte Milliarden Euro in die Wirtschaft pumpen. Martin Neff, Chefökonom von Raiffeisen Schweiz, zu den Folgen des Entscheids.

Richard Clavadetscher
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Martin Neff Chefökonom Raiffeisen Schweiz (Bild: pd)

Martin Neff Chefökonom Raiffeisen Schweiz (Bild: pd)

EZB-Chef Mario Draghi hat im Vorfeld hohe Erwartungen geschürt. Ist er ihnen nun gerecht geworden?

Martin Neff: Das ist er, ganz klar. Er hat einmal mehr geliefert, was er versprochen hat und den Märkten mehr oder weniger das gegeben, was sie von ihm erwartet haben. Das zeigen jetzt auch die Reaktionen an der Börse.

Haben auch Sie den Entscheid so erwartet?

Neff: Eigentlich schon. Wenn man Mario Draghi über Monate beobachtet, dann merkt man schnell: Was er im Vorfeld eines Entscheides auch nur verklausuliert antönt, versucht er anschliessend zu liefern. Aus meiner Sicht ist Draghi keiner, der gerne im Gegenwind steht.

Draghi hat nun also seine letzte Waffe gezückt. Anderes hat ja die Situation bisher nicht verbessert.

Neff: Das ist so. Nun ist sein Potenzial in der Tat langsam, aber sicher ausgeschöpft. Unter dem Strich ist jetzt also die Zeit gekommen, wo alle europäischen Finanzmarkt-Akteure mit Argusaugen auf erste Effekte schauen werden. Es sind jetzt tatsächlich reale Marktergebnisse gefragt.

Was herrscht nun bei Ihnen vor: Skepsis oder Zuversicht?

Neff: Aus einer Schweizer Warte ist dies nicht ganz leicht zu beantworten. Was Draghi an «Gutem» für Europa macht, also den Euro schwächen, ist für uns ja leider kontraproduktiv. Eine Euroschwäche ergibt Potenzial für die weitere Aufwertung des Frankens. Und der Franken liegt bekanntlich schon jetzt in der Schmerzzone.

Worauf schauen Sie denn nun besonders genau?

Neff: Spannend ist nun die Parität Franken/Euro. Seit dem SNB-Entscheid zur Aufgabe des Mindestkurses war zu beobachten, dass die Parität mit einem SMI-Wert von 8000 Punkten korrespondiert. Ein Taucher unter Parität lässt jeweils auch den SMI unter 8000 Punkte absacken. Deshalb ist die Parität offensichtlich eine wichtige Grenze – eine psychologische Marke auch, wenn wir bedenken, wie lange es letztes Jahr gedauert hat, um diesen Wert zu überschreiten. Das ist im Moment die Formel im Finanzmarkt: Wir haben 20 Prozent Währungsschock, dies preisen wir ein mit einer fast ähnlich hohen Korrektur bei den Aktien.

Die Leute interessiert nun natürlich, was der EZB-Entscheid allenfalls für den Franken bedeuten wird.

Neff: Man hat es im Laufe des Tages gesehen: Der grosse Event für den Schweizer Franken war vor einer Woche. Der jetzige EZB-Entscheid ist für ihn kein Grossevent mehr. Allerdings ist es auch kein Entscheid, der uns tendenziell wieder Hoffnung machen könnte. Die EZB kommunizierte ja jetzt eine weitere expansive Massnahme. Im laufenden Jahr wird der Euro also tendenziell eher schwach bleiben. Was für Europa heute eine gute Nachricht ist, ist für die Schweiz leider eine schlechte.

Vor einigen Tagen erwarteten Sie einen Eurokurs von 1.03 bis 1.12. Bleiben Sie dabei?

Neff: Ja, ich bleibe nach wie vor dabei. Wir haben einen Dreimonatshorizont und sind nun bei 1.05. Ob wir die 1.05 schaffen, ist gar nicht so relevant. Für mich ist entscheidend, dass wir in drei Monaten über Parität liegen. Das sollte zu schaffen sein.

Man hört nun wieder den Ratschlag, Gold zu kaufen. Was meinen Sie dazu?

Neff: Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Goldfans, die es noch gibt. Als beim Gold die Korrektur begann, gab es Horrormeldungen. Wichtige Investmentbanken gaben im Verlauf des Jahres 2013 düstere Vorhersagen über den Goldpreis ab. Nun stellen wir jedoch fest, dass sich nicht nur der Dollar gegenüber dem Euro aufgewertet, sondern dass sich auch das Gold positiv entwickelt hat. Und deshalb glaube ich, dass Gold nach wie vor in jedes Portfolio gehört.

Und wie steht es bei den Aktien?

Neff: Wer heute schon Aktien besitzt und noch beabsichtigt zu verkaufen, ist sicher zu spät dran. Ich denke, dass wir beim SMI auf 7981 Punkten Boden gefunden haben und allmählich zwar nicht zu einem Höhenflug, aber doch zu einer Aufholjagd ansetzen werden. Die Bewertung ist heute relativ günstig für Schweizer Aktien.

Von welchen Aktien sollte man eher die Finger lassen?

Neff: Die Finger lassen würde ich zurzeit vor allem von den klassischen zyklischen Industrien, die tendenziell stark im Kostenwettbewerb stehen. Wir reden jetzt von Metall, von Papier, aber nicht von Uhren und von Pharma. Abgesehen von einigen Perlen würde ich auch die Finger lassen von der Textil- und Bekleidungsindustrie, wo eben auch sehr viel über den Preis läuft. Die Lektion, die wir in der Schweiz ja nun bekommen haben, lautet, dass wir kein Land sind, das beim Kostenwettbewerb eine Chance haben wird. Meine Sorge ist, dass wir aus der Industrie in nächster Zeit noch einige schlechte Nachrichten zu hören bekommen. Zuversichtlich bin ich hingegen, dass der Euro gegenüber dem Franken nicht noch mehr verlieren wird.

monete euro (Bild: (66923820))

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