Grosse Risiken
Ein Risiko jagt das nächste: Nach Corona droht nun die «Schulden-Pandemie»

Etliche Firmen stehen nicht so gut da, wie es aussieht. Der Rückversicherer Swiss Re warnt vor der «Zombiefizierung der Wirtschaft»

Daniel Zulauf
Drucken
In der Corona-Pandemie gab es weniger Konkurse als in anderen Krisen.

In der Corona-Pandemie gab es weniger Konkurse als in anderen Krisen.

Marén Wischnewski

Corona ist auf dem Rückzug, die Impfquoten steigen, wenigstens in den grossen Industrienationen, die Konjunkturdaten sind positiv, die Zeichen stehen auf Zuversicht. Doch während die Investoren an den Aktienmärkten das nahende Ende der Pandemie schon seit geraumer Zeit ausgiebig feiern, zeigt sich die Assekuranz besorgt über die Zeit danach. «Die Schulden-Pandemie ist noch lange nicht vorüber», warnt Jérôme Haegeli, Chefökonom von Swiss Re. «Die Zombifizierung der Wirtschaft öffnet Raum für neue Risiken.»

Der Rückversicherungskonzern hat deshalb das Thema in seinen jährlichen Bericht über neue oder wichtiger werdende Arten von Risiken aufgenommen hat. Zombiefirmen werden als Unternehmen definiert, die ihren Schuldendienst langfristig nicht mit den Einnahmen aus dem laufenden Geschäft decken können.

30 bis 40 Prozent - Tendenz steigend

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) untersucht das Phänomen seit längerer Zeit und hat festgestellt, dass die Zahl solcher Firmen in vielen reifen Volkswirtschaften bereits seit den 1980er-Jahren zunimmt und 2017 schon 15 Prozent aller börsenkotierten Unternehmen betraf. Den Anteil dieser Zombiefirmen am Total der ausstehenden Schulden aller börsenkotierten Firmen in den 14 ausgewählten Ländern bezifferte die BIZ-Studie mit 30 bis 40 Prozent.

Die Entwicklung dürfte sich als Folge der umfangreichen Staatshilfeprogrammen während der Pandemie noch verschärft haben. Als Hinweis darauf können die in vielen Länder rückläufigen Insolvenzen genommen werden. In Frankreich etwa, ist die Zahl der Firmenpleiten 2020 um nahezu 40 Prozent zurückgegangen, nachdem sie im Rezessionsjahr 2009 um rund 15 Prozent hochgeschnellt war (vgl. Grafik).

Ohne die Staatshilfen hätte der pandemiebedingte, weltweite Konjunktureinbruch eigentlich eine starke Zunahme der Konkurse bewirken müssen, vermutet auch Swiss Re.

Die Kreditausfallrisiken werden zu tief bewertet

Für die Assekuranz ist die Entwicklung insofern ein Problem als eine ineffiziente Verteilung der Investitionen und Ressourcen zu falschen Schlüssen bezüglich Risiken führen kann. «Die von den Kapitalmärkten angezeigten Kreditausfallrisiken sind viel zu tief», betont Swiss-Re-Ökonom Haegeli und sie würden auch von den Rating-Agenturen kaum gespiegelt. «Die Rating-Agenturen betrachten die Ausfallrisiken typischerweise über eine Frist von zwölf Monaten. In einer längerfristigen Optik sind viele Bonitätsbewertungen zu positiv.»

Das Umfeld ist nicht nur für die spezialisierten Kreditversicherer ein Problem. Vielmehr betrifft es im Urteil von Haegeli die ganze Versicherungswirtschaft. Die Versicherer verwalten weltweit rund 25'000 Milliarden Dollar als langfristige Kapitalanlagen. Eine risikogerechte Verteilung dieses Kapitals auf Projekte, die ein solides Wirtschaftswachstum unterstützen, begünstigen selbstredend auch die Genesung der Wirtschaft. Das ist in der Einschätzung von Haegeli umso wichtiger als sich die Weltwirtschaft bis zum Ausbruch der Pandemie noch nicht vollständig von der Finanzkrise habe erholen können.

Die Weltwirtschaft sei mit einer geringeren Schockresistenz in die Pandemie geraten als sie noch vor der Finanzkrise im Jahr 2006 bestanden habe, betont der Ökonom. Vor diesem Hintergrund dürfe die Selektion der Unternehmenslandschaft zwischen langfristig lebensfähigen und nicht lebensfähigen Firmen nicht länger hinausgezögert werden.

Aktuelle Nachrichten