Direktoren als Geiseln

In Frankreich befreit die Polizei Goodyear-Manager aus der Hand der Arbeiter. Der jahrelange Sozialkonflikt ist Abbild der Misere ganzer Industriebranchen.

Stefan Brändle
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PARIS. In Amiens begehren Hunderte Goodyear-Arbeiter auf. Am Montag früh setzten sie zwei Direktoren in einem Verhandlungsraum fest. Hintergrund der Aktion ist der Entscheid des US-Mutterkonzerns Goodyear, die Produktion in Amiens zu schliessen. 1147 Stellen gehen verloren. Ähnliches tut sich in anderen französischen Pneufabriken wie Continental oder Michelin.

Offener Schlagabtausch

Kaum mehr konkurrenzfähig, hat die französische Industrie seit 2000 insgesamt 800 000 Jobs verloren. Und jetzt Goodyear. «Es ist eine soziale Ungerechtigkeit für mehr als 1100 Familien, die direkt betroffen sind von einer schändlichen Fabrikschliessung durch einen Konzern, der kolossale Profite macht», erregt sich Mickaël Wamen von der Gewerkschaft CGT. Die Konzernleitung wirft der Belegschaft ihrerseits vor, jede Lösung zu hintertreiben. Schon 2008 habe die CGT eine neue Achtstundenschicht sowie weitere Sozialpläne abgelehnt. Goodyear beschloss daraufhin, in Amiens 820 Jobs abzubauen und schliesslich gleich die ganze Fabrik abzustossen. Doch der geplante Verkauf an Titan, einen US-Hersteller von Agrarreifen, scheiterte.

Gestern befreite ein Grossaufgebot der Polizei die beiden festgehaltenen Goodyear-Direktoren, die das Areal unter den Buhrufen der Arbeiter verliessen.

«Wir wollen nur noch Kohle»

Diese haben den Kampf um ihre Fabrik aufgegeben; mit der Festsetzung der Manager wollten sie einzig höhere Abgangsentschädigungen herausholen. «Wir wollen nur noch Kohle, damit unsere Familien wenigstens eine Zeitlang zu leben haben», sagt Gewerkschafter Franck Jurek. Der Konzern bietet den Arbeitern 20 000 € pro Kopf, die CGT fordert 80 000 €. Sofort nach der Polizeiaktion rief die CGT die Arbeiter zur Besetzung des Fabrikgeländes auf – mit den riesigen Reifenlagern als Pfand.

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