Interview

Digitalisierung der Arbeit: «Irgendwann ist der Kopf voll»

Flexibles Arbeiten zu Hause senkt den Stress, weil man sich die Zeit besser einteilen kann. Aber die Digitalisierung der Arbeit führt auch zu neuen Belastungen: Die Arbeit wird verdichtet - und anstrengender, sagt HSG-Professor Stephan Böhm.

Kaspar Enz
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Arbeit von zu Hause aus tut vielen Arbeitnehmern gut: Sie können ihre Zeit freier einteilen.

Arbeit von zu Hause aus tut vielen Arbeitnehmern gut: Sie können ihre Zeit freier einteilen.

Bild: Christian Beutler/KEY

Was heisst die Digitalisierung für die Gesundheit der Arbeitnehmer? Dem ging HSG-Professor Stephan Böhm in einer Studie nach, für die 8000 Arbeitnehmer über drei Jahre befragt wurden.

In den letzten Monaten arbeiteten viele Leute digital im Homeoffice. Hat sie das gesünder gemacht?

Stephan Böhm: Das ist schwer zu sagen. Die Pandemie ist eine ungewöhnliche Situation, die zu Stress führt: Unsicherheit, die Angst, sich anzustecken. Viele Eltern mussten neben der Arbeit zu Hause auch noch die Kinder unterrichten. Aber an sich führt flexibles Arbeiten im Homeoffice zu weniger Stress.

Warum?

Weil der Arbeitsweg entfällt, hat man mehr Zeit. Die kann man sich leichter so einteilen, dass man Familie und Beruf abstimmen kann. Und das tut gut, das zeigen zumindest Studien, die wir vor Corona gemacht haben. Wir sehen mehr Wohlbefinden und weniger Schlafprobleme.

Aus gesundheitlicher Sicht ist es also zu begrüssen, wenn sich Homeoffice auch nach Corona durchsetzt?

Tatsächlich haben nun viele skeptische Arbeitgeber gute Erfahrungen mit Homeoffice gemacht. Gesundheitlich sind aber ein paar Nachteile zu nennen: Weil der Arbeitsweg wegfällt, bewegt man sich weniger, und

nicht jeder Küchentisch ist ergonomisch ideal.

Homeoffice ist aber nur ein Teil der Digitalisierung am Arbeitsplatz.

Die Digitalisierung ermöglicht erst die Flexibilität. Aber sie ist zuerst einmal ein technischer Prozess. Im Arbeitsalltag führt sie dazu, dass Routinearbeiten zunehmend wegfallen. Was bleibt, sind Aufgaben, die mehr Nachdenken, mehr Entscheidungen erfordern. Arbeit wird verdichtet.

Vom Grossraumbüro ins Homeoffice

Bis im Juni arbeitete ein grosser Teil der Büroangestellten zu Hause im Homeoffice. Seither kehrt man vielerorts wieder in die Büros zurück. Doch gerade in Grossraumbüros sei die Umsetzung der Hygiene- und Verhaltensregeln oft eine Herausforderung, heisst es im Sommer-Update des Immo-Monitoring von Wüest Partner. «Seit Corona stehen die Nachteile, die durch die Dichte am Arbeitsplatz entstehen, im wahrsten Sinne des Wortes im Raum», heisst es in dem Bericht.


So trage auch die Frage der Abstandsregeln dazu bei, dass viele Arbeitgeber auch nach Corona vermehrt auf Homeoffice setzen. Aber sie ist nicht die einzige: So ist das Homeoffice bei vielen Mitarbeitenden eher beliebt.


Deshalb rechnen 44 Prozent der Unternehmen mit klassischer Bürotätigkeit damit, dass ihre Mitarbeitenden künftig mehr von zu Hause aus arbeiten, schreibt Wüest Partner. Bei 13 Prozent seien es sogar «viel mehr». Interessant dabei: Unternehmen, die in Grossraumbüros arbeiten, drängt es eher ins Homeoffice. Knapp drei Viertel wollen den Anteil der Arbeit zu Hause erhöhen. Bei Unternehmen, wo Einzelbüros vorherrschen, ist dieser Wert nur einen Viertel so hoch. (ken)

Das macht die Arbeit doch interessanter, wenn die Routinearbeit wegfällt.

Sie wird aber auch anstrengender. Wenn man sich den ganzen Tag mit komplexen Dingen auseinandersetzt, ist man schneller gestresst und überlastet. Viele Büroangestellte nutzten Routinetätigkeiten auch, um dem Kopf eine Pause zu gönnen, oder sie begannen den Tag damit.

Diese Pausen für den Kopf fehlen?

Immer mehr, und zwar auch für Arbeiten in der Fertigung. Wer in einer Industriehalle ein Bauteil stanzt, bedient heute vor allem einen Roboter.

Stephan Böhm ist Direktor des Center for Disability and Integration an der Universität St.Gallen.

Stephan Böhm ist Direktor des Center for Disability and Integration an der Universität St.Gallen.

Wie kann man dieser steigenden Belastung begegnen?

Führungskräfte müssen die Stärken ihrer Mitarbeitenden besser verstehen. So können sie die Leute für die Aufgaben einsetzen, die ihnen leichter fallen.

Müsste man nicht einfach weniger arbeiten?

Die Digitalisierung steigert die Effizienz und irgendwann ist der Kopf voll. Abwegig ist es nicht.

Man muss sicher wegkommen von der starren Orientierung an der Zeit.

Es gilt, mit den Mitarbeitern Ziele festzulegen, die innert vernünftiger Zeit zu erreichen sind. Das passt auch besser zu flexibler Arbeit.

Sie sprechen in der Studie von der «digitalen Überlastung». Was ist das?

Dazu gehört die ständige Erreichbarkeit auf allen Kanälen. Geräte wie Smartphones machen abhängig. Ständig blinkt etwas auf, man schaut drauf. Es ist schwer, sie auszuschalten. Früher wartete man zwei Wochen auf die Antwort auf einen Brief. Heute warten Hunderte von E-Mails, wenn man aus den Ferien zurückkommt. Viele haben da das Gefühl, sie müssten immer erreichbar sein. Die Arbeitszeit ist nie fertig.

Die Kehrseite der Flexibilität. Was ist dagegen zu tun?

Eine Möglichkeit ist es, Spielregeln einzuführen: Wann ist man erreichbar, wie lange kann man sich für eine Antwort Zeit lassen? Gibt es Tage, an denen alle im Büro sind? Am besten legen das Teams gemeinsam fest.

Jüngere leiden laut Ihrer Studie mehr unter dieser digitalen Überlastung. Warum?

Ältere Mitarbeiter haben gelernt, wie sie mit Druck umgehen. Sie haben einen Platz im Leben gefunden, sie sind zufriedene. Sie haben weniger Burnouts. Deshalb sind ältere Mitarbeiter auch eine wichtige Ressource für Unternehmen. Jüngere hingegen müssen erst noch ein Rezept finden.

Flexibilität kann Stress abbauen. Aber nicht jeder Beruf erlaubt sie.

Klar ist es für eine Pflegerin, einen Schichtarbeiter oder einen Polizisten schwieriger, zu Hause zu arbeiten, als für einen Berater. Aber auch hier ist mehr Flexibilität möglich. Man kann den Leuten mit Doodle mehr Einfluss auf ihre Dienstpläne geben. Berichte schreiben und Administrativkram erledigen kann man auch von zu Hause aus. Und da bewegt sich auch in der Praxis bereits einiges.

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