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Die digitale Revolution gefährdet die Sozialpartnerschaft

Der konstruktive Dialog zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern war bislang ein Schlüssel für den wirtschaftlichen Erfolg der Schweiz. Jetzt braucht das System dringend eine Reform.
Daniel Zulauf
Uber-Fahrer sind selbständig tätig. Solche Arbeitsformen dürften mit der zunehmenden Digitalisierung häufiger werden. (Bild: Seth Wenig/AP, San Franciso, 15. September 2018)

Uber-Fahrer sind selbständig tätig. Solche Arbeitsformen dürften mit der zunehmenden Digitalisierung häufiger werden. (Bild: Seth Wenig/AP, San Franciso, 15. September 2018)

Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens war chancenlos, als sie vor zwei Jahren in Form einer Volksinitiative an die Schweizer Bevölkerung herangetragen wurde. Drei Viertel der Stimmenden sagten Nein zu diesem Modell, obwohl es nahezu perfekt in die Welt der Zukunft zu passen scheint. Offensichtlich definieren sich die meisten Menschen in der Schweiz noch immer stark über ihren Beruf. Geldverdienen ohne eine bezahlte Arbeit dafür zu leisten, ist deshalb für viele eine sehr fremde Vorstellung. Doch die Roboter nehmen auf die Liebe der Menschen zu ihrer Arbeit keine Rücksicht.

Die Beratungsgesellschaft McKinsey prophezeit, dass in der Schweiz in den kommenden 15 Jahren bis zu 1,2 Millionen Jobs überflüssig werden, wenn die nächste grosse Digitalisierungswelle über die Wirtschaft und die Verwaltung hinweggefegt ist. Zwar soll die Automatisierung der Arbeitswelt auch viele neue Arbeitsplätze schaffen – McKinsey spricht von bis zu 800 000. Aber was macht ein Verkäufer, der seine Stelle verliert, weil sein Laden im Wettbewerb mit den Onlinehändlern nicht mehr bestehen kann? Für eine Karriere als Computertechniker oder Softwareingenieur, wo gemäss McKinsey die Hälfte der neuen Jobs entstehen wird, fehlt ihm das Wissen. Für ­einen Job als Hilfskraft im Gesundheitswesen, wo die Nach­frage nach Arbeit ebenfalls stark zunehmen soll, mangelt es ihm vielleicht an der Motivation.

Selbstständigkeit statt Gesamtarbeitsvertrag

Der Verkäufer wäre also ein prädestinierter Empfänger des bedingungslosen Grundeinkommens. Doch für den (wahrscheinlichen) Fall, dass er auch in 15 Jahren noch lieber Lohnarbeit verrichtet als ein staatliches Grundeinkommen zu beziehen, müssen praktische Lösungen auf den Tisch. Das ist das Feld der «Fondation CH2048». Die spendenfinanzierte Stiftung mit breiter Verankerung in der Welt der Unternehmen, der Arbeitnehmer der Wissenschaft und der Politik schwebt quasi über den Institutionen. Sie möchte diese gleichsam bestäuben mit konkreten Ideen, wie die digitale Revolution zum Nutzen aller gestaltet werden kann. Die Stiftung verfolgt ehrgeizige Pläne, das zeigt schon ihr Name. 2048 ist das Jahr, in dem der moderne Bundesstaat seinen 200. Geburtstag feiert. Inmitten eines von maroden Monarchien gelähmten Europas schuf die Schweiz 1848 eine demokratische Verfassung, die nicht nur im Urteil des Basler Ökonomen und Stiftungsgründers Christoph Koell­reuter ausschlaggebend für den rasch wachsenden Wohlstand im Land gewesen waren.

Um dieses Erfolgsmodell langfristig zu sichern, sei eine breit angelegte wirtschafts- und sozialpolitische Diskussion im Land «überfällig», sagt Koellreuter. «Das Ziel muss es sein, dass möglichst alle Erwerbsfähigen auch arbeitsmarktfähig bleiben und an den Digitalisierungsgewinnen teilhaben können», heisst es in einem Grundsatzpapier, in dem die Stiftung fünf Empfehlungen zur Erneuerung der Sozialpartnerschaft und fünf Reformideen zum Sozialversicherungssystem formuliert.

Die Digitalisierungsgewinne sind naturgemäss am grössten, wenn der damit zusammenhängende Strukturwandel nicht ­blockiert, sondern möglichst ­störungsfrei zugelassen wird. In puncto Strukturwandel hat die Schweiz in den letzten Jahrzehnten zweifellos Hervorragendes geleistet. Die Basler Grosschemie hat sich seit den 1980er-Jahren in eine extrem kompetitive Pharmaindustrie verwandelt, die inzwischen zum wichtigsten Exportzweig aufgestiegen ist. In einem ähnlichen Strukturwandel steckt zurzeit die Finanzbranche, und auch dieser ist bislang vergleichsweise glimpflich über die Bühne gegangen, wenn man in Rechnung stellt, wie gross die volkswirtschaftliche Bedeutung der Banken für die Schweiz vor 15 oder 20 Jahren noch war. Koellreuter führt den erfolgreichen Wandel wesentlich auf die funktionierende Sozialpartnerschaft zurück. Diese habe flexible Lösungen gebracht und gleichzeitig die notwendige Sicherheit für die Arbeitnehmenden gewährleistet.

Koellreuter ist überzeugt, dass die Schweiz diese Sozialpartnerschaft in die neue digitale Welt hinüberretten muss, wenn sie ihre Wettbewerbsfähigkeit und das hohe Wohlstandsniveau verteidigen will. Die Empfehlungen basieren auf der Annahme, dass sich die Arbeitswelt gründlich verändern wird und neue Erwerbsformen jenseits des traditionellen Modells der langjährigen Vollzeitanstellung eine grosse Bedeutung erlangen könnten. Flexible, teilweise auf Selbstständigkeit basierende Arbeitsformen passen in der Regel aber nur sehr schlecht zum Konzept der Gewerkschaften und der Arbeitnehmerverbände. Die Verbände sind es gewohnt, die Interessen der in ­traditionellen Vertragsformen organisierten Arbeitnehmerschaft zu vertreten und für diese beispielsweise Gesamtarbeitsverträge auszuhandeln. Auch auf der Arbeitgeberseite denkt man primär in diesem Muster.

Die Veränderungen in der Arbeitswelt bergen das Risiko, dass eine zunehmende Zahl von Beschäftigten nicht mehr durch diese sozialpartnerschaftlichen Strukturen repräsentiert wird. Das hätte zunächst für die Beschäftigten selber erhebliche Nachteile, weil sie im Unterschied zu den Gewerkschaften keine Verhandlungsmacht gegenüber ihren Auftraggebern aufbauen können. Umgekehrt sähen sich aber auch die Gewerkschaften und Angestelltenverbände selber geschwächt, wenn ihnen die Mitglieder abhandenkommen.

Sozialversicherungen müssten angepasst werden

Mit einer Ausweitung der Sozialpartnerschaften ist der Wandel aber noch nicht geschafft. Nötig seien auch gesetzliche Anpassungen der Sozialversicherungssysteme, heisst es in dem Grundsatzpapier der Fondation. Zu lösen gelte es insbesondere das Problem, dass Selbstständigerwerbende bei der obligatorischen beruflichen Versorge wie auch bei der Arbeitslosenversicherung und bei anderen Sozialversicherungsleistungen den unselbstständig Erwerbenden gegenüber schlechter gestellt sind. Eine wie auch immer geartete Gleichstellung wäre aber mit höheren Kosten für die Sozialversicherungssysteme verbunden, was wiederum ein neues Finanzierungsmodell über Steuern nötig machen würde. Auch in der Berufs- und Weiterbildung öffnen sich Lücken zwischen Selbstständig- und Unselbst­ständigerwerbenden, die es auf einem hohen und zukunftsfähigen Niveau zu schliessen gelte.

Mindestens im Kreis der Fondation-Mitglieder scheint man sich über die Herausforderungen der nächsten Jahre einig zu sein. Stefan Studer, Geschäftsführer des Verbandes Angestellte Schweiz, sagt: «Die digitale Welt wird nicht nur den Arbeitsplatz verändern, sondern auch die Einstellung zur Arbeit, zum Arbeit­geber und gegenüber den Ver­bänden. Für Letztere wird es ­unerlässlich sein, frühzeitig ihr Ökosystem grundlegend zu überdenken und anzupassen. Angebot, Ausrichtung und Handeln müssen neu definiert werden, ansonsten droht den Verbänden, dass sie von der voraussichtlichen Geschwindigkeit der anfallenden Anpassungsprozesse überrollt werden. Dazu gehört auch die Hinterfragung des gewerkschaftlichen Selbstverständnisses.»

Arbeitgeberseitig ergänzt Swisscom-Personalchef Hans Werner: «Die Digitalisierung bringt eine Vielfältigkeit der Laufbahnen, Anstellungsbedingungen, aber auch der Führungs- und Zusammenarbeitsformen hervor. Die verschiedenen Systeme der sozialen Absicherung und angestammte Denkweisen werden dem nicht mehr gerecht. Es ist höchste Zeit, diese Rahmenbedingungen in einer konstruktiven Sozialpartnerschaft neu zu gestalten.» Das Abstimmungsergebnis über das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Fingerzeig, dass die Sozialpartner und der Staat diesen schwierigen und langen Weg gemeinsam in Angriff nehmen sollten. So scheint es die Bevölkerung zu wollen.

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