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Kindervelo verkaufen, Babysitter suchen, Videos von Einbrüchen teilen: die digitale Nachbarschaftshilfe machts möglich

Apps wie Nextdoor setzen zunehmend auf hyperlokale Strukturen. Damit können sich Nutzer mit ihrer unmittelbaren Umgebung vernetzen. Der Preis dafür ist die Preisgabe von Daten. Nextdoor will auch in die Schweiz expandieren.
Adrian Lobe
Das soziale Netzwerk Nextdoor steht auf dem Sprung in die Schweiz, wie der Website zu entnehmen ist. (Bild: Urs Bucher)

Das soziale Netzwerk Nextdoor steht auf dem Sprung in die Schweiz, wie der Website zu entnehmen ist. (Bild: Urs Bucher)

«All business is local», lautet eine alte Weisheit in der Geschäftswelt. Damit gemeint ist, dass es zwar globale Absatzmärkte gibt, aber Gewinne vor Ort erwirtschaftet werden. In der Internetökonomie galt dieser Satz nicht viel, schliesslich ist das World Wide Web ein Medium, das Distanzen und Räume überwindet. Ob man eine Spiele-App von München oder Mumbai aus programmiert, ist egal. Die globale Digitalwirtschaft setzt vor allem auf Netzwerkeffekte.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg beschwört mantrahaft die Vision einer «globalen Community», in der sich Menschen aus der ganzen Welt vernetzen. Eingedenk des Diktums «All business is local» ist Facebook dazu übergegangen, stärker lokale Märkte zu berücksichtigen. Nach den Skandalen um Datenlecks und Fake News benötigt das soziale Netzwerk seriöse Inhalte, um seine Nutzer bei der Stange zu halten. Und Klicks und Likes funktionieren am besten mit Themen und Ereignissen, die in der unmittelbaren Umgebung des Nutzers stattfinden.

Kinderärzte, Babysitter, Klavierlehrer

Das soziale Netzwerk Nextdoor setzt schon länger auf den Nachbarschaftseffekt. Das Prinzip ist ähnlich wie bei Facebook, nur mit einem starken regionalen Filter. Zunächst meldet man sich mit Klarnamen und Wohnadresse an. In einer Art Newsfeed (das Interface ist fast eine Kopie von Facebook) erfährt der Nutzer Neuigkeiten aus seiner direkten räumlichen Umgebung: Veranstaltungen wie Flohmärkte, Sicherheitstipps, Meldungen über Einbrüche, Kaufangebote und Kaufgesuche, etwa für Kindervelos oder Töffstiefel. Auf einer Karte sind mit grünen Punkten jene Bewohner der umliegenden Strassen verzeichnet, die auf Nextdoor registriert sind; sie kann man per Direktnachricht kontaktieren. Man findet Kinderärzte, Babysitter oder Klavierlehrer. In einem Fundbüro können verlorene oder vermisste Gegenstände gemeldet werden. Nextdoor ist eine Mischung aus Branchenverzeichnis, Kontaktbörse, Schwarzem Brett und Ebay-Kleinanzeigen.

2008 in San Francisco gegründet, hat die hyperlokale ­Online-Community kontinuierlich expandiert. Seit 2017 ist der Dienst in Deutschland verfügbar, 2018 folgten Frankreich, Italien und Spanien. Nextdoor ist mittlerweile in 165'000 Nachbarschaften präsent. Auch in der Schweiz hat sich Nextdoor auf seiner Website angekündigt. Zwar hat das Nachbarschaftsnetz in Europa, wo es auf Konkurrenzportale trifft wie nebenan.de oder mesvoisins.fr, noch nicht den Durchdringungsgrad wie auf dem US-Markt; dort liegt er bei 70 Prozent. Auch kann die Plattform mit 17 Millionen Nutzern nicht mit Facebook mithalten. Doch belegt Nextdoor eine lukrative Nische.

Zielgenaue Werbung, Videos von Einbrüchen

Der zentrale Unterschied zwischen Nextdoor und anderen sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter ist, dass die Mitglieder über die physische Adresse angesprochen werden können. Das macht Nextdoor zu einem interessanten Marketinginstrument. Der US-Versicherer State Farm hat Anzeigen in zehn verschiedenen Communities auf dem Nachbarschaftsportal getestet, mit überwiegend positiven Resultaten. Wenn an einer Hausadresse ein Einbruch gemeldet wird, könnte eine Sicherheitssfirma zielgenau Werbung für ­Sicherheitsschlösser und einbruchsichere Fenster ausspielen. Nextdoor-Gründer Nirav Tolia hat aus der Nachbarschaftshilfe ein Milliardengeschäft gemacht: Die Firma ist mittlerweile über eine Milliarde Dollar wert.

Längst interessieren sich auch Techkonzerne für hyperlokale Communities. Amazon etwa hat 2018 das Start-up Ring übernommen, das smarte Türklingeln herstellt. Ring hat derweil eine App namens Neighbors lanciert, ein soziales Netzwerk, wo Nutzer Fotos und Videos von Paketdiebstählen, Einbrüchen und anderen «verdächtigen Aktivitäten» teilen können. Ähnlich funktioniert die App Citizen, mit der Nutzer Polizeimeldungen in ihrer Nachbarschaft und sogar Livestreams von Polizei- und Feuerwehreinsätzen teilen können. Es ist eine Art informeller Polizeifunk.

Der Preis des Lebens im globalen elektronischen Dorf

Um die App zu nutzen, muss der Nutzer Ortungsdienste aktivieren. Diese Daten in Verbindung mit Kriminalitätsberichten könnten für Versicherer bei der Kalkulation ihrer Policen von Interesse sein: Bürger, die in einer Gegend mit hoher Diebstahlquote wohnen, könnten Aufschläge für die Motorfahrzeug- oder Kaskoversicherung bezahlen. Das ist der Preis, in einem globalen elektronischen Dorf zu leben.

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