«Diese Entwicklung macht mich traurig»

Der Wegelin-Verkauf löst auf dem Finanzplatz St. Gallen gemischte Gefühle aus. Die Konkurrenz wertet den Verkauf als mutigen Schritt, bedauert aber gleichzeitig das Verschwinden der ältesten Schweizer Privatbank. Für die Ostschweiz gehe damit ein Stück Kulturgut verloren.

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Roland Ledergerber (Bild: Coralie Wenger)

Roland Ledergerber (Bild: Coralie Wenger)

Die St. Galler Banken reagierten gestern erstaunt bis konsterniert auf den Verkauf der Bank Wegelin an die Raiffeisen-Gruppe. Roland Ledergerber, Präsident der Geschäftsleitung der St. Galler Kantonalbank, zeigt sich «schockiert und überrascht»: «Diese Entwicklung macht mich traurig. Für den Bankenplatz St. Gallen ist das ohne jeden Zweifel ein Verlust.» Weiter will er den Verkauf nicht kommentieren. «Dazu fehlen mir die nötigen Hintergrundinformationen.»

Doppelt betroffen

Ledergerber steht mit seiner Zurückhaltung nicht allein da. Auch die anderen St. Galler Banken wollen die Lage zuerst analysieren. Denn als Mitbewerber vor Ort sind sie stärker vom Verkauf betroffen als andere Institute. Zum einen verschwindet ein bedeutender Konkurrent im Privatkundengeschäft, zum andern kann ein starker Rivale sein Geschäft massiv ausweiten – und beides direkt vor der Haustür. «In zwei Wochen sind wir sicher schlauer», sagt Walter Ernst, Vorsitzender der Geschäftsleitung der St. Galler Vadian Bank. Er lobt den Verkauf aber als «mutigen und entschlossenen Schritt». Für die Kunden und Mitarbeitenden sei dies eine sehr gute Lösung. «Man hat den Problembereich vom gesunden Geschäft getrennt. Das gibt Sicherheit.» Für die persönlich haftenden Gesellschafter tue es ihm hingegen «wahnsinnig leid», sagt Ernst. «Für sie ist es eine sehr schwere Bürde, die sie da tragen müssen.» Ein Verlust sei es auch für den Schweizer und speziell den St. Galler Finanzplatz. «Mit dem Verkauf von Wegelin geht ein Stück Ostschweizer Kulturgut kaputt.»

Unmittelbar vom Wegelin-Verkauf betroffen ist auch die St. Galler Acrevis Bank, die 2011 aus dem Zusammenschluss der CA St. Gallen und der Regiobank entstanden ist. Der Acrevis-Hauptsitz liegt am St. Galler Marktplatz – in Sichtweite des Wegelin-Gebäudes.

«Rasches und konsequentes Handeln»

Stephan Weigelt, Vorsitzender der Acrevis-Geschäftsleitung, zeigt sich von der Nachricht ebenfalls überrascht. «Wir verfolgen die Entwicklung mit grosser Spannung.» Von Interesse sei vor allem, wie die Öffentlichkeit und die Kunden reagieren, sagt Weigelt. «Wir werden die Situation analysieren und uns darauf einstellen.» Zum Verkauf selber will sich Weigelt nicht äussern. Er traue den Wegelin-Teilhabern allerdings zu, dass sie alles sehr genau und ernsthaft analysiert haben. «Der Verkauf deutet auf ein rasches und konsequentes Handeln hin. Hier wurde offensichtlich nicht versucht, etwas zu verzögern.»

«Ein Donnerschlag für St. Gallen»

Beim St. Galler Volkswirtschaftsdirektor Beni Würth löst der Verkauf zwiespältige Gefühle aus. «Das ist ein Donnerschlag für den Finanzplatz St. Gallen. Ein grosser Name geht verloren.» Wegelin habe als älteste Schweizer Privatbank das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Region während Jahrhunderten geprägt, sagt Würth. Der Verkauf sei aber in dieser Drucksituation die beste aller Lösungen, vor allem mit Blick auf die Arbeitsplätze und die Kunden. Aus Ostschweizer Sicht sei diese Lösung sogar erfreulich. «Es wären andere Varianten denkbar gewesen, die eine Schwächung des Finanzplatzes St. Gallen zur Folge gehabt hätten. Das ist nicht eingetroffen. Und darüber bin ich sehr erleichtert.»

Andri Rostetter

Beni Würth (Bild: Ralph Ribi)

Beni Würth (Bild: Ralph Ribi)