Die Zukunft muss warten

Trotz beinahe vollendeter Sanierung rumort es in der AFG Arbonia-Forster weiter. Zu reden gibt vor allem der frühere Patron Edgar Oehler. Hinterfragt werden seine Rolle bei der Absetzung von Konzernchef Frutig und sein China-Mandat.

Thomas Griesser Kym
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Der frühere AFG-Patron Edgar Oehler, hier vor drei Jahren auf der Terrasse des opulenten Hauptquartiers des Bauausrüsters in Arbon. (Bild: Urs Jaudas)

Der frühere AFG-Patron Edgar Oehler, hier vor drei Jahren auf der Terrasse des opulenten Hauptquartiers des Bauausrüsters in Arbon. (Bild: Urs Jaudas)

ARBON. Gregor Greber, Chef des Vermögensverwalters und Aktionärsdienstleisters zCapital, spricht Klartext: «Wir verlangen eine unabhängige Untersuchung zu Edgar Oehlers Mandat bei der STI in China.» Greber ist in dieser Sache mit dem Verwaltungsrat (VR) der AFG Arbonia-Forster «im Dialog». Sollte seinem Begehren nicht entsprochen werden, will zCapital dem VR an der Generalversammlung (GV) vom kommenden 25. April die Entlastung verweigern (vgl. Ausgabe von gestern). Als äusserstes Mittel sind laut Greber Verantwortlichkeitsklagen einzelner Aktionäre gegen VR-Mitglieder «nicht ausgeschlossen».

zCapital drängt zur Eile

Worum geht es? Seit August letzten Jahres ist Oehler im Rahmen eines befristeten Mandats Chef der chinesischen Tochter der STI Group, die in der Oberflächentechnologie tätig ist, zur AFG gehört und zum Verkauf steht. 2013 wurde Oehler für dieses Mandat und zur Bereinigung der Bauabrechnung mit dem chinesischen Generalunternehmer mit 430 000 Fr. entlöhnt (vgl. Ausgabe vom 5. März). Der Streit mit den Chinesen zieht sich seit 2012 hin; in jenem Jahr kassierte Oehler für seine Dienste bereits 124 000 Franken. Öffentlich gemacht wurden das Mandat und diese Summen erst im AFG-Geschäftsbericht 2013. Greber verlangt nun Auskunft über die Zielsetzung des Mandats Oehlers, dessen Reporting-Pflichten, seine Abgrenzung zum operativen Topmanagement und darüber, wer Oehler kontrolliert. Erste Antworten auf seine Fragen will Greber «bereits vor der GV. Ein externer Untersuchungsbericht kann detailliert Auskunft geben.»

Offene Fragen ranken sich auch immer noch um die abrupte Absetzung von Daniel Frutig als Konzernchef vor Monatsfrist. Hartnäckig halten sich Spekulationen, hinter dem Rauswurf stecke als treibende Kraft Oehler. Dieser hatte Frutig vor drei Jahren als seinen Nachfolger präsentiert. Zuvor hatte Oehler bereits das VR-Präsidium abgegeben und wegen der Einführung der Einheitsaktie seine absolute Mehrheit an der AFG verloren. Kritiker wie der oppositionelle Aktionär und Anwalt Rudolf Schaub hatten konstatiert, Oehler weiche auf Druck der Banken; der Patron erklärte zur schrittweisen Abgabe seiner Alleinherrschaft, dass «die Verantwortung immer grösser wurde».

Kritik von Walter Fust

Der aktuelle VR-Präsident Rudolf Graf, der die AFG interimistisch auch operativ lenkt, schwor jüngst an der Bilanzpressekonferenz Stein und Bein, Frutigs Abgang sei kein Racheakt Oehlers. Sukkurs erhält Graf von einzelnen Analysten. Sie halten es tatsächlich für denkbar, dass Graf und seine VR-Kollegen befanden, es sei besser, die AFG nach ihrem Umbau zum reinen Bauausrüster mit einem neuen Chef in die Zukunft zu leiten. AFG-Sprecher Stefan Kern bekräftigt, der VR sei «einstimmig zum Schluss gekommen, dass zur Sicherstellung eines dynamischen Wachstums eine darin erfahrene und erfolgreiche Persönlichkeit das Unternehmen führen soll».

Oehler selbst hat als nach wie vor grösster AFG-Aktionär mit seinem Anteil von 18,42% zwar noch einen gewissen Einfluss, aber im VR ist er nur einer unter sechs Mitgliedern. Diesem Gremium kann er kaum seinen Willen aufzwingen. Und falls doch, müssten sich die anderen Verwaltungsräte fragen, ob sie ihren Job richtig machen.

Eine andere Sichtweise hat Walter Fust. Der Ostschweizer Industrielle ist Mehrheitsaktionär und VR-Präsident des Werkzeugmaschinenbauers Starrag und kennt die AFG «seit Jahrzehnten». Fust nennt das Argument des AFG-VR, Frutig sei der richtige Mann gewesen für den Umbau und die Sanierung der AFG, aber der falsche, um für Wachstum zu sorgen, «an den Haaren herbeigezogen». So habe Frutig als früherer Spartenleiter beim britischen Caterer Compass Group Führungserfahrung gesammelt, Aufbauarbeit geleistet und Wachstum generiert, darunter in China, Indien, England oder Malaysia, wie Fust am Rande der Bilanzpressekonferenz der Starrag sagte. An deren GV vom kommenden 12. April stellt sich Frutig zur Wahl in den VR. Und die Starrag will, ebenso wie die AFG, dynamisch wachsen.

Unter Oehlers Ägide wurden mehrere strategische Entscheide getroffen, die sich im Nachhinein als falsch herausstellten. So hatte Oehler 2007 seine damals privat gehaltene und verschuldete STI an die AFG verkauft und dafür 62 Mio. Fr. in bar kassiert. Doch die Oberflächentechnologie passte nie zu den baunahen AFG-Geschäften und entpuppte sich bald als Sanierungsfall. Nach mehreren Abschreibern über Dutzende Millionen Franken hat die STI heute noch einen Bruchteil ihres einstigen Wertes.

Demontage eines Lebenswerks

Als Missgriff gilt auch der Erwerb des Küchenbauers Piatti aus den Beständen der kollabierten Erb-Gruppe. «Oehler glaubte, mit Piatti seine Forster-Küchen sanieren zu können», sagt Fust. «Aber im reinen Küchenbau kommt man in der Schweiz auf keinen grünen Zweig. Geld verdient man in der Küchenplanung», weiss der Industrielle, der 1966 die Elektrohaushaltgeräte-Kette Dipl. Ing. Fust AG gegründet hatte. Die AFG ist gerade daran, ihr Küchengeschäft an die deutsche Alno zu veräussern.

Analysten lassen kaum Zweifel daran, dass Oehler über Frutigs Absetzung nicht unglücklich sei. Einst hatte Oehler gesagt, Frutig habe als neuer Chef freie Hand; heute dürfte er ihn als jenen Mann sehen, der mit den vielen Firmenverkäufen – neben den Küchen auch die Stahlrohre, die Kühlschränke, die britische Aqualux usw. – das Lebenswerk des 72-Jährigen demontiert hat. Oehler selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. An der GV scheidet er wegen der Altersguillotine aus dem VR aus. Damit hat er bei der AFG Frutig um gut zwei Monate überlebt.

Wichtiger sei nun aber die Zukunft der AFG. Das sagt sowohl Fust als auch Patrick Appenzeller. Der Helvea-Analyst schreibt der AFG in der Bauausrüstung ein «hohes Wachstums- und Ertragspotenzial» zu. Die Altlasten seien abgeschrieben, die Bilanz sei intakt, mit dem Verkauf der STI bis Ende Jahr sinke die Nettoverschuldung weiter, und es seien Mittel vorhanden für Zukäufe, etwa in der Lüftung. Derweil scheint Frutig keinen Groll zu hegen gegen die AFG: «Es war mir stets eine Freude und Ehre, dieses geschichtsträchtige Unternehmen zu führen.»