Die Wettbewerbskommission befreit die Swatch-Tochter und Uhrwerk-Produzentin ETA von ihren Fesseln

Die Wettbewerbskommission hebt sämtliche Lieferverpflichtungen für den Uhrwerke-Hersteller auf – trotz marktbeherrschender Stellung. Damit findet ein Konflikt ein Ende, dessen Wurzeln Jahrzehnte zurückliegen.

Christoph Bernet und Daniel Zulauf
Drucken
Teilen

«Pardon? Wie bitte?»: Der Journalist des Westschweizer Wirtschaftsblatts «L’Agéfi» war überrumpelt, als der damalige Swatch-Patron Nicolas G. Hayek im Dezember 2009 im Interview einen für die Schweizer Uhrenindustrie radikalen Schnitt ankündigte: Swatch wolle mit ihrer Tochterfirma ETA andere Hersteller nicht länger mit Uhrwerken beliefern. «Ja, sie haben richtig verstanden», doppelte Hayek auf die verdutzte Rückfrage nach. Swatch habe Milliarden in die Produktion gesteckt, «während sich die Mehrheit der Uhrenhersteller bei uns bedient und stattdessen in die Werbung investieren kann».

Der ETA-Hauptsitz in Grenchen, Solothurn.

Der ETA-Hauptsitz in Grenchen, Solothurn.

Keystone / Gaëtan Bally

Mit Hayeks Kampfansage begann ein über zehn Jahre andauerndes wettbewerbsrechtliches Seilziehen um die Frage, ob die ETA als Quasi-Monopolistin für mechanische «Swiss made»-Uhrwerken verpflichtet ist, die Konkurrenz zu beliefern - oder frei entscheiden darf, mit wem sie geschäftet.

Siebenjährige Untersuchung mit 20’000 Seiten Akten

Dieses Seilziehen ging gestern mit einem Entscheid der Wettbewerbskommission (Weko) zu Ende. Die Wettbewerbshüter befreien die Swatch-Tochter ETA von sämtlichen Lieferverpflichtungen. Sie ist ab jetzt grundsätzlich frei in der Wahl ihrer Geschäftspartner. Die Weko hält allerdings fest, dass ETA weiterhin über eine marktbeherrschende Stellung verfügt.

Sie unterliegt deshalb kartellrechtlichen Verhaltensregeln und darf ihre Position nicht ausnutzen. Untersagt sind ihr missbräuchliche Verdrängungsstrategien, unangemessene Preise oder die Koppelung von Kaufverträgen für mechanischen Uhrwerken bei ETA mit der Verpflichtung, andere Produkte bei der Swatch Group zu kaufen.

Ihren Entscheid stützt die Weko auf eine umfangreiche, 1,2 Millionen Franken teure Marktanalyse mit 1’500 Akten mit über 20’000 Seiten. Formell begonnen hat das Verfahren im Jahr 2011. Nach der Kampfansage von Hayek senior, der 2010 verstarb, erkundigte sich Swatch bei der Weko nach einem kartellrechtlich erlaubten Weg, die behördliche Lieferverpflichtung für ETA zu beenden.

Andreas Heinemann und Patrik Ducrey von der Weko am Mittwoch in Bern.

Andreas Heinemann und Patrik Ducrey von der Weko am Mittwoch in Bern.

Keystone / Peter Schneider

2013 verständigten sich die Wettbewerbshüter mit Swatch auf eine einvernehmliche Regelung: ETA verpflichtet sich, die Liefermengen bis Ende 2019 jährlich zu reduzieren. Dieses «phasing out» sollte Anreize schaffen, damit auf dem Markt eine ausreichende Konkurrenz entsteht. Danach sollte die ETA frei von Lieferpflichten und -beschränkungen operieren dürfen.

«Die Rechnung ist aufgegangen»

Doch im November 2018 eröffnete die Weko zum grossen Ärger von Swatch ein Wiedererwägungsverfahren. Sie prüfte, ob sich die Marktverhältnisse so entwickelt haben, wie 2013 angenommen. Der Abschluss dieses Prozesses verzögerte sich wegen der umfangreichen Analyse und weil sich die betroffenen Parteien, auch Swatch, «nicht übermässig kooperativ gezeigt haben», sagte Weko-Direktor Patrik Ducrey gestern.

Zum Abschluss des Verfahrens zeigte sich die Weko zufrieden mit der «phasing out»-Strategie: «Die Rechnung ist aufgegangen», so Präsident Andreas Heinemann. Die 2013 gesetzten Anreize hätten funktioniert, «der Markt hat die Herausforderung angenommen». ETA sei zwar weiter dominant, doch gebe es für Marktteilnehmer Alternativen. Die Weko will den Markt weiter beobachten, aber ohne systematisches Monitoring. Bei einzelnen Kundenbeziehungen mit «individuellen Abhängigkeiten, wo sich die Frage von «punktuellen Lieferverpflichtungen» stellt, stehe der zivilgerichtliche Weg offen.

Beim Verband der Schweizer Uhrenindustrie begrüsst man den Entscheid, der «endlich Sicherheit und Klarheit schafft», so Direktor Jean-Daniel Pasche.

Wurzeln des Konfliktes liegen in den 1920er Jahren

Die Geschichte des Konfliktes reicht bis in die 1920er Jahre zurück, zur Gründung der ETA-Vorläuferin Ebauches SA. Sie war Teil des «Uhrenstatuts», eines von den grossen Unternehmen der Branche etablierten und vom Bund und den Banken gestützten Kartells. Darin hatte die Industrie fast die gesamte Produktion von Uhrwerken an die «Allgemeine Schweizer Uhrenindustrie AG» (Asuag) übertragen. Das Ziel: In der damaligen Wirtschaftskrise den Technologietransfer an ausländische Mitbewerber zu verhindern, wie Pierre-Yves Donzé erklärt, Wirtschaftshistoriker aus Neuenburg und Autor mehrerer Bücher über die Uhrenbranche.

Ein Uhrmacher mit einem ETA-Uhrwerk.

Ein Uhrmacher mit einem ETA-Uhrwerk.

Keystone / Sandro Campardo

Im Zuge der Uhrenkrise vor 40 Jahren fusionierte Asuag mit der Omega-Tissot-Gruppe (SSIH) zur heutigen Swatch Group. Die zuvor getrennten Interessen der Produktion von Uhrwerken für die ganze Branche einerseits und der Produktion eigener Marken andererseits waren nun unter dem Dach von Swatch vereint: «Die Swatch Group hat nie ein Monopol angestrebt, aber sie hat ein solches geerbt», so Donzé. Dieses habe Swatch bis zum Beginn der wettbewerbsrechtlichen Auseinandersetzungen, die 2002 erstmals aufflackerten, nicht wirklich ausgenutzt.

Trotz geringer Profite habe Swatch weiterhin die ganze Industrie mit Uhrwerken beliefert und damit entschieden zu deren Wiedererstarken beigetragen. Der eskalierende ETA-Streit ist für Donzé auch Ausdruck der gewachsenen Ambitionen von Swatch und Konkurrenten wie Richemont im renditestarken Markt für mechanische Luxusuhren.