Die Tücken der Berliner S-Bahn

Stadler Rail möchte sich zusammen mit Siemens um einen Grossauftrag für die pannenreiche Berliner S-Bahn bewerben. Es geht um 600 Millionen Euro. Doch der Zeitplan, wonach die neuen Züge Ende 2017 rollen sollen, ist kaum zu halten.

Thomas Griesser Kym
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Eine S-Bahn im Berliner Hauptbahnhof. Die S-Bahn umfasst 15 Linien auf einem Streckennetz von 331,5 Kilometern Länge. (Bild: J. Donath/S-Bahn Berlin)

Eine S-Bahn im Berliner Hauptbahnhof. Die S-Bahn umfasst 15 Linien auf einem Streckennetz von 331,5 Kilometern Länge. (Bild: J. Donath/S-Bahn Berlin)

BUSSNANG/BERLIN. Zugausfälle, Verspätungen, Kurzzüge – solcher und anderer Ärger plagt die Fahrgäste der Berliner S-Bahn. Angelastet wird das Chaos vor allem der Deutschen Bahn (DB). Diese betreibt die S-Bahn und wartet die Züge, von denen die meisten vom kanadischen Hersteller Bombardier stammen. Das Übel aber sehen Fachleute in Schlampereien in der Wartung durch die DB.

Ende 2017 läuft der Verkehrsvertrag mit der DB aus. Auf dieses Datum hin hat der Berliner Senat zunächst den Betrieb auf fünf Linien über den Ring und im Südosten der deutschen Hauptstadt ausgeschrieben. Das entspricht etwa einem Drittel des Berliner S-Bahn-Verkehrs. Der Gewinner der Ausschreibung soll möglichst nächstes Jahr feststehen. Er muss neue Züge bestellen, den Bahnbetrieb für vorerst 15 Jahre organisieren und, selbst falls der Betrieb dann zu einem anderen Unternehmen wechselt, die Züge für weitere 15 Jahre warten.

Juristisches Hickhack

So lautete der Plan bisher. Doch die DB, die sich erneut um den Betrieb der S-Bahn bewirbt und die Wartung ebenfalls in ihrer Hand behalten will, hat dagegen geklagt. Auf diese Klage hin hat das Berliner Kammergericht in einer Rüge die Rechtmässigkeit der 30- Jahr-Klausel in Frage gestellt: Es sei zweifelhaft, ob diese lange Frist EU-Recht entspreche. Daher will Verkehrssenator Michael Müller die Frist auf 22,5 Jahre verkürzen, nachdem das Gericht angedeutet hatte, dass es einen solchen Zeitrahmen als rechtssicher ansähe.

Der Grund für Müllers Kompromissbereitschaft: Wegen der Probleme mit der S-Bahn kann Berlin nicht warten, bis der Streit um die Frist abschliessend vom Europäischen Gerichtshof geklärt ist. Der Senat hat nun Zeit bis Ende Monat, um die Ausschreibung im Sinne des Kammergerichts nachzubessern. Aber schon jetzt gilt als ausgemacht: Der Start der S-Bahn in eine zuverlässigere Ära ab Ende 2017 ist kaum machbar. «Es ist sehr unwahrscheinlich, dass 2017 ein neuer Betreiber mit neuen Zügen bereitsteht», sagt Katrin Block, Sprecherin der Stadler Pankow GmbH. Die Berliner Tochtergesellschaft des Ostschweizer Schienenfahrzeugbauers Stadler Rail will sich in einem Konsortium mit dem Münchner Siemens-Konzern um die Lieferung der Züge bewerben mit einem Auftragsvolumen von etwa 600 Mio. € (750 Mio. Fr.). Doch solange nicht feststeht, wer den Zuschlag für den Betrieb erhält, liegt auch die Ausschreibung für die Bestellung des neuen Rollmaterials nicht auf dem Tisch. Zu den Verzögerungen juristischer Natur dazu gesellt sich, dass die Ausschreibung komplex ist: Die Berliner-S-Bahn gilt als technisches Unikat, was den Hersteller zusätzlich unter Zeitdruck setzen wird.

Reges Interesse an der S-Bahn

Für den Betrieb der S-Bahn über 2017 hinaus bewerben sich neben der DB die MTR aus Hongkong, RATP aus Paris und National Express aus London, wie die «Berliner Zeitung» erfahren hat. Die private MTR betreibt in Europa die Stockholmer U-Bahn und die Londoner Overground-Bahn. Die staatliche RATP verantwortet die Métro und die Busse in Paris, ist aber auch aktiv in Städten in England, Italien, Portugal und Australien. National Express fährt mit Bussen und Bahnen in Grossbritannien, Spanien, Portugal, Nordamerika, Australien und Marokko.

Für den Bau der Züge ist neben dem Konsortium aus Stadler und Siemens bisher Interesse bekannt von Bombardier. Gerechnet wird auch mit einem Angebot des japanischen Hitachi-Konzerns.

Klar ist, dass der Kampf um Bahnaufträge immer härter wird. Maria Leenen, Chefin der Beratungsfirma SCI Verkehr, weiss: «Die Zeit teurer Prestigeobjekte mit geringem Verkehrsnutzen ist vorbei.» Leere öffentliche Kassen zwängen zu Bescheidenheit. Zudem wachse der Markt vor allem in Schwellenländern und im Güterverkehr – wo in Zukunft öfter chinesische oder lokale Hersteller zum Zug kommen dürften. SCI rechnet zwar vor, dass der Weltmarkt für Bahntechnik bis 2016 jährlich um 3,3% auf 168 Mrd. € wachse. Doch die westlichen Hersteller müssten sich auf eine Konsolidierung gefasst machen.

Stadler kann Arbeit gebrauchen

Noch läuft das Geschäft rund: 2012 steigerte Stadler Rail den Umsatz weiter auf 2,2 Mrd. Fr., wie Angaben auf der Homepage zu entnehmen ist. Weil die Abarbeitung der Aufträge jeweils langfristiger Natur ist, kann Stadler bereits den Umsatz für das laufende Jahr vorhersagen: 2,3 Mrd. Franken. Ab 2014 aber haben die Auftragsbücher der Schweizer Werke noch Lücken. Dagegen sind die deutschen Stadler-Fabriken nach dem jüngsten Auftrag der Westfalen-Bahn laut Katrin Block «über das Jahr 2014 hinaus ausgelastet».