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Konjunktur: «2019 wird kein einfaches Jahr für die Schweizer Wirtschaft»

Die globale Verschuldung, die Krise vieler Euroländer, die nachlassende Wirtschaft in Europa und geopolitische Konflikte – all das hemmt auch die Entwicklung in der Schweiz.
Thomas Griesser Kym, Zürich
Die Schweizer Wirtschaft hängt von wenigen Branchen – speziell von der Pharmaindustrie – ab, wie Martin Neff kritisiert. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Die Schweizer Wirtschaft hängt von wenigen Branchen – speziell von der Pharmaindustrie – ab, wie Martin Neff kritisiert. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

1,2 Prozent oder ein bisschen mehr – mit diesem Wachstum der Schweizer Wirtschaft rechnet Martin Neff, der Chefökonom von Raiffeisen Schweiz, dieses Jahr. Das wäre dann etwa nur noch halb so viel wie die geschätzten 2,5 Prozent, um die das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) 2018 expandiert hat. «2019 wird kein einfaches Jahr für die Schweizer Wirtschaft», sagte Neff an seiner jährlichen Prognosekonferenz. Doch zeigt er auch Zuversicht, sieht lediglich «einen Marschhalt nach einem anständigen Zyklus», und die Beschäftigung dürfte hoch bleiben.

Befeuert worden ist die hiesige Wirtschaft vergangenes Jahr von der guten Konjunktur im Euroraum, und die unter Volldampf laufende US-Konjunktur hat das Ihre beigetragen. Nun aber machen sich in Europa Anzeichen von Schwäche bemerkbar, und auch in den USA sei ungewiss, ob der Aufschwung, einer der längsten der Nachkriegszeit, anhalte. Zwar geht Neff davon aus, dass Präsident Trump trotz des Shutdowns alles in seiner Macht stehende tun werde, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.

«Aber ewig wird der Motor nicht weiter so brummen.»

Spätestens 2020 erwartet Neff eine deutlichere Verlangsamung des Wachstums der US-Wirtschaft, und die Gewinnschätzungen für die US-Unternehmen für dieses Jahr hält er für zu hoch. In der Eurozone wiederum bereitet dem Ökonom die immense Verschuldung Sorgen. «Ausser Deutschland, die Niederlande und Irland hat kein Land das Wirtschaftswachstum dafür genutzt, die Staatsfinanzen wieder ins Lot zu bringen.» Und: «Die Maastricht-Kriterien sind zur Farce geworden.» Neff nennt etwa Frankreich, das ein Budgetdefizit von 3,4 Prozent des BIP erwartet. Ein Grund seien die Zugeständnisse von Präsident Macron an die Gelbwesten: «Sechs Milliarden Euro mehr Ausgaben, vier Milliarden weniger Steuern», fasst Neff zusammen.

«Das viele billige Geld fliesst nicht in die Realwirtschaft»

Die Schuldenberge und die nachlassende Konjunktur dürften auch verhindern, dass die Europäische Zentralbank (EZB) bald ihre Leitzinsen erhöht. Allenfalls einen ersten Schritt im zweiten Semester kann sich Neff vorstellen, und im Fahrwasser der EZB dürfte auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) weiter stillhalten. Trotz Negativzinsen bleibe der Franken stark. Ende Jahr sieht Neff den Kurs bei 1.09 Franken pro Euro. Damit werde unsere Währung leicht zulegen, weil sie als sicherer Hafen gesucht bleibe, dies in einer Welt voller geopolitischer Ungewissheiten.

Die SNB hat den Druck auf den Franken mit Negativzinsen und Devisenkäufen en masse gelindert. Kehrseite der Medaille ist ihre aufgeblähte Bilanz. Diese ist nicht per se ein Problem, wie Neff sagt, aber Sorgen machen ihm die Folgen der ultralockeren Geldpolitik. «Das viele billige Geld fliesst nicht in die Realwirtschaft, sondern in den Immobilienmarkt und die Finanzmärkte. Zudem setzt sich die Schweiz dem Vorwurf der Währungsmanipulation aus, und die Vorsorgewerke leiden», sagt der Ökonom. «Wir sind Leidtragende der Fehlkonstruktion des Euro und der globalen Verschuldung.»

Keine Sorgen wegen steigender Leerstände

Bestätigt sieht sich Neff in seinen Einschätzungen des Immobilienmarkts, wo er weiche Landungen erwartet. «Trotz Preisrekorden sind die Warnungen vor einer Hypothekenblase und deren Platzen weitgehend verstummt», stellt er fest. Mit seiner Forderung nach tieferen kalkulatorischen Zinsen zur Berechnung der Tragbarkeit von Wohneigentum war Neff aufgelaufen. Heute sagt er, die tiefen Zinsen gewährleisteten nach wie vor die effektive Tragbarkeit, doch hätten die kalkulatorischen Zinsen von 4,5 bis 5 Prozent sowie die strengere Regulierung

«den meisten Leuten den Traum vom Wohneigentum verbaut.»

Mittlerweile habe das Angebot reagiert: Die Zahl der Baugesuche und der Baubewilligungen nehme ab, das Wachstum der historisch hohen Preise lasse nach. Dass potenzielle Eigentümer Abstriche machen müssten an der Lage in einer Gemeinde sowie an deren Lage in einer Region, «ist heute gang und gäbe».

Auf dem Mietwohnungsmarkt sieht Neff als Folge eines hohen Angebotszuwachs eine Entspannung, «aber nicht dort, wo Wohnungen am begehrtesten sind», also nicht in den Zentren, sondern weiter draussen vor den Toren der Agglos als bisher und auf dem Land. Dort klettern ­vielerorts die Leerstände, die Insertionsdauer steigt, die Angebotsmieten sinken. Neff beschwichtigt jedoch, «nüchterne Rationalität und nicht etwa Spekulationsgier dominiert den Markt», weil Immobilien besser rentieren als Festverzinsliche. Es seien denn auch «mehrheitlich professionelle Investoren am Werk, welche Leerstände verkraften können».

Die Pharmaindustrie als Klumpenrisiko

Martin Neff, Chefökonom von Raiffeisen Schweiz. (Archivbild: Luca Linder (19.09.2013))

Martin Neff, Chefökonom von Raiffeisen Schweiz. (Archivbild: Luca Linder (19.09.2013))

Zwei Drittel ihrer Wirtschaftsleistung erarbeitet die Schweiz im Export. Zum Vergleich: In China sind es bloss 20 Prozent. Raiffeisen-Chefökonom Neff sieht aber in der Schweiz «eine einseitige Abhängigkeit von wenigen Branchen». So ist der positive Saldo der Schweizer Handelsbilanz grösstenteils der Pharmaindustrie zu verdanken, gefolgt von den Uhren. Der Handelsbilanzsaldo der meisten anderen Branchen liegt um die Nulllinie herum oder ist negativ.

Neff hat auch die Exporte der einzelnen Branchen mit dem Niveau von Sommer 2008 verglichen, also jener Periode, vor der die globale Finanzkrise mit voller Wucht zugeschlagen hat. Hier zeigt sich: Die Pharmaindustrie hat seither ihre Ausfuhren um gut ein Drittel gesteigert, die Nahrungsmittelindustrie um knapp ein Viertel und die Uhrenbranche um 4 Prozent. Die Exporte aller anderen Branchen liegen unter den Niveaus von Sommer 2008, der Maschinenbau hat gar ein Drittel eingebüsst, Metallbau und Elektronik je ein Fünftel, was Neff ein «Blutbad» nennt. Im verarbeitenden Gewerbe ist denn auch die Beschäftigung seit 1991 gesunken. Die Industrie müsse sich jedes Jahr neu erfinden und einem Fitnesswettbewerb stellen mit der Produktivität im Fokus. (T.G.)

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