Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Die Schneiderin vom Bodensee

Seit einem Jahr ist die in Altnau aufgewachsene Anna-Luisa Wilhelm als Schneiderin im südwestenglischen Swindon tätig und hat dort eine eigene Firma gegründet. Jedes ihrer Stücke ist Massarbeit. «Es ist mein Traumberuf», sagt sie.
Urs Oskar Keller
Die Thurgauer Massschneiderin Anna-Luisa Wilhelm bei der Arbeit in ihrem Atelier in Swindon westlich von London. (Bild: pd)

Die Thurgauer Massschneiderin Anna-Luisa Wilhelm bei der Arbeit in ihrem Atelier in Swindon westlich von London. (Bild: pd)

ALTNAU. Anna-Luisa Wilhelm versteht ihr Handwerk. Schon im Alter von 10 Jahren begann sie mit Nadel und Faden zu hantieren. Die gelernte Damen- und Herrenschneiderin ist jetzt 27 Jahre alt. Ein Jahr ist es her, dass die Thurgauerin mit ihrem Verlobten Tommaso Galati von London nach Swindon zog, die Firma ALW Bespoke Ltd. gründete und ein altes Reihenhaus kaufte. In einem Zimmer des 1890 erbauten Backsteinhauses hat die Schneiderin ihr Atelier eingerichtet. Zu ihren Kunden zählen Prominente wie Adlige und Scheichs, Leute, die klassische englische Herrenmode schätzen und gut bei Kasse sind. Denn die Massanfertigungen an der Londoner Savile Row haben ihren Preis. «Die betuchte Klientel ist international», weiss Wilhelm.

Perfektion in Passform

«Ich arbeite viel – and very hard», sagt sie. Das hat sie vom Vater Urs Wilhelm, der seit 26 Jahren im Altnauer Gourmetrestaurant Schäfli kocht. Wichtig sei ihr auch der Erhalt eines wertvollen traditionellen Handwerks, das beinahe in Vergessenheit geraten ist. Perfektion in Passform und Verarbeitungsqualität sind die hervorstechenden Eigenschaften, die das fertige Produkt ausmache. «Erst dadurch entstehen die Unverwechselbarkeit und die persönliche Note, die meine Kunden wünschen. Massschneidern ist nicht aufs Ohr liegen. Es ist mein absoluter Traumberuf», sagt sie.

Anna-Luisa Wilhelm mag irische Donegan-Tweed- und Kaschmir-Wolle, Leinen und Seide, Hartes, Weiches, Glattes, Zartes. Schon als Jugendliche hatte sie sich ihre Kleider selbst genäht. Im Couture-Atelier von Lucia Volpez in Bottighofen absolvierte sie eine dreijährige Lehre als Damenschneiderin. Mit 18 Jahren zog sie nach London, wo sie bei einer Modemacherin anheuerte. Nach 10 Tagen in der Weltstadt hatte sie 2006 bereits einen Job als Schneiderin bei Modedesignerin Lee Klabin. In der Nähe des Fulham Football Clubs, im Westen der Stadt, fand sie ein Zimmer und familiäre Bande. Ihre ältere Schwester Klara-Alberta (34) hatte bereits früher den Sprung über den Ärmelkanal gewagt und ist heute Managerin am Hauptsitz von Barclays PLC in London. Es ist die drittgrösste Bank in Grossbritannien. Die «kleine» Anna machte alles, was gefragt war: Änderungen und Massanfertigungen, Auftragsarbeiten und exklusive Stücke. Sie war sich für nichts zu schade. Neben Sakkos und Blazer konnte sie auch bei Corsagen mithelfen. Mit der Designerin Klabin stellte sie auch ein trägerloses, sehr eng auf Figur gearbeitetes Kleider-Oberteil für den amerikanischen Film «Sex in the City» (2008) her. «Das schwarze Mieder bestand aus reinen Vogelfedern, ein weiteres, fünf Kilo schweres, stellten wir aus Meermuscheln her», erinnert sie sich.

Qualitätsarbeit spricht sich herum. Bald konnte sie die Änderungsschneiderei streichen und das machen, was sie wollte: Massanfertigungen. Starschneider Ozwald Boateng engagierte sie 2009 an die Savile Row, dann Maurice Sedwell (2011). In seiner «Savile Row Academy», die Andrew Ramroop gründete, bildete sie sich berufsbegleitend zur Herrenschneiderin aus. Nun übernimmt sie Aufträge und lebt gut davon. «Wenn ich mit der Hand über einen Stoff fahre, spür ich schon, was ich draus mache. Es ist zudem ein mega sinnliches Erlebnis», sagt sie.

Kleidung auf Dauer ausgelegt

Genäht wird per Hand, meist stehend, auch mal sitzend bis zu 14 Stunden am Tag. Manchmal schafft sie zwei Jacken pro Woche. Wund gestochene Finger sind Alltag. «Ich mag es, wenn Klassik sich mit Moderne mischt», sagt sie. Ihre Kleider sind auf Dauer und Zeitlosigkeit angelegt. «Einen guten Feinmassanzug hat man vielleicht 30 bis 40 Jahre. Ein guter Anzug hilft im Leben.» Besser einen guten Anzug besitzen als drei schlechte, hatte auch schon Bryan Ferry, Sänger der englischen Band Roxy Music gewusst.

Die grösste Herausforderung steht ihr aber noch bevor. Im Herbst 2016 wird geheiratet. Die Schnittmuster hat Anna-Luisa Wilhelm längst gezeichnet. Bald näht sie den dunkelblauen Anzug für ihren Bräutigam Tom und ihr weisses Hochzeitskleid mit langer Schleppe. Natürlich alles nach Mass.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.