Die Saudi-Araber sind im Aktienfieber - die Risiken beim Erdöl-Gigant Aramco bleiben hoch

15 Prozent der Saudi-Araber haben Aktien bei Saudi Aramco gezeichnet. Ab morgen wird das wertvollste Unternehmen der Welt an der Börse gehandelt.

Pierre Heumann aus Riad
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Der Öl-Gigant Saudi Aramco ist das wertvollste Unternehmen der Welt.

Der Öl-Gigant Saudi Aramco ist das wertvollste Unternehmen der Welt.

Quelle: Keystone

Wenn morgen erstmals die Aktien von Saudi Aramco gehandelt werden, hat Kronprinz Mohammed bin Salman ein wichtiges Zwischenziel auf dem Weg zum Umbau des Königreichs erreicht. Die Milliarden Dollar, die der Börsengang eingebracht hat, kann er für die Finanzierung der «Vision 2030» heranziehen, mit der er das Königreich aus der Ölabhängigkeit befreien will.

Gegenüber seinen ursprünglichen Erwartungen an den Börsengang vor drei Jahren musste Mohammed bin Salman zwar etliche Abstriche machen. Internationalen Investoren schien die Preisvorstellung des Kronprinzen unrealistisch hoch, und der Börsengang fand zu einem ungünstigen Zeitpunkt statt. Die Klimadebatte, politische Risiken und der Überschuss am Ölmarkt würden sich negativ auf die Bewertung des Ölgiganten auswirken, befürchteten Anleger. Zudem dämpfte das nach dem Mord am Journalisten Khashoggi angeschlagene Image des Kronprinzen die Kauffreude ausländischer Investoren.

15 Prozent der Bevölkerung zeichnen Aktien

Und trotzdem: Nachdem 1,5 Prozent an der Börse kotiert sind, kann die Firma als das wertvollste Unternehmen der Welt bezeichnet werden. Mit dem Börsenwert von 1,71 Billionen Dollar haben die Saudis sogar die bisherigen Spitzenreiter, die Technologieganten Microsoft und Apple, geschlagen.

Analysten geben sich optimistisch. Weil die Erstemission überzeichnet wurde, würden Aramco-Titel gesucht sein, meint ein Börsianer in Riad. Saudi Arabiens Bürger waren in den vergangenen Tagen im Aramco-Fieber. 4,9 Millionen Bürger oder fast 15 Prozent der Bevölkerung hatten Aramco-Aktien gezeichnet. Auf überlebensgrossen Postern wurden sie aufgefordert, sich an der Zukunft des Königreichs zu beteiligen, indem sie Aktien des weltweit gewinnstärksten Ölkonzerns zeichnen. Die Kauffreude wurde künstlich beflügelt. So wurde zum Beispiel eine sehr grosszügige Dividende in Aussicht gestellt. Und Banken hatten vom Königshof den «Rat» erhalten, die Kreditlimiten für Aramco-Interessenten zu erhöhen, um Aktienkäufe auf Pump zu ermöglichen.

Vom Fieber wollten sich diejenigen nicht anstecken lassen, für die in erster Linie der Ausgabepreis und damit die Bewertung relevant sind. Doch sie hatten kaum eine andere Wahl, als die Erstemission zu unterstützen. Sehr vermögenden Familien wurde nämlich von der Regierung unverblümt nahegelegt, ihre Bedenken abzulegen und Aktien zu zeichnen. Viele dieser Superreichen hatten vor zwei Jahren hautnah erlebt, wie unsanft die Regierung mit denjenigen umgeht, die nicht «Teil der Lösung» sein wollen. Wer im November 2017 der Korruption verdächtigt und im Hotel Ritz Carlton eingesperrt worden war, dürfte es sich jetzt zwei Mal überlegt haben, ob er wirtschaftlich oder doch lieber pragmatisch entscheiden wolle, um den Börsengang unbehelligt zu überstehen.

Für den saudischen Kronprinzen Mohammad bin Salman stand beim Börsengang viel auf dem Spiel. Ein Flop wäre ein herber Rückschlag für die ehrgeizigen Pläne des jungen Prinzen gewesen.

Börsianer wollen nicht ausschliessen, dass Aramco zu einem späteren Zeitpunkt an internationalen Börsenplätzen kotiert wird. Aber ein Listing an der Wall Street wäre riskant, weil laut US-Gesetz Terroropfer gegen ausländische Regierungen klagen können. Als Firma, die dem Königreich gehört, könnte Aramco davon betroffen sein. Eine Börsennotierung im Westen würde von der saudischen Ölfirma zudem eine Transparenz verlangen, der sie sich bisher verweigert hat.

Der Teil-Verkauf des Unternehmens, das elf Prozent der weltweiten Ölförderung produziert, war der grösste Börsengang der Geschichte. Keine Firma wirft mehr Gewinn ab als der Titan Aramco, nicht einmal Apple oder Microsoft.

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