Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Interview

Die Revolution der Arbeit: «Statt gestresst im Stau stehen, einfach am Wohnort arbeiten.»

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt tiefgreifend, was auch Arbeitnehmer stark fordert. Remo Rusca arbeitet mit Village Office in der Ostschweiz an einer Lösung, damit diese dezentral arbeiten können und dadurch mehr Lebensqualität erfahren.
Martin Oswald
Remo Rusca im Village Office in der Stadt St.Gallen (Foto: Urs Bucher)

Remo Rusca im Village Office in der Stadt St.Gallen (Foto: Urs Bucher)

Was läuft falsch in der Arbeitswelt?

2015 kostete der durch Pendlerverkehr verursachte Stau in der Schweiz 1,9 Milliarden Franken. Und die von Unternehmen getragenen Gesundheitskosten durch psychische Belastungen belaufen sich für die Unternehmen auf jährlich 5,7 Milliarden Franken. Gewaltige Zahlen, die dem Umstand geschuldet sind, dass wir Arbeit nicht besser und gesünder organisieren.

Aus der Wirtschaft ist man sich gewohnt, dass Ökonomie keine Grenzen kennt. Bei uns Menschen ist es aber anders; Biologie hat ihre Grenzen. Und das bekommen wir immer deutlicher zu spüren.

Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Die Digitalisierung ist für unsere Gesellschaft so einschneidend, wie es die Industrialisierung oder die Erfindung der Dampfmaschine einst waren. Und wir stehen erst am Anfang, denn die zunehmende Automatisation von Arbeit und die künstliche Intelligenz werden uns noch vor viel grössere Herausforderungen stellen.

Die Arbeitswelt erfährt also einen grundlegenden Wandel. «New Work» ist der Trendbegriff für diese Transformation. Was verändert sich denn zurzeit am stärksten?

Die zunehmende Digitalisierung bringt die Unternehmen unter grossen Druck, sich anzupassen und sich zu verändern. Aber auch die Arbeitnehmer sind gezwungen, die eigene Tätigkeit zu hinterfragen. Statt dem Know-how (wie?) steht heute viel stärker das Know-why (warum?) im Zentrum. Warum tun wir, was wir tun? Wir wollen in unserer Arbeit einen Sinn erkennen. Gerade die junge Generation stellt die Sinnfrage in Bewerbungsgesprächen sehr stark ins Zentrum. Und das ist gut so, denn Firmen brauchen kreative und eigenmotivierte Mitarbeiter um innovative Lösungen zu entwickeln.

Geprägt wurde der Begriff «New Work» vom Sozialphilosophen Frithjof Bergmann. Für ihn steht die Frage im Zentrum: «Was willst du wirklich, wirklich tun?» Ist diese Frage nicht für die allermeisten Arbeitnehmer eine Überforderung?

Es gibt in der Tat Arbeitnehmer, die sich diese philosophische Frage nicht stellen können. Aber in der Schweiz arbeiten 70 Prozent im Dienstleistungssektor. Und dieser Sektor verändert sich fundamental. Entsprechend verändern sich in diesem Bereich Aufgaben, Berufsbilder und damit auch das Menschenbild.

Wie meinen Sie das?

Firmen denken zunehmend um. Sie beginnen mit der Frage nach der Attraktivität für Fachkräfte, merken aber immer stärker, dass es eigentlich um eine grundsätzlichere Frage geht: Wie organisieren wir Arbeit? Wir müssen wegkommen von einseitig hierarchischen Strukturen, in denen der Mitarbeiter motiviert und angeleitet werden muss. Der Fehler zeigt sich schon im Wort «Angestellter».

Bei diesem Menschenbild wird jemand angestellt, am Abend wieder abgestellt und zwischendurch schauen wir, dass er möglichst nichts anstellt.

Und so wollen wir das Potenzial für Kreativität und Innovation freilegen? Das funktioniert nie. Dafür braucht es Vertrauen. Vertrauen fördert eigenverantwortliches und intrinsisch motiviertes Arbeiten. Aber Vertrauen schenken und Hierarchie abbauen, das ist eine grosse Herausforderung für klassische organisierte Unternehmen. Insbesondere Führungskräfte sind gefordert.

Ist der Mitarbeiter also abhängig von guten Führungskräften und somit ohnmächtig?

Nein. Es ist eine Stille Revolution im Gang, weil wir Menschen zum einen merken, dass wir die Opferrolle verlassen, selber aktiv werden müssen um den Herausforderungen der Zeit zu begegnen. Es entsteht ein neues Bewusstsein, auch ein kritischerer Umgang mit den eigenen Ressourcen und Bedürfnissen. Für Unternehmer und ihre Organisationen kann nichts besseres passieren, weil sie die Kreativität und Innovation der Mitarbeiter brauchen, um sich in der digitalen Transformation zu behaupten.

Wie sollen sich Firmen denn heute organisieren, um den Bedürfnissen der Arbeitnehmer besser Rechnung zu tragen?

Wir bei Village Office sind überzeugt davon, dass dezentrale Büros eine Antwort auf die Fragen dieser Zeit sind. Anstatt das Menschen in die grossen Städte pendeln, die Strassen und Züge verstopfen und gestresst sind, können sie stattdessen tageweise an ihrem Wohnort in öffentlichen Gemeinschaftsbüros ihrer Tätigkeit nachgehen. Das löst gleich mehrere Probleme auf einmal und hat den positiven Nebeneffekt, dass man in Verbindung kommt mit Leuten aus dem eigenen Dorf.

In den USA boomen Coworking-Spaces und eine lebendige Startup-Kultur seit vielen Jahren. Hinkt die Schweiz da hinterher?

Nein. Die Schweiz funktioniert anders. Wir sind seit der Gründung der Eidgenossenschaft für Föderalismus und dezentrale Lösungen bekannt. Auch der Arbeitgeberverband spricht davon, das Milizsystem zu stärken. Wir wollen die Menschen im Dorf zusammen bringen. Gerade wurde das Macherzentrum in Lichtensteig eröffnet und in Steckborn wurde in diesen Tagen ein Vorprojekt für ein gemeinschaftliches Büro abgeschlossen. Wir stossen mit diesen Ideen auf grosses Interesse, aber es braucht einfach Zeit und engagierte Menschen, die sich bewusst und aktiv für Veränderungen dort einsetzen, wo sie wohnen.

Ein Blick in die Büroräumlichkeiten des Macherzentrums in Lichtensteig. (Bild: Macherzentrum)

Ein Blick in die Büroräumlichkeiten des Macherzentrums in Lichtensteig. (Bild: Macherzentrum)

Wie funktioniert das konkret?

Statt das Menschen im Home-Office Zuhause ihrer Arbeit nachgehen und sozial vereinsamen, arbeiten sie in einem gemeinschaftlichen Büro im Ort. Statt das Menschen jeden Tag mit dem Zug eine Stunde zur Arbeit pendeln, arbeiten sie den ein oder anderen Tag die Woche im Coworking-Space im Dorf. Die junge Gründerin trifft dort auf den Gewerbler oder den Mitarbeiter einer Grossfirma. Diese Begegnungen und Vernetzungen halten wir für absolut gewinnbringend für alle.

Was braucht es noch, damit mehr solche geteilten Arbeitsorte entstehen?

Eine Voraussetzung ist das Vertrauen. Führungskräfte müssen lernen, ihren Mitarbeitern zu vertrauen, dass sie auch dann ihre Leistung bringen, wenn sie nicht im zentralen Firmengebäude sind, sondern dezentral in der Nähe oder direkt an ihrem Wohnort arbeiten. Das ist eigentlich etwas das wir Schweizer kennen. Wir haben es nur etwas verlernt. Die zweite Hürde ist eine Technische. Dezentrales Arbeiten funktioniert nur, wenn der Mitarbeiter von überall einfachen Zugriff auf Daten und Systeme hat. Dies ist aber zunehmend der Fall.

Was hat Sie persönlich dazu bewogen, Village Office mitzugründen?

Ich habe mir selbst die gleichen Fragen gestellt, wie hier im Interview. Dabei habe ich mich an die Jugendzeit erinnert, in der ich in Horgen (ZH) eine Kulturfabrik initiierte, um Menschen im Dorf zusammen zu bringen. Diese gibt es heute noch. Mit dieser Erinnerung wurde mir klar, was meine nächste Aufgabe sein soll. Ein Treffpunkt für die Arbeit und für soziale Begegnungen.

Veranstaltungs-Tipp

Am 7. September findet zu diesen Themen - veranstaltet von der Jungen Wirtschaft (JCI) - ein Forum im Einstein Congress in St.Gallen statt: JCIS meets Leaders «2030»: Führung ist im Werte- und digitalen Wandel herausgefordert. Mehr Infos.

Der Film zum Thema: «Die stille Revolution»

Worin liegt der Sinn unseres unternehmerischen Handelns? Brauchen wir Know-how oder auch Know-why? Woher nehmen wir den Mut für grosse Veränderungen, und wo bleibt der Mensch dabei? «Die stille Revolution», der Kinofilm zum Kulturwandel in der Arbeitswelt gibt Antworten auf diese Fragen. Regisseur Kristian Gründling verfilmt dabei den persönlichen Wandel von Firmenchef Bodo Janssen. Dieser findet bei einer Mitarbeiterumfrage heraus, dass sich seine Mitarbeiter einen anderen Chef wünschen.

Der Film zeigt dokumentarisch am Beispiel der deutschen Firma Upstalsboom, wie der Wandel von der Ressourcenausnutzung hin zur Potenzialentfaltung gelingen kann. Er beleuchtet, wie das Thema «Kulturwandel in der Arbeitswelt» gesellschaftlich zu verankern ist und gibt dem Zuschauer individuelle Impulse, etwas zu verändern. Angesprochen werden vor allem Kadermitarbeiter mit Personalverantwortung. Doch der Film bringt alle Arbeitnehmenden zum Nachdenken. Ab September in ausgewählten Kinos.

Der Filmtrailer

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.