Die Regierung muss entscheidungsfähig sein

Der britische Bankenexperte Mark Boleat sagt, dass ein klares Wahlresultat die Unsicherheit in der Wirtschaft deutlich reduzieren könnte. Er stellt aus Sicht des Londoner Finanzplatzes zudem fest, dass es zur Mitgliedschaft seines Landes in der EU keine befriedigende Alternative gibt.

Sebastian Borger
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Mark Boleat leitet die Politikabteilung in der City of London. Der traditionsreiche Verwaltungsbezirk ist für den grössten Finanzplatz der Welt zuständig.

Mark Boleat leitet die Politikabteilung in der City of London. Der traditionsreiche Verwaltungsbezirk ist für den grössten Finanzplatz der Welt zuständig.

Herr Boleat, wie reagiert die Finanzindustrie Ihres Landes auf die unklaren Verhältnisse, die sich für die Zeit nach der Wahl abzeichnen?

Mark Boleat: Wir sehen es nicht als Katastrophe an, wenn die Mehrheit auf mehrere Parteien verteilt ist. Und natürlich würden wir mit allen Gruppierungen zusammenarbeiten. Wichtig ist eine starke, entscheidungsfähige Regierung.

Wie stehen Sie zum Referendum über die EU, das die Konservativen planen?

Boleat: Aus Sicht der City gibt es keinen Zweifel, dass wir ein vollwertiges Mitglied sein sollten. Die Volksabstimmung sorgt schon durch ihre Ankündigung für eine gewisse Unsicherheit. Die würde natürlich stärker, je näher die Abstimmung rückt. Andererseits würde ein klares Resultat die Unsicherheit auch deutlich reduzieren. Allein die Diskussion der vergangenen Monate hat schon zu vielerlei Studien geführt, die allesamt das gleiche Ergebnis brachten: Es gibt zu unserer Mitgliedschaft keine befriedigende Alternative.

Die Umfragen deuteten zuletzt auf eine grössere Akzeptanz des Brüsseler Clubs hin.

Boleat: Das scheint so zu sein. Wobei nun nicht gerade Liebe zur EU ausgebrochen ist.

Im Wahlkampf spielen aussenpolitische Themen keine Rolle.

Boleat: Das ist eigentlich immer so. Es geht nun einmal vorrangig um die persönlichen Umstände der Wähler, also die Wirtschaftslage, Bildung, Gesundheit und ähnliches.

Auch vom EU-Referendum war kaum die Rede.

Boleat: Womit wieder einmal bewiesen wäre: Das ist kein grosses Thema fürs breite Publikum, nur für die konservative Partei.

Zwei grosse Banken, HSBC und Standard Chartered, haben öffentlich mitgeteilt: Wir denken über unseren Wegzug aus London nach. Beunruhigt Sie das?

Boleat: In beiden Fällen arbeitet die überwiegende Mehrheit der Angestellten gar nicht in Grossbritannien. Bei HSBC muss man sich nur den Namen anschauen, in dem Hongkong und Shanghai vorkommen. Es ist ganz natürlich, dass solche Banken regelmässig über den besten Ort für ihr Hauptquartier nachdenken. Zumal inzwischen deutlich geworden ist, wie die Bankenregulierung in diesem Land zukünftig aussehen wird.

Die Regierung unter Premier David Cameron hat eine Bankenabgabe in Milliardenhöhe eingeführt. Ausserdem müssen Finanzhäuser mehr Kapital vorhalten und ihre Investmentbank von anderen Geschäftsbereichen abgrenzen.

Boleat: Sowohl die Bankenabgabe wie die gewünschte Abgrenzung sehen viele Banken als erhebliches Problem an. Das mag also Teil ihrer Überlegungen sein. Natürlich wollen wir nicht, dass diese Banken London verlassen.

Würde sich unter einer Labour-Regierung viel verändern?

Boleat: Das glaube ich nicht. Unser Wunsch an die Politiker jeglicher Couleur lautet: Wir sollten die mittlerweile beschlossene Regulierung erst einmal in Kraft treten lassen und nicht schon bald wieder neue Gesetze beschliessen. Es gibt ja oft bei notwendig scheinenden Neuerungen auch ungeplante oder sogar ungewollte Auswirkungen.

Im Gegensatz zur alten Industrie im Norden Grossbritanniens floriert die Finanzmetropole London, hier ein Blick auf die Bankenwelt in der City. (Bild: ky/David Azia)

Im Gegensatz zur alten Industrie im Norden Grossbritanniens floriert die Finanzmetropole London, hier ein Blick auf die Bankenwelt in der City. (Bild: ky/David Azia)

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