Wandel

Die Post wird digital - braucht es Briefe und Schalter-Filialen noch?

Die Post setzt in allen Geschäftsbereichen auf digitale Lösungen. Verschwinden demnächst die Schalter-Filialen? «Nein», sagt Post-Chefin Susanne Ruoff. Der Kunde kann wählen zwischen digitalem und physischem Geschäft. Aber wie lange noch?

Carla Stampfli und Thomas Schlittler
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Am Boden liegen teilweise Kartons verstreut, auf der Herrentoilette ist kein Abfalleimer zu finden. Dem neuen Post-Hauptsitz direkt beim Bahnhof Bern Wankdorf fehlt noch der letzte Schliff.

Ende Monat soll aber alles bereit sein, damit die ersten Mitarbeiter in den schicken Neubau umziehen können. Die zweijährige Baustelle wird zum neuen Arbeitsort von rund 2000 Post-Angestellten.

Der Post-Konzern selbst bleibt auch nach dem Umzug eine Baustelle: «Die Post wandelt sich. Wir stehen mitten in einem bedeutenden Modernisierungs- und Transformationsprozess», sagte Post-Chefin Susanne Ruoff gestern bei der Präsentation der Jahreszahlen.

Ob bei der Postfinance, bei Postauto oder im klassischen Brief- und Paketgeschäft – die digitale Revolution betrifft jeden einzelnen Geschäftsbereich des gelben Riesen. Ruoff: «Die Kunden erwarten von uns, dass wir mit der Zeit gehen und moderne Lösungen anbieten.»

Wahlfreiheit – wie lange noch?

Die Liste digitaler Dienstleistungen, die in den letzten Monaten und Jahren geschaffen wurden, ist lang (siehe Textbox unten). Viele Angebote werden noch nicht von einer breiten Masse genutzt. Bei einigen wird das immer so bleiben. Andere werden in Zukunft zum neuen Standard. Doch was bringt die digitale Dienstleistungspalette den Kunden? «In erster Linie mehr Möglichkeiten und Flexibilität», sagt Ruoff.

Als Beispiel nennt sie die Briefmarken: Diese könne man heute ganz klassisch in der Postfiliale oder am Kiosk kaufen, via Onlineshop bestellen oder aber via SMS einen Code anfordern, der dann anstelle der Briefmarke auf dem Couvert notiert wird. «Die Kunden, welche den digitalen Service bevorzugen, holen wir mit digitalen Dienstleistungen ab. Und die Kunden, welche die klassische Lösung bevorzugen, holen wir am Postschalter ab», sagt Ruoff.

Heute gilt bei der Post also Wahlfreiheit für alle. Aber hat dieses Credo auch für die Zukunft seine Gültigkeit? Oder werden die Kunden eines Tages auf den digitalen Pfad gedrängt? Ruoff verneint: «Wir als Post sehen es als unsere Aufgabe, beide Wege anzubieten. Sie können Ihre Geschäfte digital erledigen, aber Sie können auch auf die Poststelle gehen.»

Die Konzernchefin hält die strikte Trennung zwischen digitalem und physischem Geschäft ohnehin für eine Illusion: «Man kann die Post nicht in einen digitalen und einen physischen Bereich aufteilen. Es läuft alles ineinander.»

Zum Beispiel werde ein Paket immer physisch ausgeliefert werden. Dienstleistungen wie «Meine Sendungen», die auf dem Handy aufzeigen, wie ein Paket empfangen werden kann, kämen lediglich als digitale Komponente hinzu.

Auch die über 140 Millionen Postauto-Passagiere werde man nie digital transportieren. Digital seien lediglich die digitalen Informationen für die Fahrgäste – zum Beispiel Echtzeitdaten, ob sie rechtzeitig ankommen und den nächsten Zug erwischen. «Es gibt kein Schwarz-Weiss», sagt Ruoff.

Jobabbau in der Schweiz

Die physische Grundversorgung hat bei der Post also nach wie vor einen hohen Stellenwert. Das unterstreicht folgende Aussage von Verwaltungsratspräsident Peter Hasler: «Für das gute Resultat im letzten Jahr ist die physische Post verantwortlich, nicht die digitalen Innovationen.»

Und weiter: «Wir sind bei der Digitalisierung zwar voll dabei. Die physische Post stirbt dadurch aber nicht aus. Diese wird es auch in 100 Jahren noch geben.»

Physische Post, ja. Aber von Menschen bedient? Teil des Transformationsprozesses sind schliesslich auch Effizienzsteigerungen und Automatisierungen. Dadurch gehen Arbeitsplätze verloren.

2014 zählte die Post insgesamt 44 681 Vollzeitstellen – rund 575 mehr als im Vorjahr. Allerdings nahm der Personalbestand im Ausland übernahmebedingt um rund 850 zu. Das bedeutet, dass in der Schweiz bei der Post 275 Vollzeitstellen wegfielen.

Geht dieser Trend weiter? Konzernchefin Ruoff kann das nicht ausschliessen. Sie betont aber, dass die Post ein sozial verantwortungsvoller Arbeitgeber sei und das auch in Zukunft bleiben werde. «Wenn wir Effizienzsteigerungen vornehmen und weniger Leute brauchen, werden wir diesen Abbau über die natürliche Fluktuation regeln.»

Grosse Entlassungswellen werde man vermeiden. Zudem weist Ruoff darauf hin, dass durch die Umstellungen in einigen Bereichen auch neue Jobs geschaffen würden – zum Beispiel in der Informatik. «Dort suchen wir aktiv nach Lehrlingen und Fachpersonal.» Der digitalen Revolution sei Dank.

Das sind die digitalen Innovationen der Post

Mobilität

Im Personenverkehr ist die Post nicht nur mit dem Postauto unterwegs: Sie entwickelt auch Systeme für Drittkunden. Das wohl bekannteste Beispiel ist die neue öV-Karte «Swiss-pass», die ab August Generalabonnements und Halbtax ablösen wird. Die Post hat elektronische Kontrollgeräte für den Swisspass entwickelt und bietet diese anderen Verkehrsunternehmen an. Weiteres Beispiel ist eine elektronische Fahrplananzeige, die bald an Postautohaltestellen und bei Verkehrsbetrieben im In- und Ausland zum Einsatz kommen könnte. Zudem sollen in Zukunft Postauto-Reisende ein Ticket via SMS kaufen können: Seit Oktober 2014 läuft das Pilotprojekt auf dem Stadtbus Sitten. Ist es erfolgreich, will die Post das System auch anderen Transportunternehmen in der Schweiz anbieten.

Marketing

Geschäftskunden können sich bei der Post praxisorientiertes Fachwissen sowie Tipps und Tools rund um das Marketing einholen – beispielsweise durch Beratung und Workshops. Zudem bietet die Post auch Leistungen im Bereich von Suchmaschinenoptimierung oder Social-Media-Management an. Sie hilft bei der Aufbereitung von E-Mail-Kampagnen und Newslettern. Auch unterstützt die Post ihre Geschäftskunden dabei, in ausländischen Märkten Neukunden zu gewinnen.

Onlinehandel

Unternehmen können ihren gesamten Onlinehandel von der Post abwickeln lassen: von der Bestellabwicklung über die Verpackung der Waren, Lagerung, Bezahlung, bis hin zum Versand. Diese komplette Logistiklösung für Onlinehändler macht das hochautomatisierte Lager in Oftringen möglich, das im vergangenen Jahr in Betrieb genommen wurde. Zudem erteilt die Post im Namen von Onlinehändlern Auskünfte zu deren Produkten, übernimmt die Rechnungstellung, das Mahnwesen und das Retourenmanagement – sowohl logistisch als auch administrativ. Obendrein unterstützt die Post die Onlinehändler beim Aufbau eines Internetshops.

Online- und Mobilebanking

Einen Blick auf den Kontostand werfen, E-Rechnungen freigeben oder seine Wertschriften online handeln: Die eigenen Finanzgeschäfte selbstständig zu verwalten, ist bei der Post bereits heute mit E-Finance und E-Trading möglich. Ab Herbst 2015 wird Swissquote, die Marktführerin im Online-Trading, für Postfinance als Tradingplattform tätig sein und Börsenaufträge abwickeln. Kurz vor der Markteinführung steht «Twint». Eine Bezahl- und Einkaufs-App, die ohne Kredit- oder Debitkarte funktioniert und unabhängig vom Telekomanbieter ist. Nicht nur in Geschäften, an Automaten oder online kann man mit dem digitalen Portemonnaie bezahlen. Auch für Einkäufe in den Bahnhöfen steht die App zur Verfügung. Um Twint zu nutzen, braucht es kein Konto bei der Postfinance.

Flexible Post

Wer es während den Öffnungszeiten nicht mehr an einen Postschalter schafft: Seit Dezember informiert eine SMS oder eine E-Mail, wann ein Paket zugestellt wird. Wollen Kunden es hingegen selber abholen, dann können sie es an 29 Paketautomaten in der ganzen Schweiz abholen, 24 Stunden am Tag. Auch auf die eigene Briefpost hat man nun rund um die Uhr Zugriff. Dies ist mit der Swiss Post Box via Computer, Handy oder Tablet möglich. Der Kunde wählt je nach Bedarf ein Angebot und bestimmt somit, ob die gesamte Briefpost oder nur ein Teil eingescannt werden soll. Doch nicht nur beim Erhalt von Sendungen, auch beim Versand hat die Post auf die mobiler werdende Kundschaft reagiert: Wenn zu Hause die Briefmarken ausgegangen oder die Läden bereits geschlossen sind, kann eine SMS-Marke gekauft werden. Statt eine gewöhnliche Marke auf das Couvert zu kleben, schreibt man einen Code darauf, der einem per SMS zugestellt wird. Der Betrag wird direkt über das Handy-Abonnement abgebucht oder dem Prepaid-Guthaben belastet.