Vontobel-Topmanager Georg Schubiger: «Die Ostschweiz ist sehr attraktiv»

Seit der Übernahme der Privatbank Notenstein La Roche zur Jahresmitte ist Vontobel auch in der Ostschweiz präsent. Wealth-Management-Chef Georg Schubiger erwartet hier gute Geschäfte.

Thomas Griesser Kym
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«Die Bank passt auch zur Vontobel-Kultur»: Georg Schubiger über die Integration von Notenstein La Roche. (Bild: Ralph Ribi)

«Die Bank passt auch zur Vontobel-Kultur»: Georg Schubiger über die Integration von Notenstein La Roche. (Bild: Ralph Ribi)

Georg Schubiger, Sie sind St. Galler und haben an der HSG studiert. Welchen Bezug haben Sie heute noch zur Ostschweiz?

In den ersten 28 Jahren meines Lebens lautete meine Postleitzahl 9008. Ich habe hier viele Freunde, und meine Eltern leben nach wie vor in St.Gallen. Ich verbinde mit der Stadt viele Kindheitserinnerungen: Kinderfest, Fides-Handballturnier, Open Air. Und natürlich die Olma.

Vontobel hat die Privatbank Notenstein La Roche erworben. Was bringt Ihnen das?

Wir haben Notenstein wegen ih­rer sehr starken Präsenz in der Schweiz generell und in der Ostschweiz speziell übernommen. Zuvor waren wir in dieser Region nicht präsent. Jetzt haben wir auch Filialen in St. Gallen, Schaffhausen und Chur. Die Ostschweiz ist sehr attraktiv und ein sehr interessanter Wirtschaftsraum.

Solche Komplimente erhält man aus Zürich selten. Was macht die Attraktivität aus?

In der Ostschweiz sind sehr viele mittelgrosse Unternehmen präsent, die teils weltweite Spitzenpositionen innehaben. Ich denke etwa an die Textilindustrie, aber auch an die Industrie generell oder an all die vielen Zulieferer. Die Nähe zu Deutschland und Österreich führt zudem zu regem Güteraustausch, weshalb auch viele Handels- und Dienstleistungsfirmen hier aktiv sind. Im Weiteren verfügt die Ostschweiz über ein gutes Ausbildungssystem, und das auf allen Stufen.

Im Wealth Management geht es aber in erster Linie um betuchte Privatkunden. Wie beurteilen Sie Ihr Kundenpotenzial in der Ostschweiz?

Es gibt auch hier viele vermögende Privatpersonen. Notenstein und ihre Vorgängerin Wegelin haben bewiesen, dass man hier gute Geschäfte machen kann.

Raiffeisen als vorherige Besitzerin Notensteins ist damit nicht glücklich geworden. Die Kundenvermögen sind stark geschrumpft. War die Genossenschaftsbank die falsche Eigentümerin?

Ich möchte mich nicht über Raiffeisen äussern. Fest steht, dass wir dank der Notenstein-Übernahme in der Ostschweiz einen sehr attraktiven Kundenstamm haben.

Wie haben denn Notenstein-Kunden den Übergang zu Vontobel aufgenommen?

Sehr positiv. Sowohl die Kunden als auch die Mitarbeitenden. Vontobel ist ein bekannter Name im Private Banking, wir sind langfristig orientiert und gut kapitalisiert, in der Schweiz verwurzelt, und wir produzieren nur in der Schweiz und nicht im Ausland.

Welche Pläne hegt Vontobel mit dem Geschäft der früheren Notenstein La Roche?

Wir wollen das Gleiche tun wie überall in der Schweiz. Wir sind stark organisch gewachsen, haben Mitarbeitende eingestellt, Kunden gewonnen und in die Standorte investiert. Damit wollen wir weitermachen.

Welche Ziele gibt es?

Im für uns wichtigen Heimmarkt Schweiz haben wir ein jährliches Wachstum des Neugeldes von netto 5 bis 10 Prozent definiert. Aber das ist eine Richtschnur. Wir verstehen Private Banking als langfristiges Geschäft, wofür wir gute Mitarbeitende und gute Dienstleistungen brauchen. Das hat immer funktioniert.

Gibt es Anlass, am Geschäftsmodell von Notenstein La Roche herumzuschrauben?

Nein. Wir stellen die private Vermögensverwaltung mit persönlicher Kundenbetreuung ins Zentrum. Das war auch Notensteins Credo, und das bleibt so. Die Bank passt auch zur Vontobel-Kultur. Es hat hier und zuvor bei Wegelin schon immer unternehmerisch denkende Leute gehabt.

Wer kann Kunde werden?

Grundsätzlich ab 750'000 Franken Vermögen. Doch wir haben auch viele gute Kunden mit weniger Vermögen, aber mit Entwicklungspotenzial. Oft bringen Kunden auch nicht ihr ganzes Vermögen zu uns, sondern verteilen es auf mehrere Banken. Entscheidend ist, ob eine Kundenbeziehung über die Zeit für beide Seiten Sinn ergibt.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung im Private Banking?

Ich bin überzeugt, dass die Digitalisierung die Kundenberater aus Fleisch und Blut unterstützt, aber nicht ersetzen wird. Die Vermögensverwaltung ist sehr individuell, ähnlich wie die Gesundheit oder die Sicherheit. Solche Themen haben viel mit Vertrauen, Zuhören und Empathie zu tun, das lässt sich nicht an einen Algorithmus delegieren.

Auf Vontobels Website werden Sie wie folgt zitiert: ­«Erreichtes stellen wir immer wieder in Frage.» Konkret?

Wir müssen uns immer wieder fragen: Was braucht es als nächstes, damit wir die erste Wahl für Kunden, Mitarbeitende und Aktionäre sind? Zum Beispiel wünschen die Kunden heute wertbasierte, voll transparente Preisstrukturen. Der Kunde will auf den Rappen genau wissen, was er bezahlt und wofür. Oder: Wir haben sehr früh entschieden, das US-Geschäft aus einer Einheit heraus zu betreiben, aber mit einer Lizenz der Börsenaufsicht SEC. So sind wir von den Folgen des Steuerstreits verschont geblieben.

Die Aktienmärkte haben jüngst nachgegeben und sind sehr volatil. Wie gehts weiter?

Aus unserer Sicht ist das wahrscheinlichste Szenario, dass sich die Börse erholt und weiter positiv entwickelt. Alle relevanten Wirtschaftsregionen auf der Welt sind auf einem Wachstumspfad. Das wirkt sich auch positiv auf die Firmen und deren Gewinne aus. Zudem schwächen die Handelskonflikte ab. Nordamerika hat bereits eine Einigung erreicht, die USA und die EU verhandeln. Und mit Blick auf die US-Wahlen ist es für die US-Regierung wichtig, auch mit China Fortschritte vermelden zu können.

Sie sind seit gut sechs Jahren bei Vontobel. Haben Sie bald wieder mal Lust auf Neues?

(lacht)

Mir gefällt es sehr gut bei Vontobel.

Standortzahl verdoppelt

Neben dem St. Galler Bankchef Zeno Staub und dem Thurgauer Felix Lenhard ist Georg Schubiger der dritte Ostschweizer in der sechsköpfigen Geschäftsleitung Vontobels. Schubiger, Jahrgang 1968, leitet seit 1. August 2012 das Wealth Management der Privatbank. Mit inzwischen über 2000 Mitarbeitenden verwaltet Von­tobel Kundenvermögen von 254 Milliarden Franken (per 30. Juni).

Auf 1. Juli stiess die in St. Gallen ansässige Privatbank Notenstein La Roche mit 16 Milliarden Franken Kundenvermögen zu Vontobel. 210 Mitarbeitende, davon 90 Kundenberater, wurden übernommen. Gut 100 Stellen und damit weniger als ursprünglich erwartet (140) gingen verloren, vor allem im Backoffice. Durch die Notenstein-Integration stieg die Zahl der Vontobel-Standorte in der ganzen Schweiz um 7 auf 13. (T. G.)