Die neue ABB bleibt schwer zu fassen

Der Konzern baut seine Divisionen abermals um und provoziert Unmut bei den Investoren. Dies, obwohl ABB bei den Bestellungen und beim Umsatz zulegen konnte.

Daniel Zulauf
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Roboter von ABB fertigen in einer Werkshalle Lastwagentüren. (Bild: Sven Hoppe/Keystone (München, 16. Mai 2018))

Roboter von ABB fertigen in einer Werkshalle Lastwagentüren. (Bild: Sven Hoppe/Keystone (München, 16. Mai 2018))

ABB hat es eilig, mit der Geschichte abzuschliessen. Am 17. Dezember hatte der Elektrotechnikkonzern offiziell mitgeteilt, dass es für das Geschäft mit der Stromübertragung keinen Platz mehr gibt. Man kündigte den Verkauf des ehemaligen Kerngeschäfts an die japanische Hitachi an. Der Milliarden-Deal ist zwar besiegelt, doch abgeschlossen wird er voraussichtlich erst im kommenden Jahr. An der gestrigen Jahresbilanzpressekonferenz in Zürich war vom einstigen Kerngeschäft aber keine Rede mehr. CEO Ulrich Spiesshofer sprach wie gewohnt schnell und viel, aber nur noch über die neue ABB und deren Aussichten, die eine «erhebliche Wertsteigerung für alle Stakeholder» versprechen.

Einzig in der Erfolgsrechnung findet sich noch ein Eintrag, aus dem sich die letztjährige Leistung der Sparte halbwegs nachvollziehen lässt. 723 Millionen Dollar Gewinn trugen die nicht mehr fortzuführenden Aktivitäten 2018 zum Konzern­resultat bei – 123 Millionen Franken oder 15 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Löwenanteil entfällt auf die Stromnetzsparte. Es gibt noch eine zweite Zahl in der ABB-Rechnung, die an die Existenz der Stromnetzsparte erinnert. Das ist der Cashflow, der Saldo der Zahlungsströme. Um 23 Prozent hat sich dieser Leistungswert im Berichtsjahr reduziert – auch dafür gaben die nichtfortgeführten Aktivitäten den Ausschlag.

ABB hat in den vergangenen Monaten ungewöhnlich viele Neuaufträge für die Stromnetzsparte hereingeholt. Die entsprechenden Anzahlungen seien dafür noch nicht eingegangen, und zudem seien sogenannte Meilensteinzahlungen, die bei einer Projektabwicklung üblich sind, ausgeblieben. Das alles deutet darauf hin, dass ABB die Division kurz vor dem Verkauf noch mächtig aufpoliert hat, um den Verkaufspreis zu maximieren.

Aber wie gut sieht ABB ohne ihr früheres Herzstück wirklich aus? Die gestrige Präsentation liess offensichtlich viele Investoren einigermassen irritiert zurück – obschon der Konzern im Berichtsjahr 14 Prozent mehr Bestellungen und 10 Prozent mehr Umsatz verbuchen und das operative Ergebnis (ohne Stromnetze) um 7 Prozent zu steigern wusste. Und obgleich die Aktionäre eine höhere Dividende erhalten und für die Sonderkosten im Zusammenhang mit dem Hitachi-Deal, die zu einem Gewinnrückgang führten, nicht zur Kasse gebeten werden, sackte der Aktienkurs an der Börse um 2,5 Prozent auf etwas über 19 Franken ab. Offensichtlich gibt es im Kreis der Anleger und Finanzanalysten nicht wenige, die an Spiesshofers Versprechen Zweifel hegen.

Fragen zum Potenzial der Robotik-Sparte

So gibt es etwa offene Fragen über das wahre Potenzial der ­Robotik-Sparte, die im vierten Quartal mit einer eindrücklichen Geschäftsausweitung aufwarten konnte. Das Geschäft mit Industrierobotern, das vor einigen Jahren noch ein Sanierungsfall war, wird von Spiesshofer als eine der Perlen im ABB-Portefeuille angepriesen. Doch die Qualität einer Sparte lässt sich nur über einen längeren Zeitraum einigermassen zuverlässig beurteilen.

Und genau das verhindert Spiesshofer, indem er die Sparte genau jetzt umbaut, wo sie den Qualitätstest bestehen müsste. Statt mit den nach dem Verkauf der Stromnetze verbleibenden drei Divisionen weiterzufahren, schafft ABB nun wieder eine vierte Division für die Antriebstechnik, die ein Teil des bisherigen Geschäftes der Robotik-Sparte übernimmt. Analysten monierten, die unveränderten Leistungsziele der so veränderten Robotik-Sparte sähen auffallend ambitionslos aus. Dahinter verbirgt sich die Befürchtung, dass die bisher gehegten Erwartungen für das Industrieroboter-Geschäft eben doch überzogen waren. Manch einer fragt sich heute, ob man mit Fleiss und ­Geduld das Stromnetzgeschäft nicht hätte selber auf Vordermann bringen können, womit der ABB ein strategisch unbestrittenermassen bedeutungsvolles Geschäft mit globaler Ausstrahlung erhalten geblieben wäre.

Streit um chinesische Technologie bei ABB

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Andreas Maurer, Bellinzona