Die Nationalbank wartet ab

Im Kampf gegen die Frankenstärke entscheidet sich Nationalbank für den geldpolitischen Status quo. Trotz Klagen der Wirtschaft hebt sie den Mindestkurs zum Euro vorerst nicht an.

Stefan A. Schmid
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Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand sind wegen der Ungewissheiten im Euroraum geldpolitisch momentan die Hände gebunden. (Bild: ky/Peter Klaunzer, Grafik: al)

Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand sind wegen der Ungewissheiten im Euroraum geldpolitisch momentan die Hände gebunden. (Bild: ky/Peter Klaunzer, Grafik: al)

BERN. Seit ihrem Coup vom 6. September verteidigt die Schweizerische Nationalbank (SNB) einen Mindestkurs von 1.20 Fr. pro Euro. Stimmen aus Wirtschaft und Politik hatten in den letzten Wochen den Druck auf das SNB-Direktorium unter Präsident Philipp Hildebrand erhöht, den Mindestkurs anzuheben. Denn obwohl sich der Euro um die Marke von 1.23 Fr. eingependelt hat, leiden die Schweizer Exportwirtschaft und der Tourismus weiterhin und rufen nach einem Kurs zwischen 1.30 und 1.40 Franken.

Nationalbank im Dilemma

Die SNB indessen liess es gestern bei Rhetorik bewenden und bekräftigte einzig, an ihrer Nullzinspolitik und am Mindestkurs von 1.20 Fr. festzuhalten. Hildebrand sagte, der Franken bleibe hoch bewertet, sollte sich aber in Zukunft weiter abschwächen. «Falls die Wirtschaftsaussichten und die deflationären Risiken es erfordern, steht die Nationalbank bereit, jederzeit weitere Massnahmen zu ergreifen», repetierte Hildebrand sein Credo einmal mehr.

Nach dem Nullentscheid der SNB rutschte der Euro gestern früh umgehend unter die Marke von 1.23 Franken. Die Überraschung hielt sich aber in Grenzen. Es sei verständlich, dass die SNB den Mindestkurs zum jetzigen Zeitpunkt nicht angehoben habe, sagte etwa Rudolf Minsch, Chefökonom beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse; zu gross seien die Ungewissheiten im Euroraum. Im Falle einer Eskalation der Euroschuldenkrise wäre eine Untergrenze von 1.30 Fr. oder höher wohl sehr schwierig zu verteidigen, sagte Minsch.

Morgan Stanley malt schwarz

Die Einführung des Mindestkurses von 1.20 Fr. habe die Bedrohung für die Schweizer Wirtschaft und das Risiko einer deflationären Entwicklung (sinkendes Preisniveau) reduziert, bilanzierte Hildebrand. Zudem hätten die Firmen mehr Planungssicherheit. Trotzdem bleibe die Lage für weite Teile der Wirtschaft schwierig.

Der Entscheid, den Mindestkurs nicht anzuheben, basiert auf dem wirtschaftlichen Ausblick der SNB. Sie erwartet zwar eine deutliche Wachstumsabschwächung – die Schweizer Wirtschaft dürfte 2012 lediglich um 0,5% expandieren –, aber keine anhaltende Rezession. Und sie rechnet – immer unter der Voraussetzung eines Leitzinssatzes von weiterhin 0% – mit vorübergehend negativen Inflationsraten (siehe Grafik). Für 2012 erwartet sie im Schnitt einen Preisrückgang um 0,3%, ohne aber von einem stetig sinkenden generellen Preisniveau auszugehen. Fazit: Der Wirtschaft stehen schwere Zeiten bevor, aber nicht so schwere, dass die SNB schon jetzt alles Pulver verschiessen will.

Allerdings sind mit Blick auf Europa die Ungewissheiten laut Hildebrand hoch und die Risiken enorm. Wie stark die SNB bei einer Eskalation gefordert wäre, zeigt eine Prognose der US-Bank Morgan Stanley. Diese geht davon aus, dass die SNB die Marke von 1.20 Fr. pro Euro nicht verteidigen könnte, sollte sich die Schuldenkrise zuspitzen. Im 1. Halbjahr 2012 erwartet Morgan Stanley einen Eurokurs von 1.08 Franken.