Die Menschen stürmen die Einkaufscenter: «Einige Läden konnten schon einen Monat wieder gutmachen»

Die Shopping-Center erleben einen regelrechten Ansturm. Vor allem Kleider und Möbel sind gefragt. Doch der Einkaufstourismus besorgt die Branche – und nicht alle profitieren von der neuen Konsumlaune.

Stefan Ehrbar
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In den Einkaufscentern - im Bild das Glattzentrum in Wallisellen ZH - werden deutlich höhere Umsätze verzeichnet.

In den Einkaufscentern - im Bild das Glattzentrum in Wallisellen ZH - werden deutlich höhere Umsätze verzeichnet.

Keystone

Einkaufscenter hatten es zuletzt nicht leicht: Umsätze sanken, während der Onlinehandel boomte. Experten sahen in den Konsumtempeln ein Auslaufmodell in den letzten Zügen. Nach dem Corona-Lockdown aber die Überraschung: Die Shoppingcenter sind von den Totgeglaubten auferstanden. Sie verzeichneten in den letzten Wochen Rekordumsätze, so viele Besucher wie kaum je zuvor pilgerten in die Läden.

Im flächenmässig grössten Einkaufszentrum der Schweiz, dem Shoppi Tivoli in Spreitenbach AG, gibt es eine «regelrechte Aufholjagd», wie Centerleiter Patrick Stäuble sagt. «Einige Verkäufer konnten schon einen Monatsumsatz der zwei Monate Lockdown wieder gutmachen.»

«Täglich Anfragen für Ladenflächen»

Im Vergleich zum Vorjahr liege das Shoppi Tivoli in den letzten fünf Wochen «klar über Vorjahr», so Stäuble. Die grössten Zunahmen werden im Bereich der Kinderkleider verbucht. Ein paar Kilometer weiter östlich zeigt sich das gleiche Bild. Marianne Guldimann, Centerleiterin des Sihlcity in Zürich, sagt: «Es gab Mieter, die konnten ganze Wochen umsatztechnisch aufholen. Es kommen zwar etwas weniger Kunden, diese kaufen dafür mehr ein.» Ähnlich tönt es beim umsatzstärksten Einkaufszentrum Glatt in Wallisellen ZH. «Die Frequenzen sind bedeutend höher als im Vorjahr», sagt Sprecherin Lisa Rennefahrt. «Einzelne Geschäfte konnten sogar die fehlenden Tage im Mai aufholen.»

Das liege auch an der Neueröffnung von Läden, etwa dem ersten H&M Home Store der Schweiz, der «sehr gut» angelaufen sei und viele Besucher anlocke. Leerstände gebe es nicht - im Gegenteil. «Wir haben täglich mehrere Anfragen für Ladenflächen», sagt Rennefahrt. «Die Zahl der Interessenten auf unserer Warteliste ist seit der Coronakrise eher noch grösser geworden, weil viele wegen einer möglichen Schliessung durch Insolvenz auf eine freie Ladenfläche hoffen.»

Erwartungen waren zu tief

Nicht nur im Raum Zürich laufen die Geschäfte blendend. Marc Schäfer, Centerleiter der Shopping Arena in St. Gallen, spricht von «deutlich höheren Frequenzen» seit der Wiedereröffnung. «Obwohl der Mai im Vergleich zum Vorjahr sieben Verkaufstage weniger hatte, haben die meisten Läden bei uns gleich viel Umsatz gemacht.» Gefragt seien vor allem Kleider, aber auch Möbel und Sportartikel.

Für eine definitive Bilanz zu den Einbussen der Coronakrise sei es zwar noch zu früh, sagt Schäfer. Aber: «Wir sind wohl mit einem blauen Auge davongekommen. Unsere Erwartungen waren zu pessimistisch.»

Einkaufstourismus bleibt aktuell

Sind die Einkaufscentren also die heimlichen Gewinner der Krise - oder ist der Boom nach dem Corona-Lockdown einem einmaligen Nachholbedarf geschuldet? Welchen Rolle spielen künftig der Einkaufstourismus und der Onlinehandel? Im Moment sei letzterer zwar noch nicht so stark wie vor der Krise, sagt Marc Schäfer von der Shopping Arena. Die Leute legten eine gewisse Vorsicht beim Einkaufen im Ausland an den Tag.

«Schlagzeilen wie jene, die Tönnies derzeit produziert, tun Deutschland als Einkaufsland auch nicht gut», sagt Schäfer. «Der Preis ist eben doch nicht alles.» Klar sei aber auch: Der Einkaufstourismus verschwinde nicht einfach so. «Die Preisdifferenzen bei gewissen Produkten sind nach wie vor hoch. Das Thema bleibt noch jahrelang aktuell, damit müssen wir leben.»

Onlinehandel legt stark zu

Als die Grenzen zu Deutschland wieder aufgingen, gingen denn auch im zürcherischen Wallisellen die Besucherfrequenzen leicht zurück, wie es beim Glattzentrum heisst. Vor allem die Lebensmittelläden hätten das gespürt.

Auch Patrick Stäuble vom Shoppi Tivoli geht davon aus, dass die Grenzöffnungen einen Einfluss haben. «Hier wünschte ich mir schon mehr Switzerland First», sagt er. «Zusammenhalten heisst auch, dass wir gerade in solchen Situationen die in der Schweiz ansässigen Unternehmen unterstützen.»

Neben der Konkurrenz aus dem Ausland ist auch jene aus dem Internet gekommen, um zu bleiben. «Das von Exponenten des stationären Detailhandels herbeigewünschte Abflachen des Online-Booms bleibt weiterhin Wunschdenken», schreibt Thomas Lang, Gründer und CEO des Beratungsunternehmen Carpathia, in seinem Blog. Im Mai habe der Onlinehandel im Vergleich zum Vorjahresmonat um 46,9 Prozent zugelegt.

Nicht alle Center profitieren vom Boom

«Auch die bekannten Zahlen für den Juni sprechen eine unmissverständliche Sprache», schreibt Lang. Für das ganze Jahr gehe er von einem Plus beim Onlinehandel von 30 Prozent aus. Das Wachstum gehe zu einem Drittel auf strukturelle Verschiebungen und zu zwei Dritteln auf einen «nachhaltigen Coronaboost» zurück.

Hinzu kommt: Auch wenn die Verkäufe in den Läden wieder anziehen, leiden andere Angebote in den Shoppingcentern weiterhin. So sind etwa Kinos und Eventlocations weiterhin Beschränkungen unterworfen, sagt Marianne Guldimann vom Zürcher Sihlcity. Den Restaurants wiederum fehlten weiterhin Gäste, weil viele Büroangestellte im Umfeld im Homeoffice sind. «Diese Erfahrung machen nicht nur wir im Sihlcity, wir teilen sie mit anderen Einkaufscentern», sagt Guldimann.

Wie schwierig es für Center ist, sich in diesem Umfeld zu behaupten, zeigt das Beispiel der Mall of Switzerland in Ebikon LU. Die Betreiber machten vieles richtig: Nicht nur Läden, sondern auch ein Kino, ein Wellness- und Fitnessangebot oder eine Indoor-Surfwelle sollten die Besucher ins Luzerner Umland locken.

Mall of Switzerland ohne Zahlen

Mit fünf Millionen Besuchern jährlich rechneten die Betreiber der 2017 eröffneten Mall zunächst, bevor sie die Erwartungen auf 4,5 bis 5 Millionen herunterschraubten. Das entspricht etwa 15'000 Besuchern pro verkaufsoffenem Tag - und damit immer noch deutlich weniger als im vom Konzept her vergleichbaren Sihlcity, das etwa 24'000 Besucher täglich zählt. Selbst diese Ziele erreichte die Mall of Switzerland im ersten Jahr nicht.

Die Betreiber kommunizieren nun keine genauen Besucherzahlen mehr. Zwar verschickte die Mall vor kurzem eine Mitteilung: Nach der Aufhebung des Lockdowns sei die Zwischenbilanz «erfreulich», die Besucherzahlen hätten im Mai um 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugenommen.

Läden laufen «höchstens passabel»

Doch ein Rundgang zeigt: In den vergangenen Monaten verabschiedeten sich erneut viele Mieter, etwa der Schuhladen Bata, der Drink Shop und O Bag, aus dem Adidas-Store wurde ein Outlet-Laden. Zwar betonen die Betreiber, der Vermietungsstand betrage unverändert 85 Prozent und es gebe namhafte Neumieter - etwa die Modekette Cecil/Street One oder das Zoogeschäft Petfriends.

Der Geschäftsgang sei bei der Gastronomie gut, bei den Läden hingegen nur zum Teil, sagt ein Kenner der Mall. Viele liefen höchstens passabel. Vom bei der Eröffnung angekündigten «Einzigartigen, soweit das Auge reicht», ist nicht mehr viel zu spüren. Anfragen beantworten die Betreiber nicht. Das Beispiel zeigt: Selbst wenn ein Einkaufscenter alles richtig macht, müssen die Betreiber ums Überleben kämpfen.

Mitarbeit: Roman Hodel

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