«Die Marktpreise werden eher sinken»

Mit der Wahl seines designierten Nachfolgers wird heute der Abschied von Werner Messmer als Präsident des Schweizerischen Baumeisterverbandes per Ende Jahr eingeläutet. Der Thurgauer über seine Branche, politische Entwicklungen und die Gewerkschaften.

Thomas Griesser Kym
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Der Thurgauer Baumeister Werner Messmer inmitten einiger Maschinen seines Bauunternehmens in Sulgen. (Bild: Reto Martin)

Der Thurgauer Baumeister Werner Messmer inmitten einiger Maschinen seines Bauunternehmens in Sulgen. (Bild: Reto Martin)

Herr Messmer, per Ende Jahr treten Sie als Präsident des Schweizerischen Baumeisterverbandes (SBV) zurück. Was überwiegt: Das lachende oder das weinende Auge?

Werner Messmer: Das lachende. Zwar habe ich den Job als Präsident mit viel Herzblut und Leidenschaft gemacht. Aber nach zwölf Jahren ist es Zeit für einen Rückzug. Es stellt sich auch eine gewisse Routine ein, und das ist gefährlich in einem kreativen Job.

Kreativ inwiefern?

Messmer: Der SBV hat eine sehr heterogene Mitgliedschaft. Die Spannweite reicht vom grössten Bauunternehmen mit mehreren tausend Beschäftigten bis zu vielen Firmen mit weniger als zehn Leuten. Hier geht es darum, als Präsident die unterschiedlichen Interessen zu bündeln. Ähnlich verhält es sich geographisch. Wir haben Gebirgskantone, Stadt und Land. Je nach Region haben die Baufirmen unterschiedliche Aufgaben. Schliesslich ist da die Sozialpartnerschaft. Hier braucht es Kreativität, um den Frieden zu wahren.

Sie haben vor dem SBV auch diverse kantonale Verbände im Thurgau präsidiert: IHK, Gewerbe-, Baumeisterverband. Wo gibt es Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten?

Messmer: Ich habe sehr profitiert von allen kantonalen Stufen, plus von meinem Mandat als Nationalrat. Dieses hat mir wichtige politische Kontakte und Verbindungen verschafft, und ich habe die Mechanismen der Bundespolitik kennengelernt. Grundsätzlich liegt das Schwergewicht der IHK und des Gewerbeverbandes eher auf der politischen Arbeit, während sich Branchenverbände wie jener der Baumeister mehr praktischen Aufgaben widmen wie dem Lehrlingswesen oder den GAV-Verhandlungen. Letztlich geht es aber immer um mehr Einfluss auf die Politik.

Welche Veränderung hat die Bauindustrie am stärksten geprägt in Ihrer Amtszeit?

Messmer: Am auffälligsten für mich ist, dass es immer hektischer geworden ist. Termindruck und Preiskampf haben laufend zugenommen. Wir haben weniger Vorbereitungszeit, das enge Terminkorsett behindert eine optimale Ablaufplanung. Als Folge haben viele Baufirmen die Zahl ihrer festangestellten Arbeiter reduziert und behelfen sich mit mehr Temporären und Akkordanten.

Unter anderem zu wenig Zeit für die Planung hat den SBV bewogen, vor bald einem Jahr zusammen mit der ETH Zürich das Handbuch «Mängel im Hochbau» zu publizieren. Wie ist dieser Leitfaden zur Reduktion von Mängeln angekommen?

Messmer: Sehr gut, wir haben bisher 1300 Exemplare verkauft. Das Buch enthält keine Vorwürfe, sondern zeigt Prozesse auf, um Mängel zu vermeiden. Planer und Architekten beispielsweise müssen den Bauherren klarmachen, dass sie eine gewisse Zeit benötigen, damit sie das Bauwerk optimal planen können. Dafür muss sich zuerst die Denkweise ändern.

Die Bautätigkeit in der Schweiz ist nach wie vor hoch, aber die Zahl der Baubewilligungen ist jüngst gesunken, und der Arbeitsvorrat ist tiefer als vor einem Jahr. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Messmer: Wir sind mit einem sehr hohen Arbeitsvorrat ins Jahr gestartet. Dass er jetzt tiefer ist als vor einem Jahr, hat mit dem milden Winter zu tun. Generell ist die Auslastung nach wie vor gut, und sie ist gut verteilt auf alle Regionen, wenngleich es immer Firmen gibt, die zu wenig Arbeit haben. Der Thurgau beispielsweise profitiert enorm vom Wohnungsbau, von Zuzügern, die in der Agglomeration arbeiten, aber hierher zügeln, weil es günstiger ist.

Wie lautet Ihr Ausblick über 2014 hinaus?

Messmer: Der Wohnungsbau dürfte sich 2014 markant abschwächen, kein Einbruch, aber ein klarer Rückgang. Dahinter steckt die Verunsicherung über die Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative. Die Investoren sind zurückhaltend, und der Industrie- und Gewerbebau kann das nicht voll kompensieren, zumal auch dort Vorhaben zurückgestellt werden. Bis die Bautätigkeit wieder steigt, kann es 2017 werden.

Leute, die Dichtestress beklagen, freuen sich womöglich, wenn weniger gebaut wird. Andererseits wird aber auch die Forderung lauter, wegen der begrenzten Landreserven verdichtet zu bauen. Ihr Urteil?

Messmer: Die Fläche ist begrenzt, man kann sie nicht ungeplant verbauen. Ziel muss es sein, Land zu sparen und auf weniger Quadratmeter Grünfläche mehr Nutzung zu erreichen. Konkret braucht es dazu erstens verdichtetes Bauen, also mehr in die Höhe und in die Tiefe. Zweitens muss man den Mut haben, öfter ältere Gebäude nicht zu renovieren, sondern abzureissen und etwas Neues zu bauen. Das bedingt weniger Auflagen für Abbrüche, genauso wie man alte Brachen einfacher zugänglich machen muss für Neubauten.

Die Menschen konsumieren immer mehr Wohnraum pro Kopf. Müssen wir uns in Zukunft wieder mit weniger bescheiden?

Messmer: Im Endeffekt ist das eine Preisfrage. Es sollen grosse und kleine Wohnungen angeboten werden. Aber: Je verdichteter wir bauen, desto grosszügiger soll eine Wohnung sein. Dann stellt sich auch kein Gefühl von Enge ein.

Zwischen Oktober 2013 und April 2014 sind die Baupreise erstmals seit fünf Jahren leicht gesunken. Delle oder Trendwende?

Messmer: Der Marktpreis für Wohnungen ist noch selten so stark gesteuert worden von Angebot und Nachfrage. Die hohe Nachfrage hat die Preise nach oben gejagt, aber jetzt sehen wir, dass vor allem Wohnungen im ganz teuren Segment nicht mehr so leicht weggehen, was ihre Preise wieder drückt. Diese Trendwende wird den ganzen Wohnungsbau erfassen mit der Folge, dass die Marktpreise eher wieder sinken.

Womit wir wieder bei der Verunsicherung wegen der Masseneinwanderungs-Initiative sind. Der SBV findet viel Gutes im Konzept des Bundesrates zur Umsetzung. Weshalb?

Messmer: Der Bundesrat stellt drei Faktoren ins Zentrum, die wir sehr begrüssen: Das Interesse der Wirtschaft soll gewahrt bleiben, er will an den bilateralen Verträgen festhalten, und die Sozialpartner sollen einbezogen werden.

Kritik äussert der SBV aber an der vorgesehenen Kontingentierung auch für Kurzaufenthalter mit L-Bewilligung für vier bis zwölf Monate. Was stört Sie?

Messmer: Die Baufirmen sind nicht mehr Kurzsaisonbetriebe. Wir haben keine rechten Winter mehr, die Baumeister planen ihren Personalgrundstock für das ganze Jahr. Werden nun auch unterjährige Arbeitsverhältnisse der Kontingentierung unterstellt, muss der Patron die ganze bürokratische Prozedur zwei- bis dreimal pro Jahr bewerkstelligen: Schweizer Arbeitskräfte suchen; wenn er keine findet, dies nachweisen; das Gesuch für Ausländer einreichen und hoffen, dass sie noch Platz haben in den Kontingenten.

Der Bundesrat will Kapitalbezüge aus der Pensionskasse etwa für den Hauskauf verbieten, damit im Alter nicht das Geld fehlt und der Staat mit Ergänzungsleistungen einspringen muss. Wie sehen Sie das?

Messmer: Ich habe Verständnis für die Sorge. Es ist aber der falsche Ansatz. Der Staat soll es dem Bürger überlassen, was er mit seinem Geld tut. Er soll ihm aber Vorschriften machen, dass er das Kapital spätestens bis zum Eintritt ins Pensionsalter wieder einzahlen muss.

Mit den Gewerkschaften liegt der SBV chronisch im Clinch. Warum?

Messmer: Das Bauhauptgewerbe ist für die Gewerkschaften eine Schlüsselbranche – die grösste Binnenmarktbranche, zwei Drittel der Beschäftigten Ausländer, hoher Organisationsgrad. Leider missbrauchen die Gewerkschaften die Sozialpartnerschaft oft für ihre Gewerkschaftspolitik. Ein Beispiel: Auf Ende 2015 muss der GAV neu verhandelt werden. Obwohl wir mit den Gewerkschaften vereinbart haben, dass die Verhandlungen im kommenden Winter starten, haben sie auf ein paar Baustellen schon erste Grossaktionen durchgeführt.

Was tut Werner Messmer in Zukunft mit seiner zusätzlichen Freizeit?

Messmer: Ende 2015 werde ich 70. Ich gehöre nicht zu denen, die meinen, sie müssten bis 85 arbeiten, um glücklich zu sein. Ich werde zwei, drei Mandate behalten, ab und zu als Referent auftreten, und ich bleibe VR-Präsident unserer Baufirma. Zudem bleibe ich noch zwei Jahre Stiftungsratspräsident des Campus Sursee: Das Ausbildungszentrum des SBV hat sich nach einer Krise zu Beginn des Jahrtausends mittlerweile zum grössten Seminarhotelbetrieb in der Zentralschweiz weiterentwickelt.

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