Die Macht des Geldes

Auf unkonventionellem Weg versucht die US-Notenbank die hohe Arbeitslosigkeit in Amerika zu bekämpfen. Notenbankchef Ben Bernanke setzt auf die Macht des Geldes.

Thomas Spang
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Fed-Chef Ben Bernanke: «Perioden wirtschaftlicher Stagnation.» (Bild: ap/Manuel Balce Ceneta)

Fed-Chef Ben Bernanke: «Perioden wirtschaftlicher Stagnation.» (Bild: ap/Manuel Balce Ceneta)

Washington. Es mag ein Zufall des Kalenders gewesen sein, der die Kongresswahlen und die regelmässige Sitzung der amerikanischen Notenbanker im Offenmarktausschuss auf einen Tag fallen liess. Doch die Entscheidung, die der in seinem Amt unabhängige Ben Bernanke durchsetzte, könnte kaum kalkulierender sein. Die US-Notenbank (Fed) öffnet die Schleusen für eine Flut frischer Dollars in den Markt (vgl.

Ausgabe von gestern) auch deshalb, weil aus dem Kongress mit seiner neuen republikanischen Mehrheit im Repräsentantenhaus künftig keine fiskalpolitischen Impulse mehr zu erwarten sind.

Ein Haufen Schulden

Die Bereitschaft der Abgeordneten, ein zweites Konjunkturpaket aufzulegen, tendierte bereits unter demokratischer Führung gegen Null. Obwohl der 800 Mrd.

$ schwere Stimulus zu Beginn der Amtszeit Barack Obamas die Wirtschaft vor dem Absturz in eine Depression rettete und nach Einschätzung unabhängiger Ökonomen bis zu drei Millionen Arbeitsplätze sicherte, geriet das Paket in den Ruf, dem Staat nicht viel mehr als einen Haufen Schulden hinterlassen zu haben.

Bernanke, der seine akademischen Lorbeeren mit der Erforschung der Grossen Depression in den 30er-Jahren verdiente, sah und sieht dies anders, weshalb er die Märkte bereits letzten August auf weitere Eingriffe vorbereitete.

Es ist nicht ohne Ironie, dass der Republikaner an der Spitze der Fed ausgerechnet am Tag des Triumphs der sparfreudigen Konservativen die Notenpresse anwirft. «Angesichts hoher Arbeitslosigkeit und sehr niedriger Inflation ist weitere Hilfe für die Wirtschaft nötig», begründet Bernanke den dramatischen Schritt in der «Washington Post».

Hoffnung auf Dominoeffekt

Über die kommenden acht Monate wird die Fed US-Staatsanleihen für 850 bis 900 Mrd. $ ankaufen. 600 Mrd. $ kommen aus der Notenpresse, während der Rest aus den Überschüssen der Hypothekenanleihen genommen wird, welche die Fed auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 erworben hatte. Da die Leitzinsen bereits bei Null stehen, bleibt das, was Experten als «quantitative easing» (quantitative Lockerung) bezeichnen, das letzte Instrument im Werkzeugkasten der Fed.

Der Ankauf der Staatsanleihen soll einen Dominoeffekt auslösen, der die langfristigen Zinsen nach unten drückt. Ökonomen haben errechnet, dass eine Frischgeldzufuhr in der geplanten Grössenordnung in etwa einer Zinssenkung um 0,75% entspricht. Dies würde Hypotheken und Firmenkredite billiger machen.

«Pakt mit dem Teufel»

Zudem erwartet die Fed, dass die Marktteilnehmer auf der Suche nach höheren Zinsen ihre Anlagen in Aktien umlenken. Schliesslich soll die Wirtschaft motiviert werden, ihre Bargeldreserven von 1000 Mrd.

$ zu investieren und so Jobs zu schaffen.

Die Kritik liess nicht lange auf sich warten, zumal in seltenem Widerspruch zu den meist einstimmigen Beschlüssen des Offenmarktausschusses der Fed-Chef von Kansas gegen das Programm stimmte. Thomas M. Hoenig kritisierte es als «Pakt mit dem Teufel», der das Risiko einer Inflation in sich trage.

So sieht es auch der Defizit-Wächter der Republikaner im Repräsentantenhaus, Mike Pence, der den Entscheid als «unkalkulierbares Risiko» für den Aussenwert des Dollars zurückwies. «Die Fed verschleiert unsere fundamentalen Probleme, indem sie künstlich Inflation schafft.»

Misstrauen im Ausland

Bernanke und die Mehrheit seiner Kollegen sorgen sich eher um den Teufelskreis aus niedrigeren Preisen und sinkenden Löhnen, der zu einer Deflation führt – wie im Jahrzehnt nach der Bankenkrise in Japan.

«Das kann zu langen Perioden wirtschaftlicher Stagnation führen», schreibt der Fed-Chef, der auf die extrem tiefe Inflationsrate von zuletzt 1,2% verweist. Die Fed habe «die notwendigen Instrumente», um bei einem Anziehen der Inflation die Milliarden wieder abzuschöpfen.

Aus seiner Forschung weiss Bernanke, dass die vom Kongress erzwungene Sparpolitik Mitte der 30er-Jahre verbunden mit restriktiver Geldpolitik einen Rückfall in die Depression bewirkte.

Daher macht die Fed nun, was der neue Kongress nicht mehr tun wird, sehr zum Unbehagen des Auslands (vor allem Europas und Japans), das mit einer weiteren Dollar-Abwertung seine Exporte und seinen Aufschwung bedroht sieht.

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