Bis zu 10 Milliarden Euro: Die Lufthansa pokert um Staatshilfe – doch allzu lange kann sie nicht warten

Der Muttergesellschaft der Swiss passen die Bedingungen der deutschen Staatshilfe nicht. Ein Aviatik-Experte hat Verständnis dafür - und lobt den Bundesrat. 

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Da ist was Grosses im Anmarsch: Bis zu 10 Milliarden Euro steht der deutschen Lufthansa an Staatshilfe in Aussicht.

Da ist was Grosses im Anmarsch: Bis zu 10 Milliarden Euro steht der deutschen Lufthansa an Staatshilfe in Aussicht.

Michael Probst / AP

Die Lufthansa braucht die Hilfe des Staates, um durch die Corona-Krise zu kommen. Der will sich bei der Airline ins Cockpit setzen. Keine gute Idee, sagt Luftfahrt-Experte Cord Schellenberg.

Bis zu 10 Milliarden Euro soll das staatliche Hilfspaket für die Lufthansa umfassen, noch wird um die Finanzierungsmodelle gerungen. Ein wichtiger Tag für die Airline, die wegen der Corona-Krise und dem massiv eingebrochenen operativen Geschäft pro Stunde eine Million Euro verliert, ist der heutige Dienstag, an dem die Hauptversammlung der Lufthansa stattfindet. Das staatliche Hilfspaket dürfte eines der Hauptthemen auf der Traktandenliste sein.

Laut verschiedenen Medienberichten besteht das Hilfsangebot der Bundesregierung aus einer Mischung aus stiller Beteiligung, einer Beteiligung mit Stimmrechten und Krediten. Laut „Handelsblatt“ hadert Spohr vor allem mit zwei Punkten in dem Rettungsgebot: Einerseits verlangt der Staat offenbar für die stille Beteiligung in der Höhe von 5,5 Milliarden Euro eine garantierte Dividende von neun Prozent.

Diese wird in Fachkreisen als sehr hoch eingeschätzt. Zum anderen will der Staat künftig direkt beim Konzern mitreden – und mindestens einen Aufsichtsratsposten in dem Konzern besetzen. Eine Mitsprache der Politik schränkt die strategische Freiheit des Konzerns zu stark ein, befürchtet Spohr.

Der Lufthansa-Chef glaubt darüber hinaus, dass dann auch Belgien und Österreich ihre staatliche Finanzspritze für die Lufthansa-Töchter Brussels Airlines und Austrian Airlines an die Bedingung knüpfen werden, dass der jeweilige Staat künftig ein Wörtchen beim Konzern mitzureden hat. Der österreichische Kanzler Sebastian Kurz hat sich nach einem Treffen mit Carsten Spohr vor einigen Tagen jedenfalls in diese Richtung geäussert: „Eine Hilfe ohne Vorteile für den Standort Österreich, ohne eine Beteiligung an der Lufthansa, einfach nur so, die wird es nicht geben“, so Kurz gegenüber österreichischen Medien.

Spohr gab in einem Interview mit der „Zeit“ zu bedenken, dass die Lufthansa kaum mehr vernünftig zu führen sei, wenn mehrere Regierungen Einfluss auf das operative Geschäft auszuüben versuchten: „So können Sie einen Konzern nur sehr schwer steuern.“

Hohes Vertrauen zwischen Bern und Berlin

Am weitesten fortgeschritten sind die Gespräche mit der Schweiz. Der Bundesrat möchte Swiss und Edelweiss – beides Lufthansa-Töchter – mit Bankgarantien aushelfen, insgesamt beantragt die Regierung einen Verpflichtungskredit in Höhe von 1,9 Millionen Franken. Eine Beteiligung des Staates an der Lufthansa ist laut dem Bundesrat nicht das Ziel, da die Swiss ohne Einbindung an das Lufthansa-Netzwerk nicht so erfolgreich hätte operieren können.

Der Hamburger Luftfahrt-Experte Cord Schellenberg lobt die Haltung der Schweizer Regierung. „Das Vertrauen zwischen der Schweiz und Deutschland ist offenbar grösser als zwischen Deutschland und Österreich oder Deutschland und Belgien“, so Schellenberg gegenüber unserer Zeitung. „Die Schweizer wissen genau, dass die Lufthansa-Gruppe nach dem Ende der Swissair exzellente Arbeit geleistet hat, gerade auch in der Schweiz.“

Die Swiss sei ein ideales Beispiel „für ein erfolgreiches Turn-Around-Management.“ Die Corona-Krise sei für die Schweizer Luftfahrt noch schwerer als das Grounding der Swissair 2001, „weil die Zukunft der Luftfahrt schwer voraussehbar und die Dauer der Krise kaum absehbar ist. Da macht es für die Swiss Sinn, Hand in Hand mit der Lufthansa zu gehen.“

Die Gefahr von Protektionismus

Schellenberg versteht die Skepsis des Lufthansa-Managements, was eine mögliche Mitsprache des Staates beim Konzern betrifft. „In den vergangenen Jahrzehnten hat sich bei vielen staatlichen Gesellschaften gezeigt, dass der Staat kein guter Unternehmer ist.“ Wenn der Staat bei Konzernen mitmische, „hat das immer auch einen Ansatz von staatlichem Protektionismus.

So lässt sich ein Unternehmen schwer in die Zukunft führen.“ Allerdings weiss auch Schellenberg, dass die Lufthansa das Hilfspaket nicht ohne Gegenleistung erhalten wird: „Ganz ohne Freundlichkeit wird’s auch nicht gehen. Aber man muss die Hilfe so gestalten, dass sich der staatliche Einfluss möglichst gegen Null bewegt.“

Indes: Allzu hoch pokern kann die Lufthansa bei den Verhandlungen nicht. Die gegenwärtige Krise frisst die Liquiditätsreserven der Lufthansa von mehr als vier Milliarden Euro im hohen Tempo auf. Ein Umstand, der die Bereitschaft zu Konzessionen bei der Lufthansa erhöhen dürfte. Am Wochenende wandte sich Lufthansa-Chef Spohr in einem Brief an seine Mitarbeiter. Darin stellte er einen „baldigen Abschluss“ der Gespräche mit dem Staat in Aussicht.

„Die Unterstützung durch den deutschen Staat wäre für uns ein entscheidender Schritt für unserer Zukunftsfähigkeit“, so Spohr in dem Schreiben. Für Luftfahrt-Experte Cord Schellenberg sitzt der Staat bei den Verhandlungen am längeren Hebel: „Die Lufthansa hat keine Zeit für langwierige Verhandlungen.“

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