«Die Konjunkturampel in der Ostschweiz wechselt von Gelb auf Rosarot» – ein Experte erklärt, weshalb das so ist

Die Ostschweizer Industrie leidet unter der lahmenden Weltwirtschaft, dem Handelsstreit und Währungsturbulenzen.

Stefan Borkert
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Nur die Bauwirtschaft boomt seit Jahren. (Bild: Pius Amrein)

Nur die Bauwirtschaft boomt seit Jahren. (Bild: Pius Amrein)

Die Hochkonjunktur hat einen kräftigen Dämpfer erfahren. Peter Eisenhut von der St.Galler Ecopol AG wertet die Daten der ETH-Konjunkturforschung KOF und jene der Ostschweizer Wirtschaft regelmässig aus. Im jüngsten Ostschweizer Konjunkturbericht werden weniger optimistische Töne angeschlagen. Eisenhut sagt, die Währungsturbulenzen und der Handelsstreit hätten bereits Auswirkungen auf die Ostschweizer Konjunktur.

Laut Eisenhut wechselt die Konjunkturampel in unserer Region von Gelb auf Rosarot. «Von Grün auf noch grüner wechselt die Farbe nur in der Bauwirtschaft», schiebt er nach. Diese werde befeuert durch die expansive Geldpolitik. Der Detailhandel hingegen bleibe auf Gelb. Eisenhut erklärt:

«Er ist im Seitwärtstrend gefangen. Hier überlagern sich konjunkturelle und strukturelle Probleme».

Mit Blick auf die Grosswetterlage in der Weltwirtschaft sagt der Ökonom, dass hier insbesondere der Handelsstreit, die geopolitischen Spannungen und der Brexit bremsend wirkten.

Die Anzeichen verdichteten sich, dass auch die Hochkonjunktur in Deutschland vorerst der Vergangenheit angehöre. «Die Konjunkturindikatoren lassen erahnen, dass die Lage in den kommenden Monaten noch ungemütlicher wird.» Zu schaffen mache der deutschen Wirtschaft nicht zuletzt die Verlangsamung der US-Konjunktur.

Zinsen und Wechselkurse im Fokus

«Angesichts der eingetrübten Konjunkturaussichten und tiefer Inflation verschärfen die Notenbanken ihren Anti-Krisen-Kurs, indem sie die Zinsen weiter senken oder Zinssenkungen in Aussicht stellen.» Eisenhut kritisiert, dass die Notenbanken in der Phase der Hochkonjunktur nicht gehandelt hätten. Nun habe man kaum mehr Werkzeuge für eine vernünftige Geldpolitik und sei dazu verdammt zu hoffen, dass es wieder besser werde.

Die US-Notenbank Fed hat vor wenigen Tagen erstmals seit zehn Jahren wieder die Zinsen gesenkt. Die Europäische Zentralbank (EZB) habe eine Lockerung der Geldpolitik im Visier. Für die Zinsen in der Schweiz bedeute dies weiteren Abwärtsdruck, hänge doch die Schweizerische Nationalbank (SNB) «schon lange am Rockzipfel der EZB». Erste Schweizer Banken vergäben an Pensionskassen Hypotheken mit negativen Zinsen, was zu weiteren Preissteigerungen bei Immobilien führen dürfte. «Und damit steigt die Gefahr, dass die Immobilienblase wächst, und irgendwann wird sie dann platzen», sagt Eisenhut.

Peter Eisenhut (PD)

Peter Eisenhut (PD)

Die Aussichten auf eine Lockerung der Geldpolitik im Euroraum löse zudem Aufwertungsdruck auf den Franken aus. So sei der Franken-Euro-Kurs erstmals seit zwei Jahren wieder unter 1.10 gefallen, was die SNB zu Stützungskäufen animierte. Dennoch gerate ein weiterer Fall des Euro Richtung Parität wieder in den Fokus der Wirtschaft. Die UBS-Ökonomen befanden kürzlich, die hiesige Wirtschaft könnte mit einem Kurs von 1.05 Franken pro Euro leben. Eisenhut:

«Bei einem Kurs von 1.05 hätte in der Ostschweiz jeder Betrieb zu kämpfen.»

Die lahmende Weltwirtschaft und die Frankenstärke zeigen bisher noch wenig Spuren im Aussenhandel. Die Exporte der Region St.Gallen-Appenzell hätten im zweiten Quartal 2019 den Wert des Vorquartals übertroffen. Dabei konzentriere sich das Plus vorwiegend auf die USA, während in die Nachbarländer Deutschland, Frankreich und Italien sowie nach China ein Minus zu Buche schlage. «Neben Chemie- und Pharmaprodukten konnten auch die Exporte von Präzisionsinstrumenten, von Nahrungs- und Genussmitteln sowie von Industriemaschinen noch zulegen.» Die Ausfuhren von Kunststoffen, Metallen, Fahrzeugen und der Elektroindustrie seien dagegen geschrumpft.

«Eines ist allen Branchen gemeinsam»

Obwohl sich die Währungsturbulenzen, insbesondere die aktuelle Euroschwäche, noch kaum in den Exportzahlen zeigen, stellt laut Eisenhut rund die Hälfte der Industriebetriebe eine Abschwächung der Nachfrage fest.

«Eines ist allen Branchen gemeinsam. Sie kämpfen generell gegen den Margendruck und die damit verbundene Verschlechterung der Ertragslage.»

Ansonsten unterscheide sich die Entwicklung zwischen den Industriebranchen deutlich. In der Maschinenindustrie zeige sich die Mehrheit mit dem Geschäftsgang zufrieden, obwohl die erwartete Wende zum Besseren ausgeblieben sei. Die rückläufige Produktion führe tendenziell zu Überkapazitäten. In der Metallindustrie habe sich der Abwärtstrend bestätigt. Auftragsbestand und Geschäftslage entsprächen nicht den Vorstellungen der Unternehmen.

Textil und Druck weiter auf Talfahrt

In der Elektrotechnik hingegen nähere sich die angekündigte Wende zum Besseren auf leisen Sohlen und dürfte sich in den nächsten Monaten durchsetzen können. Wenig erfreulich sei die Entwicklung in der Textil- sowie in der Druck- und Verlagsindustrie. In diesen Branchen kühle das Konjunkturklima weiter ab, und die Talfahrt dauere an.

Der Detailhandel komme weiter nicht in Fahrt. In der Region St.Gallen-Appenzell sei die Umsatzentwicklung etwas besser, lasse aber auch hier zu wünschen übrig. Keine Unterstützung komme indessen von der Konsumentenstimmung: Deren Index ist im Juli unter den langfristigen Durchschnitt gefallen.