«Die Jungen tragen die Last»

Bei der Reform der Altersvorsorge sollten nicht nur die Jüngeren die Sanierungslasten tragen, sagte die UBS-Ökonomin Veronica Weisser jüngst auf dem UBS-Ausbildungszentrum Wolfsberg.

Martin Sinzig
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Veronica Weisser Leiterin Makroökonomische Analyse Schweiz bei UBS (Bild: pd)

Veronica Weisser Leiterin Makroökonomische Analyse Schweiz bei UBS (Bild: pd)

Was hat Sie als Südafrikanerin nach Mitteleuropa gezogen?

Veronica Weisser: Das Land, in dem ich aufgewachsen bin, ist sehr jung. Es gibt sehr wenig Kulturgeschichte, die man wahrnimmt und die man mitträgt. Es hat mich deshalb unglaublich beeindruckt, nach Europa zu kommen und diese tiefen, alten Kulturen kennenzulernen. Die Kulturgeschichte tragen Europäer in sich, das spüre ich in jedem Gespräch. Das gefällt mir.

Was verbindet Sie mit der Ostschweiz?

Weisser: Meine ersten Schweizer Freunde kommen alle aus der Ostschweiz. Einen jungen Mann aus Romanshorn habe ich vor mehr als 15 Jahren an einem internationalen Seminar getroffen, er hat mir später auch das Tessin und Lausanne gezeigt. Die anderen waren HSG-Studenten, die ich in Paris und Barcelona im Studentenaustausch kennenlernte. Zudem bin ich, seitdem ich hier wohne, zu einer begeisterten Snowboarderin, Skifahrerin sowie Langläuferin geworden und übe diese Sportarten am liebsten in den Ostschweizer Bergen aus, beispielsweise in Elm oder Flims.

Welche Themen stehen beruflich bei Ihnen oben auf der Liste?

Weisser: Es beschäftigt mich sehr, dass es die Schweiz so lange nicht geschafft hat, eine Reform der Altersvorsorge zu realisieren. Es scheint in der Gesellschaft keine Akzeptanz für eine solche Reform zu geben, obwohl es eigentlich allen klar sein müsste, dass sie notwendig ist.

Wo liegt der springende Punkt?

Weisser: Wir haben Schweizerinnen und Schweizer im Alter von 45 bis 85 vor kurzem zu diesem Thema befragt. Eine Mehrheit erwartet, dass das Rentenalter in Zukunft ansteigen wird. Sie wissen, dass das kommen muss. Aber wenn man fragt, ob sie dafür stimmen würden, zögern die Befragten. Das ist ungewöhnlich für das Schweizer Stimmvolk, das sich im Grossen und Ganzen sehr realistisch verhält.

Welches sind die Konsequenzen daraus?

Weisser: Es ist schon etwas tragisch, dass die Reformen, die vorgeschlagen werden und halbwegs konsensfähig sind, die Last fast ausschliesslich auf die junge Bevölkerung schieben. Das ist eigentlich erschreckend. Denn wenn man schaut, wer bisher Glück in der Altersvorsorge gehabt habt, dann sind das die über 70-Jährigen. Sie hatten niedrige AHV-Beitragssätze, haben Beitragslücken gefüllt bekommen und haben heute viel höhere Renten als noch ihre Eltern – kaufkraftbereinigt liegen die AHV-Mindestrenten heute sechsmal höher als 1948 bei Einführung der AHV.

Wie sehen Sie die Situation der zweiten Säule?

Weisser: Hier wissen wir, dass die Umwandlungssätze der Leute, die jetzt Renten beziehen, viel höher sind, als sie in Zukunft sein können. Trotzdem scheint keine Bereitschaft vorhanden zu sein, dass auch die älteren Menschen etwas geben, dass auch sie einen Teil der Sanierungslast tragen wollen. Da hoffe ich, dass die Schweizer Bevölkerung nach und nach zu ihrem Realismus zurückkehren wird, dass sie ein höheres Rentenalter begrüssen und dieses auch als etwas Positives sehen wird.

Wäre die zweite Säule besser dran, wenn die Aktienquote höher wäre?

Weisser: Mehr Aktien zu halten impliziert natürlich mehr Risiko, und wie viel Risiko man tragen kann, hängt davon ab, was für Versprechen man gemacht hat. Im angelsächsischen Raum gibt es verschiedene Modelle, aber bei den Modellen, wo viel Risiko auf der Anlageseite eingegangen wird, trägt häufig der Rentner auch ein Risiko auf der Rentenseite. Die Schwierigkeit, die die Pensionskassen in der Schweiz haben, ist, dass sie das Risiko nicht an die Rentner weitergeben können.

Welche Folgen erwarten Sie aus diesem Umstand?

Weisser: Da den Rentnern eine fixe Pensionskassenrente versprochen wurde unter der Annahme relativ hoher Renditen, tragen die Versicherten, die noch nicht in Rente sind, das gesamte Anlagerisiko. Jetzt findet eine markante Umverteilung statt. Denn die hohen Renditen wurden nicht erzielt und die Rentner leben länger als erwartet. Konkret waren die technischen Zinsen der letzten zwölf Jahre im Durchschnitt 1,6 Prozent höher als die Mindestumwandlungssätze. Das ist eigentlich eine Frechheit. Aus ökonomischer Sicht dürfte die Verzinsung des Rentnerkapitals – da die Rentner auch kein Risiko tragen – nie höher sein als die Verzinsung des Versichertenkapitals.