Die Jagd nach den Besten

Vielen Betrieben fehlen Fachkräfte. Oft beginnt dieser Mangel schon bei den Lernenden. Das zeigt sich am Beispiel der Larag. Das Wiler Unternehmen führt ein eigenes Ausbildungszentrum und kämpft immer früher um Nachwuchs.

Thomas Griesser Kym
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Zehn Lehrberufe bietet die Firmengruppe von Bruno Jäger mit der Larag als Herzstück. (Bild: Urs Bucher)

Zehn Lehrberufe bietet die Firmengruppe von Bruno Jäger mit der Larag als Herzstück. (Bild: Urs Bucher)

WIL. Marco Keller ist auf dem Land aufgewachsen. Als Bub baute er Seifenkisten, bastelte am Töffli herum. Heute ist der junge Thurgauer bei der Larag in Wil Fahrzeugschlosser im 4. Lehrjahr – und damit Vertreter einer raren Spezies. «Für die Lehre als Fahrzeugschlosser finden wir kaum noch geeignete Bewerber», sagt Franz Fritschi, Betriebsleiter und Ausbildungschef bei der Larag, die Nutzfahrzeuge repariert und revidiert sowie allerlei Spezialfahrzeuge baut. Zum einen habe dieser Beruf bei vielen Jungen an Attraktivität verloren, zum anderen mangle es immer öfter an der schulischen Leistung. «Die mittleren und besseren Schüler gehen an eine Fachmittelschule oder in die Kanti, die weniger guten scheitern an unserem Anforderungsprofil», fasst Fritschi zusammen. Larag-Chef Bruno Jäger bestätigt: «Natürlich brauchen wir auch Banker und Akademiker, aber eben nicht nur.» Doch in der Gesellschaft sei «das Ansehen handwerklicher Berufe gesunken».

«Jedes Rädchen im Betrieb»

Dabei entwickeln sich die einzelnen Berufe weiter, werden anspruchsvoller und erlauben weitere Karriereschritte, etwa via Berufsmittelschule und anschliessendem Studium. Die Larag bildet zum Beispiel Automobil-Mechatroniker aus, die Autos oder Lastwagen reparieren und Diagnosen erstellen. Mechanik, Elektrik und Elektronik sind eng verzahnt. Neue Antriebe wie Elektromotoren oder Hybrid erfordern zusätzliche Qualifikationen. «Weniger gute Schüler sind für einen solchen Beruf ungeeignet», sagt Fritschi. Aber auch angehende Fahrzeugschlosser müssen etwas auf dem Kasten haben. «Die Arbeit ist sehr kreativ», sagt Keller, «der Chef sagt mir, was zu tun ist. Wie ich es aber mache, dafür habe ich häufig Spielraum für eigene Ideen.»

Engagement und Erfahrung sind zentral. «Die Kunden in der Schweiz sind anspruchsvoll, anspruchsvoller als im Ausland», weiss Jäger: «Da muss jedes Rädchen im Betrieb funktionieren.» Deshalb sei auch hierzulande die Lehrzeit länger und die Ausbildung intensiver – was laut Fritschi jedoch bei Einstellungen Grenzen setzt. Die Larag führt drum ein eigenes Ausbildungszentrum, und allein am Standort Wil sind von den 287 Mitarbeitenden 64 Lehrlinge. «Nur so haben wir stets genügend gut ausgebildete Berufsleute zur Hand», sagt Fritschi.

Büro versus Werkstatt

Dass es Jungen oft an schulischer Leistung und Einsatzwillen mangle, führt Jäger auch «auf den gesellschaftlichen Wandel und das soziale Umfeld» zurück: «Es gibt immer mehr Patchworkfamilien, viele Junge wissen nicht, was sie eigentlich wollen.» Laut Jäger werden heute deutlich mehr Lehrverträge aufgelöst. «Früher las der Vater dem Zögling die Leviten, wenn es im Betrieb harzte. Heute herrscht mehr Gleichgültigkeit.» Keller bestätigt: «Viele Interessenten für eine Lehrstelle sind Schlarpis. Ihnen ist Rumhängen mit Kollegen und Musikhören wichtiger als Leistung im Job.»

Immerhin interessieren sich vermehrt auch junge Frauen für technische Berufe, wie Fritschi sagt, und nicht überall mangelt es an Lernenden. «Für das KV haben wir mehr als genug passende Bewerbungen.» Das gilt auch bei der Suche nach Fachkräften. «Im Büro ist das nie ein Problem», sagt Jäger, aber dort sei die Larag «schlank organisiert» und brauche nicht so viel Personal. Anders in der Werkstatt. Fritschi warnt: Falls er über mehrere Jahre nicht genügend Junge für eine Lehre als Fahrzeugschlosser finde, «gibt es irgendwann einen Mangel an gelernten Fachkräften im Betrieb».

Die Larag geht in die Schulen

Fritschi sieht die Lehrer gefordert, die den Schülern handwerkliche Berufe «wieder schmackhaft machen sollten». Er weiss aber auch, dass sich die Unternehmen selber aktiv bemühen müssen. «Früher konnten wir auf Bewerbungen warten und dann die Besten auswählen. Heute müssen wir um die Jungen kämpfen und uns präsentieren.» Die Larag wirbt deshalb mit Broschüren mit all ihren Lehrberufen in Schulklassen der Oberstufe, geht an Vorträge, besucht Elternabende. Und sie sucht früher Lernende für das jeweils nächste Lehrjahr – obwohl Fritschi das eigentlich gar nicht gut findet. «Früher haben wir neue Lernende im Januar oder Februar selektioniert, jetzt ist es schon ab August so weit.» Der Nachteil: «Wer früh einen Lehrvertrag im Sack hat, läuft potenziell Gefahr, in seinen Leistungen im letzten Schuljahr nachzulassen.» Abwarten könne sich die Larag indessen nicht leisten. «Damit würden wir das Rennen im Kampf um gute Lernende gegen andere Firmen verlieren.»