Interview

«Die Innovationsfähigkeit ist zentral»: IHK-Chefökonom Alessandro Sgro über die Eigenverantwortlichkeit von Unternehmen auch in der Coronakrise

Alessandro Sgro befürwortet Kurzarbeit und Überbrückungskredite in der Coronakrise, räumt aber ein, dass kurzfristig die Investitionskraft von Firmen erlahmen kann. Zuversicht schöpft Sgro daraus, dass viele Unternehmen ihr Geschäftsmodell anpassen und versuchen, neue Einnahmequellen zu erschliessen.

Thomas Griesser Kym
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Alessandro Sgro, Chefökonom der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell.

Alessandro Sgro, Chefökonom der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell.

Bild: PD

Der Bund hilft Unternehmen mit Kurzarbeitsentschädigung und Überbrückungskrediten. Reicht das?

Alessandro Sgro: Die Kurzarbeit ist ein sehr bewährtes Instrument zur Überbrückung der Lohnkosten und Sicherung der Arbeitsplätze, das sofort und an der richtigen Stelle greift. Das ist betrieblich wichtig und auch volkswirtschaftlich als Grundlage, dass die Wirtschaft nach der Krise rasch wieder in Gang kommt. Mit den Überbrückungskrediten wiederum können Betriebe ihre laufenden Fixkosten decken.

Solche Kredite könnten zu einer hohen Schuldenlast führen, vor allem bei Firmen, denen ein Grossteil der Einnahmen oder alles weggebrochen ist.  Wie gefährlich ist das?

Mit der Kurzarbeitsentschädigung können sich betroffene Betriebe eines grossen Teils der Personalkosten, der in den meisten Branchen der grösste Kostenblock ist, entledigen. Der Umfang der Kreditaufnahme in diesem vom Bund verbürgten Programm ist auf 10 Prozent eines Jahresumsatzes limitiert.

Damit ist eine übermässige Verschuldung der Unternehmen à priori nicht möglich.

Entscheidend wird aber sehr wohl die Dauer des Lockdowns sein, also der staatlichen verordneten Betriebsunterbrechung.

Ein weiteres potenzielles Risiko ist, dass Firmen, die sich verschuldet haben, nach der Krise mit Investitionen zurückhalten oder gar nicht in der Lage sind, zu investieren. Sehen Sie das auch so?

Diese Gefahr sehe ich bereits aus unseren Umfragedaten. Wir beobachten ein verändertes Investitionsverhalten, indem ein Grossteil der Unternehmen schon jetzt gewisse Investitionen zurückhält. Kurzfristig ist das bei Liquiditätsproblemen nachvollziehbar. Langfristig ist daher dafür zu sorgen, dass die Unternehmenslandschaft als Ganzes bald wieder in Schwung kommt und die Ertragsbasis für Investitionen in Innovationen zurückgewinnt.

Stichwort Innovationen: Auch mit Blick darauf appellieren Sie an die Eigenverantwortung der Unternehmer.

Die Innovationsfähigkeit von Unternehmen und damit eigenverantwortliches Handeln ist zentral, und zwar unabhängig von der Krise.

Doch auch jetzt zeigt sich gerade in der Krise die Innovationsfähigkeit vieler Firmen und Gewerbler.

Das beginnt bei Gutscheinen und führt über Onlineberatungen von Modehäusern bis zum Heimlieferservice von Gastronomen. Innovative Unternehmer versuchen alle Möglichkeiten auszuschöpfen, neue Einnahmequellen zu erschliessen. Dazu bietet auch die Digitalisierung viele Chancen.

Und wenn die Krise vorbei ist?

Dann gilt es das innovationsfreundliche Umfeld zu erhalten und noch weiter zu stärken. Es muss in die Firmenkultur einfliessen und ein zentrales Element in den betrieblichen Prozessen sein. Zumal die Geschichte zeigt: Unternehmen, die nachhaltig bestehen, haben sich immer wieder neu erfunden durch ihre Innovationsfähigkeit.

Die ETH-Ökonomen Hans Gersbach und Jan-Egbert Sturm fordern, Unternehmen in der Krise mit Bundeshilfe auch zumindest einen Teil der Kapitalkosten wie Miete, Pacht oder Kreditzinsen zu erlassen. Ihr Urteil?

Das ist eine ganz schwierige Frage, und meiner Meinung nach ist es viel zu früh, darauf eine passende Antwort zu geben. Erstens ist das ganze Ausmass der Krise noch nicht abschätzbar, und zweitens muss man jetzt erst einmal die Modelle der Kurzarbeit und der Überbrückungskredite umsetzen und damit Erfahrung sammeln.

Und auch hier erinnern Sie an die Eigenverantwortung. Ein Beispiel?

Einerseits sollen die möglichen Instrumente, wo sie benötigt sind, genutzt werden. Andererseits gilt es auch eigenverantwortlich nach Lösungen zu suchen. Zum Beispiel sollen Mieter geschlossener Betriebe idealerweise mit dem Vermieter eine für beide Seiten tragbare Lösung aushandeln.

Vermieter haben ein grosses Interesse an langfristigen Mietverhältnissen.

Leerstände von Geschäftslokalitäten sind weit teurer als kurzfristige teilweise Mietzinsausfälle.

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