Die Initialzündung für den Wasserstoffantrieb ist geglückt – dabei half ein Ostschweizer entscheidend mit

Die ersten mit Wasserstoff betriebenen Lastwagen sind unterwegs. Das Tankstellennetz wächst. Das ist auch ein Erfolg für Hansjörg Vock, der schon vor 20 Jahren eine Wasserstofftankstelle baute.

Kaspar Enz
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Der Ostschweizer Wasserstoff-Pionier Hansjörg Vock tankt sein Auto bei der Wasserstofftankstelle in St. Gallen.

Der Ostschweizer Wasserstoff-Pionier Hansjörg Vock tankt sein Auto bei der Wasserstofftankstelle in St. Gallen.

Bild: Arthur Gamsa

Dass sein Auto mit Wasserstoff fährt, ist kein Geheimnis. Es steht auf der Fahrertür des Hyundai Nexo, gross genug, um Interessierte anzuziehen. «Oft, wenn ich irgendwo in mein Auto steige, fragt jemand, ob der wirklich mit Wasserstoff fährt», sagt Hansjörg Vock. Das tut das Auto, 650 Kilometer weit kommt es mit einem vollen Wasserstofftank. «Das ist die Zukunft», antworten sie darauf.

Und die Zukunft ist in den letzten Monaten ein ganzes Stück näher gerückt. Unweit seines Wohnorts Thal kann Vock an der Avia Osterwalder Tankstelle in St. Galler Oberstrasse Wasserstoff tanken. Und das Tankstellennetz wächst schnell. Zofingen, Rümlang Rothenburg, Frauenfeld, Chur zählt Vock auf. Zwölf sollen bis Ende 2021 stehen, 50 bis 2023. Seit Oktober sind die ersten wasserstoffbetriebenen Lastwagen auf Schweizer Strassen unterwegs. Ihre Zahl wächst ebenfalls schnell. 1000 wurden ursprünglich bei Hyundai bestellt. Es werden wohl 1600, sagt Vock zufrieden. «Der Wind hat gedreht.»

Schweiz wird Pionier

Möglich macht dies der Verein H2 Mobilität Schweiz. Das Projekt, gleichzeitig ein Tankstellennetz und eine Wasserstoff-Lastwagenflotte aufzubauen, macht die Schweiz zu einem Pionier in Sachen Wasserstoffantrieb. Wichtige Transport-, Handels- und Mineralölunternehmen spannen zusammen. Der koreanische Hersteller Hyundai liefert dafür die ersten in Serie produzierten Wasserstoff-Lastwagen.

H2 Mobilität Schweiz

Im Verein H2 Mobilität Schweiz spannen Tankstellenbetreiber und Transportfirmen zusammen, um in der Schweiz ein funktionierendes Wasserstoff-Ökosystem aufzubauen. Bis Ende 2021 sollen zwölf Tankstellen in der ganzen Schweiz entstehen. Bis 2023 sollen diese rund 1600 Lastwagen versorgen. Transport- und Handelsunternehmen wie Migros, Coop oder Camion Transport nutzen die Lastwagen zwar, kaufen sie aber nicht. Ein Joint Venture zwischen der H2 Energy und Hyundai vermietet sie quasi in einem Pay-per-Use-System. Der Wasserstoff soll ausschliesslich aus grünem Strom hergestellt werden. Der Verein funktioniert rein privatwirtschaftlich. (ken)

Ein wichtiger Motor des Projektes war die H2 Energy AG, die Vock vor rund sechs Jahren mitgegründet hat. In einer Partnerschaft mit dem Energiekonzern Alpiq wird der Strom produziert, um den Wasserstoff für die ersten Tankstellen zu liefern, die H2 Energy baut. Ein Joint Venture mit Hyundai beschafft die Fahrzeuge für die Schweiz. «Die Kosten sind so für sie gleich wie bei einem normalen Diesellaster», sagt Vock. «Aber sie fahren emissionsfrei.»

Per Inserat zum Wasserstoff

Es war ein langer Weg zu diesem Erfolg. Gerade für Vock selber. Dabei kam er eher zufällig auf den Wasserstoff. In den 1990er-Jahren war er Inhaber der Rheintaler Diamond Lite AG, die Gasanlagen für die Industrie baute. Über ein Inserat stiess er auf ein amerikanisches Start-up. Es baute Wasserstoffanlagen, die nur mit Strom Wasserstoff herstellen. Ohne den chemischen Abfall, der damals bei den üblichen Prozessen entstand.

In Gösgen produziert die Hydrospider, das Joint Venture von H2 Energy und Alpiq, Wasserstoff für das wachsende Tankstellennetz.

In Gösgen produziert die Hydrospider, das Joint Venture von H2 Energy und Alpiq, Wasserstoff für das wachsende Tankstellennetz.

Bild: Fabio Baranzini

Vock verbaute auch diese Anlagen vor allem für industrielle Prozesse. Aber schon damals wusste der Thurgauer um das Potenzial der Technologie. Er hatte in den 1970er-Jahren eine Zeitlang in Berlin Umwelttechnik studiert. Und von Herstellern wie Mercedes existierten bereits Prototypen von wasserstoffbetriebenen Autos.

Der Ausweg aus dem Dilemma

Um die Jahrtausendwende baute er dann mit der Diamond Lite eine Tankstelle in Berlin. «Es gab damals einen Bus und einen Opel Zafira, die mit Wasserstoff liefen», sagt er. Viel mehr wurde es aber nicht. Das Projekt wurde ebenso wenig ein Startschuss in die Zukunft wie die Prototypen der Autohersteller, von denen es kaum einer zur Serienreife brachte. Das Problem von Huhn und Ei:

«Wenn es zu wenig Tankstellen gibt, kauft niemand die Autos. Und ohne Autos lohnt sich keine Tankstelle.»

Bis Hansjörg Vock 2014 über den Branchenverband Rolf Huber traf. Der war damals dabei, mit Coop ein Wasserstoffprojekt zu erarbeiten. Seine Idee: Mit ein paar wenigen, schweren Lastwagen lohnt sich eine H2-Tankstelle bereits. In der Diamond Lite erkannte der den richtigen Partner. Und Vock erkannte, dass Hubers Idee einen Ausweg aus dem Huhn-und-Ei-Problem bieten könnte.

Um das Projekt mit Coop umzusetzen, setzte auch Vock ganz auf Wasserstoff. Er verkaufte seine Diamond Lite an Alpiq. Im Gegenzug zapfte die neue H2 Energy in Aaarau ein Wasserkraftwerk an. Dort gewann sie aus Überschussstrom saubere Energie für die Elektrolyse. Dann ging es daran, die Idee grösser zu machen. Viel grösser.

In Asien setzt man auf Wasserstoff

Huber und Vock putzten Klinken. Bei Mineralölfirmen, die an bestehenden Tankstellen Wasserstoff-Zapfsäulen einrichten könnten. Bei Transportfirmen, die Lastwagen übernehmen könnten. Und bei Lastwagenbauern, die die Fahrzeuge liefern sollten. Erst klopften sie bei den europäischen Herstellern an, erfolglos. «Die einen setzen auf andere Technologien, die andern warteten auf Fördergelder aus einem EU-Projekt», sagt Vock. In Asien trafen sie auf mehr Interesse. Toyota und Hyundai trieben die Technologie in den letzten Jahren am weitesten voran. «Und Hyundai suchte einen Weg, um mit seinen Lastwagen im europäischen Markt Fuss zu fassen.»

Die Initialzündung ist gelungen, glaubt Vock. «Bald haben die meisten Schweizer im Mittelland eine Wasserstofftankstelle im Umkreis von 25 Kilometern.» Damit werde das Wasserstoffauto nun eine realistische Option für viele. Auch in den Nachbarländern wurde man auf das Projekt aufmerksam, die H2 Energy bekommt Anfragen aus dem Ausland. Und für die nächsten Jahre kündigen etliche Hersteller Wasserstofffahrzeuge an.

Der Wasserstoff-Lastwagen der Migros Ostschweiz nach der Ankunft in Gossau.

Der Wasserstoff-Lastwagen der Migros Ostschweiz nach der Ankunft in Gossau.

Bild: Michel Canonica

«2030 dürfte rund 30 Prozent des Schweizer Schwerlastverkehrs mit Wasserstoff fahren» prophezeit Vock. Und auch bei Personenwagen dürften Wasserstoffantriebe bald verbreitet sein. «Die Zukunft gehört nicht einem Antriebstyp», sagt Vock. Für viele Pendler seien Elektrofahrzeuge, wie sie schon recht populär sind, gut geeignet. Für grössere Reichweiten sei der Wasserstoffantrieb besser. «Er hat aber auch Nachteile: Erst muss Strom in Wasserstoff umgewandelt werden und in der Brennstoffzelle wieder zu Strom. Das ist jedes Mal ein Energieverlust.» Das E-Auto sei damit auf den ersten Blick effizienter.

Aber Wasserstoff spielt nicht nur in der Mobilität eine wichtige Rolle in der Energiezukunft «als saisonaler Energiespeicher». Wenn erneuerbare Energien wichtiger werden, wird das ein wachsendes Problem. Statt Batterien könnte eine Fotovoltaikanlage im Sommer auch eine Elektrolyseanlage speisen. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. «In den Niederlanden beginnt man damit, Gasleitungen für Wasserstoff zu nutzen», sagt Vock. Eins scheint sicher: Die Arbeit dürfte ihm und der H2 Energy in den nächsten Jahren nicht ausgehen.