Interview

Thurgauer Prognoseforum mit Straumann: «Die Gruppe in der Mitte verliert»

Weniger Geld: Verluste auf Sparguthaben und sinkende Rentenansprüche sind direkte Folgen der Tiefzinsphase.

Interview: Martin Sinzig
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Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker. Bild: PD

Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker. Bild: PD

Zum letzten Mal gab es in den 1970er-Jahren negative Realzinsen. Die heutigen Negativzinsen hingegen sind ein neues Phänomen. Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann, der an den Unis Zürich und Basel Wirtschaftsgeschichte lehrt, referierte gestern am Thurgauer Prognoseforum.

Sind Negativzinsen ein Phänomen der Moderne?

Tobias Straumann: Nominale Negativzinsen, wie wir sie heute kennen, sind ein neues Phänomen. Was es früher auch schon gab, waren negative Realzinsen. Das heisst es gab Phasen, in denen die Inflationsrate über dem Zinsniveau lag. Zum letzten Mal erlebten wir diese Situation in den 1970er-Jahren.

Welches sind die Anzeichen, dass die aktuelle Tiefzinsphase weiter anhalten wird?

Die Inflationsrate und die Zinsen sind seit den 1980er-Jahren am Fallen, wahrscheinlich wegen des Eintritts Chinas in die Weltwirtschaft, denn seither sind die Löhne weltweit unter Druck. Zudem kann die Europäische Währungsunion nur noch mit extremen geldpolitischen Massnahmen zusammengehalten werden. Das spricht für eine länger anhaltende Tiefzinsphase in der Schweiz.

Sparer erhalten wenig Zinsen, haben aber auch wenig Verluste. Ist das alles also letztlich gar nicht so negativ?

Man muss stark unterschieden. Etwa 50 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben kein nennenswertes Sparguthaben, so dass sie kaum Verluste hinnehmen müssen. Das obere Drittel hat Immobilienbesitz, der zu einem grossen Teil durch Hypothekarkredite zu sehr günstigen Zinsen finanziert wird. Diese Gruppe kann die Verluste auf den Sparguthaben auf der Schuldenseite kompensieren.

Wer ist Verlierer?

Die Gruppe in der Mitte hingegen verliert netto, weil sie keinen Immobilienbesitz hat und auf ihren Spargeldern Verluste hinnehmen muss.

Rentner müssen sich bei einer anhaltenden Tiefzinsphase auf einen Abbau ihrer Ansprüche einstellen.

Das ist richtig. Die zweite Säule wird durch die tiefen Zinsen geschwächt. Hier besteht grosser Handlungsbedarf.

Was könnte man also tun?

Es gibt drei Stellschrauben, an denen man drehen muss: Beitragshöhe, Rentenhöhe und Pensionierungsalter. Dasselbe gilt für die AHV. In den nächsten Jahren müssen wir ein Reformpaket verabschieden, sonst resultieren grosse Verluste.

Schulden machen ist leichter geworden. Was sind die Gefahren?

Die privaten Schulden sind tatsächlich stark angestiegen. Immerhin sind Massnahmen ergriffen worden. So müssen die Hypothekarschuldner heute mehr Eigenkapital mitbringen als früher. Auch die Banken müssen höhere Kapitalpuffer haben. Mit einer Immobilienkrise wie in den 1990er-Jahren ist nicht zu rechnen. Aber wenn die Konjunktur dreht, kann es durchaus grössere Verwerfungen geben.

In welcher Form?

Eine heftige Rezession würde viele Hypothekarschuldner zahlungsunfähig machen, was den Bankensektor stark belasten dürfte. Und die Pensionskassen, die stark im Immobilienmarkt engagiert sind, müssten Buchverluste verkraften und ihre ­Bilanz sanieren.

Wie wurden solche Tiefzinsphasen in der Vergangenheit beendet?

Inflationsraten stiegen an, worauf die Zentralbanken mit Zinserhöhungen reagieren mussten.

Wie sollte man vorgehen?

Möglichst langsam. Die Regel ist jedoch, dass die Zentralbanken zu lange zögern und dann gezwungen sind, abrupte Erhöhungen zu beschliessen, um den Anstieg der Inflationsrate zu bremsen.

Wie bremsen höhere Zinsen die Inflation?

Wenn der Preis der Kredite ansteigt, werden sie weniger nachgefragt. Das bremst das Wachstum und damit den Anstieg der Preise in der Boomphase.

Was bringt eine Normalisierung des Zinsgefüges?

Es würde viele Schuldnergruppen in Bedrängnis bringen, das heisst einen Teil der schweizerischen Hypothekarschuldner, viele europäische Firmen, die überschuldeten südeuropäischen Staaten oder auch die US-Regierung. Die Normalisierung wird schwieriger, je länger man damit wartet.