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Verbrauch steigt: Die Energiewende lässt auf sich warten

Entgegen aller Beteuerungen zum Klimaschutz: Der Energieverbrauch steigt und dabei auch Produktion und Konsum fossiler Energieträger. Mit dem Ergebnis, dass der Ausstoss des Treibhausgases CO2 ebenfalls munter weiter zunimmt.
Thomas Griesser Kym
Trotz enormer Investitionen in erneuerbare Energien treibt China auch den Bau von Kohlekraftwerken voran. (Bild: Getty)

Trotz enormer Investitionen in erneuerbare Energien treibt China auch den Bau von Kohlekraftwerken voran. (Bild: Getty)

Der Meeresspiegel steigt, die Gletscher schmelzen, das Klima wird extremer. Viele Forscher sind der Ansicht, dass der Mensch mit der Verbrennung fossiler Energieträger entscheidend zum Klimawandel beiträgt. Das Thema steht je länger je prominenter auf der politischen Agenda. Im Grundsatz scheint die Problematik erkannt – und dass etwas getan werden muss. Christian Mumenthaler, Chef des Rückversicherers Swiss Re, der jedes Jahr Milliarden bezahlt für Schäden durch Waldbrände, Wirbelstürme, Überschwemmungen und dergleichen: «Der Klimawandel ist ein grosses Problem für die Menschheit.»

Eine andere Sprache spricht freilich die kürzlich veröffentlichte «BP Statistical Review of World Energy 2019», der jüngste Weltenergiebericht des Ölkonzerns BP, der sich heute lieber Energiekonzern nennt. Schon in seiner Einleitung bringt es BP-Chef Bob Dudley auf den Punkt: Die Daten zeigen für das vergangene Jahr das stärkste Wachstum des globalen Energiekonsums (+2,9 Prozent) seit 2010. Das ist fast doppelt so stark wie der Durchschnitt der vergangenen sechs Jahre (+1,5 Prozent) und bedeutet auch, trotz Zuwächsen bei den erneuerbaren Energien, mehr CO2. Zwei Drittel der zusätzlichen Energienachfrage entfielen auf China, die USA und Indien.

Zwar relativiert Dudley, ein Teil des Anstiegs der Energienachfrage sei wetterbedingt, weil es eine unüblich hohe Zahl an heissen und kalten Tagen gegeben habe, was wiederum den Energieverbrauch für Klimaanlagen und für Heizungen erhöht habe. Doch selbst falls diese Wettereffekte nicht die Regel werden sollten und der Anstieg des Energiekonsums sowie der CO2-Emissionen in den nächsten Jahren gebremst werden sollten, scheint es laut Dudley «wenig Zweifel zu geben, dass das gegenwärtige Tempo des Fortschritts nicht im Einklang steht mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens». Und: «Die Welt ist auf einem nicht nachhaltigen Pfad: Je länger die CO2-Emissionen weiter steigen, desto schwieriger und teurer werden im Endeffekt die Anpassungen auf Netto-null-CO2-Emissionen.»

Ungestillter Appetit auf Öl, Gas und Kohle

Was ist vergangenes Jahr punkto Energie passiert? Die Erdölförderung und der Erdölverbrauch haben jeweils historische Höchstmengen erreicht. Allein die USA haben ihre Förderung um ein Sechstel ausgeweitet. Der Mehrkonsum geht ebenfalls auf die USA und auf China zurück. Wie ist das möglich, wo doch seit mehreren Jahrzehnten immer wieder von «Peak Oil» die Rede ist, also dass der Höhepunkt der Ölförderung bevorstehe, die Reserven zu schwinden begännen und nur noch für 40 Jahre reichten? Geschehen ist das Gegenteil. Weil immer neue Öllagerstätten entdeckt werden und der technische Fortschritt immer mehr vormals unrentable Lager wirtschaftlich ausbeutungswürdig macht, nehmen die nachgewiesenen Reserven zu. Das zeigt sich etwa beim Schieferöl, das den USA einen Ölboom beschert hat. Die Folge: Die USA verzeichneten 2018 die grösste je in einem Land pro Jahr erzielte Erhöhung der Ölförderung, nämlich +2,2 Millionen Fass pro Tag.

Ähnlich sieht es aus bei der Erdgasgewinnung. Neben den USA weiteten hier auch Russland und der Iran die Produktion deutlich aus. Insgesamt nahmen Gasförderung und Gasverbrauch vergangenes Jahr um jeweils über 5 Prozent zu. Das sind die höchsten Zuwachsraten seit über 30 Jahren. Gas allein steht 2018 für 43 Prozent des Nachfrageanstiegs.

Bei der Kohle lagen 2018 sowohl der Verbrauch (+1,4 Prozent) als auch die Förderung (+4,3 Prozent) nach drei Jahren des Rückgangs (2014 bis 2016) zum zweiten Mal in Folge über den Vorjahreswerten. Mehr Kohle förderten in erster Linie China, Indien und Indonesien, und beim Verbrauchszuwachs ist Indien der Haupttreiber, gefolgt von China.

Die erneuerbaren Energien (Sonne, Wind, Geothermie) wuchsen um 14,5 Prozent und kamen damit ihrem Rekordanstieg im Jahr 2017 nahe. Das macht aber immer noch nur etwa ein Drittel des Anstiegs der gesamten Stromerzeugung aus, und «diese Zunahme verpufft angesichts des horrenden Mengenwachstums bei den fossilen Energieträgern», wie die von Energieexperte und Solarpionier Josef Jenni geführte Jenni Energietechnik AG kommentiert. Kommt hinzu: Der Prozentanteil nichtfossiler Energieträger – erneuerbare Energien inklusive Wasserkraft plus Atomkraft – pendelt seit 1995 bis heute bei einem Minderheitsanteil zwischen 13 und 15 Prozent. Auch ein Blick auf die Stromproduktion verdeutlicht die Dimensionen: 2018 wurden gut 9 Prozent der Elektrizität mit Hilfe erneuerbarer Energien erzeugt, während Kohle als Nummer eins für 38 Prozent steht. Doch: «Elektrifizierung ohne Entkohlung des Energiesektors nützt wenig», schreibt BP-Chefökonom Spencer Dale. Allerdings sind die CO2-Emissionen aus der Stromproduktion vergangenes Jahr um 2,7 Prozent gestiegen – das stärkste Wachstum seit sieben Jahren.

Josef Jenni, Solarpionier. Bild: Hanspeter Bärtschi

Josef Jenni, Solarpionier. Bild: Hanspeter Bärtschi

Noch mehr und noch mehr CO2 in der Atmosphäre

Die Konsequenzen sind die gleichen wie in den Vorjahren. 2018 wurden insgesamt 33685 Millionen Tonnen CO2 neu in die Atmosphäre ausgestossen. Das sind 645 Millionen Tonnen oder annähernd 2 Prozent mehr als im Vorjahr, es ist der grösste Zuwachs seit sieben Jahren und beinahe die Hälfte mehr als der Durchschnitt der sechs Jahre davor (+1,4 Prozent). Dale illustriert das Plus von 645 Millionen Tonnen wie folgt: Das entspricht den CO2-Emissionen, wenn man die Zahl der Autos auf der Erde um ein Drittel erhöhen würde.

Jenni liest den BP-Bericht so: «Es ist höchste Zeit, dass die für die Energiewende erforderlichen Massnahmen entschiedener, ernsthafter und konsequenter an die Hand genommen werden.» Konkret werde die Energiewende nur gelingen, «wenn die Produktion von Energie aus erneuerbaren Quellen weiter gesteigert und der Verbrauch fossiler Energien deutlich reduziert werden kann.» Mit anderen Worten: Es müsse jetzt gehandelt werden, denn «die Erdöl- und Erdgasvorräte, selbstverständlich auch jene an Kohle, sind immer noch viel zu gross. Die Vorräte an fossilen Energieträgern sind zu gross, das Klima erträgt ihren Verbrauch nicht.» Die BP-Statistik zeigt denn auch: 1998 betrugen die nachgewiesenen Ölreserven 1141 Milliarden Fass, 2008 waren es 1494 Milliarden und 2018 bereits 1730 Milliarden Fass.

Jenni äussert auch eine dezidierte Meinung zur Lage hierzulande: «In der Schweiz haben wir wie auch in anderen Ländern das Problem, dass die Energiewende durch immer kleinkariertere Vorschriften und Reglementierungen von öffentlicher Seite, aber auch zum Teil ­privaten Verbänden, massiv behindert wird.» Konkret beklagt werden Behinderungen bei der Entwicklung der erneuerbaren Energien, wie zum Beispiel der verbreitete Widerstand gegen Windturbinen zeigt. Jenni kritisiert, mit solchen Hemmnissen würden die Zeichen der Zeit absolut verkannt. Und BP-Chefökonom Spencer Dale schreibt: «Es besteht ein wachsendes Missverhältnis zwischen den gesellschaftlichen Forderungen nach Massnahmen gegen den Klimawandel und dem tatsächlichen Tempo des dabei erzielten Fortschritts.»

https://www.bp.com/statsreview

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