Die Corona-Schnelltests seien ein knappes Gut, sagt der Bundesrat – doch die Wirtschaft beharrt

Um die Quarantäne möglichst zu verkürzen, sollen neue Tests zum Einsatz kommen, deren Resultat in 15 Minuten vorliegt. Doch Gesundheitsminister Alain Berset will die Tests nur für den medizinischen Bereich verwenden. Auch Hersteller Roche glaubt, dass die Kapazität nur dafür ausreicht.

Andreas Möckli und Niklaus Vontobel
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Sowohl für die Schnelltests als auch die bisher eingesetzten PCR-Tests ist ein Nasen- und Rachenabstrich nötig.

Sowohl für die Schnelltests als auch die bisher eingesetzten PCR-Tests ist ein Nasen- und Rachenabstrich nötig.

Hayoung Jeon / EPA

Seit Wochen fordern Wirtschaftsvertreter den Einsatz von Schnelltests. Sie wollen Mitarbeiter mit grippeähnlichen Symptomen nicht mehr für längere Zeit in Quarantäne lassen müssen. Und Reisen zu Kunden im Ausland sollen wieder möglich sein. So sagt etwa Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Gewerbeverbands: «Für die Wirtschaft ist es unvertretbar, Arbeitnehmende in Quarantäne zu schicken, deren Symptome mit Covid-19-Symp-tomen verwechselt werden.»

Nun zeigt sich: Die Hoffnungen der Wirtschaft haben sich vorerst zerschlagen. Bundesrat Alain Berset sprach am Donnerstag ein Machtwort. «Diese Schnelltests müssen wirklich und nur im Rahmen der Verfolgung der Pandemie eingesetzt werden», sagte der Gesundheitsminister an einer Medienkonferenz. Es werde überhaupt nicht möglich sein, dass die Schnelltests plötzlich anderweitig eingesetzt würden. Namentlich nannte Berset Tests in Unternehmen und an der Grenze.

Es ist offensichtlich eine Frage der Kapazitäten. Dies sagt Thomas Schinecker, Chef der Diagnostiksparte des Pharmakonzerns Roche. «Wenn die Kurve der Coronainfektionen weiter so steil steigt, wird es schwierig, über den medizinischen Bedarf hinaus Schnelltests einzusetzen», sagt der gebürtige Österreicher im Gespräch mit dieser Zeitung.

Die weltweite Nachfrage nach Schnelltests übersteige das Angebot bei weitem. Wenn Regierungen Tests bei Roche bestellten, dann sei der medizinische Bedarf eines Landes ein wichtiges Kriterium. «Die erste Priorität haben immer die Patienten». Letztlich müssten die Regierungen entscheiden, wie sie die Tests einsetzen wollen.

Roche-Diagnostik-Chef Thomas Schinecker führt Bundesrat Alain Berset durch die Räumlichkeiten des Unternehmens in Rotkreuz ZG.

Roche-Diagnostik-Chef Thomas Schinecker führt Bundesrat Alain Berset durch die Räumlichkeiten des Unternehmens in Rotkreuz ZG.

Peter Klaunzer / Keystone

«Ohne Schnelltest werden wir nicht durch den Winter kommen», sagt Schinecker. Der Pharmakonzern arbeite Tag und Nacht daran, um die Testkapazitäten weiter auszubauen. Roche könne ab Januar weltweit 80 Millionen Schnelltests liefern.

Das sei deutlich mehr als die 20 Millionen PCR-Tests, die der Pharmakonzern ebenfalls herstellt. PCR-Tests sind genauer als Schnelltests, müssen jedoch in einem Labor durchgeführt werden. Bis die Resultate vorliegen, dauert es in der Regel ein bis zwei Tage. Schnelltests können dagegen vor Ort gemacht werden, das Resultat liegt nach 15 Minuten vor.

Kommt die Schweiz wie die alte Fasnacht daher?

Die Kombination der beiden Tests sei der zurzeit der sinnvollste Weg, um die Pandemie in Schach zu halten. Viele Länder täten dies bereits, bald auch die Schweiz, sagt Schinecker. «Gerade sehr infektiöse Patienten können mit dem Schnelltest fast genauso gut erfasst werden wie mit den PCR-Tests.»

Dies zeigte auch eine neue Studie des Universitätszentrums Lausanne für Allgemeinmedizin und öffentliche Gesundheit. Schinecker betont, Roche habe «wirklich signifikante Volumen» an Schnelltests für die Schweiz reserviert. Damit könne der Flaschenhals bei den Coronatests gelöst werden.

Mit den Aussagen von Berset und Roche nehmen die wochenlangen Querelen um die Schnelltests eine neue Wendung. Zuvor hatte der Dachverband Economiesuisse einen Brief an den Bundesrat geschickt. Chefökonom Rudolf Minsch sagte, man habe unterstreichen wollen, dass die Schweiz nicht vor lauter Abklärungen die Chance der Schnelltests verschlafen dürfe.

«Wenn wir wie die alte Fasnacht daherkommen, sind die Schnelltestkapazitäten vergeben.» Selbst Roche-Chef Severin Schwan wirkte ungeduldig, als er bei er Präsentation der Quartalszahlen vor einer Woche sagte: «Irgendwann können wir die reservierten Kapazitäten nicht länger zurückhalten. Wir brauchen eine feste Zusage der Schweiz.»

Schnelltests sollen nach und nach ausgeweitet werden

Nun, da Berset den Forderungen aus der Wirtschaft eine Absage erteilt, zeigt sich Minsch jedoch nicht entmutigt. Die Schnelltests würden am Anfang ein knappes Gut sein, aber dabei werde es nicht bleiben. «Nach und nach werden wir sie an mehr Stellen einsetzen können.»

So könne man Touristen vor der Abreise am Flughafen testen, Besucher von Altersheimen oder auch Schulklassen. «Man schickt nicht mehr alle Kinder in Quarantäne, sondern testet alle und nur die Angesteckten müssen ­daheim bleiben.»

Martin Nydegger, Direktor von Schweiz Tourismus.

Martin Nydegger, Direktor von Schweiz Tourismus.

HO

Auch der Industrieverband Swissmem beharrt auf seinen Forderungen, trotz der Absage von Bundesrat Berset. Direktor Stefan Brupbacher sagt: «Letztlich gefährden Reisebeschränkungen – und somit auch die Quarantäneregeln – zahlreiche Arbeitsplätze in der Schweiz.» Quarantänen seien derzeit das grösste Hemmnis im Geschäftsalltag. Die virtuelle Kommunikation sei an ihre Grenzen gekommen. «Irgendwann muss man vor Ort sein.»

Auch im Tourismus lässt man nicht locker. Martin Nydegger, Direktor von Schweiz Tourismus, sagt: «Ich plädiere gemeinsam mit der ganzen Branche weiterhin für eine Strategie des ‹Testen statt Quarantäne›».

Ein aktueller negativer Test solle die Einreise für alle ermöglichen, egal woher sie kämen. Dazu seien die nötigen Testinfrastrukturen nach und nach zu schaffen. «Bis es einen Impfstoff gibt, würde dies dem Tourismus am meisten helfen.»