«Die Chance nicht genutzt»

Seine eigenen Irrtümer und die wirtschaftliche Entwicklung – darüber hat Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann am Thurgauer Prognoseforum auf dem Lilienberg in Ermatingen gesprochen.

Christof Lampart
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Tobias Straumann Wirtschaftshistoriker (Bild: ky/Alessandro Della Bella)

Tobias Straumann Wirtschaftshistoriker (Bild: ky/Alessandro Della Bella)

Herr Straumann, welches Wirtschaftsthema treibt Sie aktuell um?

Tobias Straumann: Gegenwärtig beschäftige ich mich immer noch mit der Eurokrise. Diese ist nach wie vor ungelöst – auch wenn sie aktuell in der öffentlichen Wahrnehmung ein wenig an Schärfe verloren hat, weil andere Themen wie die Flüchtlingsproblematik mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung drängen. Tatsache ist aber, dass sich künftig in Europa der Gegensatz zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden noch verschärfen dürfte.

Wie könnte man die Eurokrise, die häufig vor allem als Griechenland- Krise wahrgenommen wird, lösen?

Straumann: Indem Südeuropa zu einem kräftigen Wirtschaftswachstum zurück findet. Das dürfte aber nur mit einer eigenen Währung möglich sein. Wahrscheinlich aber wird kaum ein Land es wagen, den Euro zu verlassen, was bedeutet, dass Südeuropa auf Jahre hinaus mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. Ich hoffe nur, diese Misere führt nicht irgendwann zu einer politischen Explosion. Ich möchte aber keine Prognose wagen, denn ich habe mich diesbezüglich bereits einmal geirrt. Als die Krise 2010 ausbrach, habe ich nämlich erwartet, dass nach ein paar Jahren extremistische Parteien grossen Zulauf erhalten würden. Da war ich zum Glück zu pessimistisch.

Stichwort irren: Von Ökonomen hört man praktisch nie eine Entschuldigung, wenn die wirtschaftliche Entwicklung komplett anders verlaufen ist, als sie selbst vorausgesagt haben. Warum ist dem so?

Straumann: Wenn ich das wüsste. Dabei liegen Ökonomen, wie wir wissen, mit ihren Prognosen nicht gerade selten daneben. Vielleicht ist es deshalb, weil Ökonomen unter den Wissenschaftern eine gewisse Starrolle einnehmen, die sie vom Status her über andere erheben? Ich kann das nicht mit Bestimmtheit sagen. Ich selber finde es jedoch gut, wenn man zu seinen Irrtümern stehen kann und ein bisschen bescheidener auftritt.

Sie sind Wirtschaftshistoriker mit dem Spezialgebiet Finanz- und Währungsgeschichte. Wie werden wohl Ihre Nachfolger in 50 oder 100 Jahren einmal die Zeit von 2008 bis heute beschreiben?

Straumann: Da muss man unterscheiden. Über die US-Finanzkrise von 2008 wird man wohl sagen, dass man bei deren Bewältigung, trotz anfänglicher Fehler, gut vorgegangen ist. Es hätte viel schlimmer kommen können, wenn die Behörden versagt hätten. Punkto Eurokrise glaube ich hingegen, dass man die Sache kritisch beurteilen wird. Ich sehe jedenfalls keine Lösung, solange der reiche Norden und der arme Süden Europas nicht besser kooperieren. Als die Krise 2010 ausbrach, hätte man die Chance nutzen sollen, die Währungsunion mit neuen gemeinsamen Institutionen zu stabilisieren. Stattdessen entschied man, die Dinge politisch auszusitzen. Heute präsentiert sich die Währungsunion doch so, dass die Nationalstaaten im Grunde genommen das machen, was sie wollen. So wird der Euro zum Spaltpilz statt zum Einigungsprojekt.

Und was wird die Geschichte einst über das helvetische Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative sagen?

Straumann: Ich vermute, das helvetische Ja wird weniger wichtig sein, als wir das heute glauben. Es muss früher oder später zu einer Lösung kommen, weil sowohl die Schweiz wie die EU grosses Interesse an guten Beziehungen haben. Nach dem EWR-Nein 1992 schien zunächst auch alles blockiert. Aber dann kam es bald zu Verhandlungen.

Wird die Flüchtlingswelle durch Europa die Schweiz verändern?

Straumann: Politisch hat die Flüchtlingswelle bereits gewirkt, indem sie zum Stimmengewinn der SVP beigetragen hat. Wirtschaftlich erwarte ich keine grossen Veränderungen. Viel entscheidender ist die Einwanderung aus den EU-Ländern im Rahmen der Personenfreizügigkeit. Finanzpolitisch hängt alles davon ab, ob es möglich ist, die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das ist in der Vergangenheit manchmal gut gelungen, manchmal weniger gut.

Wie schätzen Sie die Folgen für die Schweizer Wirtschaft nach der Frankenaufwertung im Januar 2015 ein?

Straumann: Die Aufhebung der Frankenuntergrenze durch die Nationalbank hat gewiss vielen Unternehmen wehgetan, doch dank der Stabilisierung bei 1.10 Franken pro Euro hat sich die Lage etwas normalisiert. Dennoch: Für eine Entwarnung ist es zu früh. Die tatsächlichen Folgen für unsere Wirtschaft werden erst mit einer gewissen Verzögerung sichtbar werden.