Raiffeisen-Austritt

Die Bankiers sprechen nicht mehr mit einer Stimme – die Schwächung des Verbands könnte eine Chance für die Kunden sein

Raiffeisen gibt den Austritt aus der Branchenvereinigung und stellt damit die Zukunft der über 100-jährigen Organisation in Frage. Der Streit zeigt exemplarisch die schwindende Bedeutung der Branche.

Daniel Zulauf
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Ist UBS-VRP Axel Weber (Mitte, hintere Reihe) in der Bankiervereinigung zu dominant? Guy Lachappelle (4. v.l.) verlässt ihn nun mit Raiffeisen.

Ist UBS-VRP Axel Weber (Mitte, hintere Reihe) in der Bankiervereinigung zu dominant? Guy Lachappelle (4. v.l.) verlässt ihn nun mit Raiffeisen.

Raiffeisen hat mit dem am Dienstag angekündigten Austritt aus der Bankiervereinigung ein starkes Zeichen gesetzt. Die Ordnung der alten Finanzwelt gilt nicht mehr. Ohne Bankgeheimnis als Klammer ist die Existenz der Organisation als einheitliche Stimme der Branche in Frage gestellt.

Noch aber stemmt sich der 108-jährige Verein gegen den drohenden Untergang. Man werde in Zukunft sieben von acht Bankengruppen vertreten und bleibe damit «die führende und repräsentative Stimme der Bankbranche als Ganzes», konterten die Bankiers trotzig den Abgang ihres drittgrössten Mitgliedes per Ende März.

Sinneswandel von Raiffeisen ist unwahrscheinlich

Jörg Gasser, der ehemalige Botschafter und Staatssekretär für internationale Finanzfragen, der erst 2019 in die Bankiervereinigung gewechselt war, um der längst angezählten Organisation frischen Schwung zu verleihen, kommentierte in einer Mischung von Zweckoptimismus und Resignation: «Wir sind überzeugt, dass wir gemeinsam für unseren Finanzplatz mehr erreichen können. Wir halten deshalb die Türen für Raiffeisen weiterhin offen.»

Ein Sinneswandel der Genossenschafter ist allerdings höchst unwahrscheinlich. Dafür spricht deren Präsident Guy Lachappelle allzu klare Worte. In diesem Verband fände nicht statt, was Raiffeisen von ihm erwarte, sagt er im Interview. Damit spricht Lachappelle die gegensätzlichen Interessen zwischen den Inlandbanken und den stark auf eine ausländische Kundschaft fokussierten Gross- und Privatbanken an. Neu sind diese Differenzen aber nicht. Es gibt Differenzen in der Frage, wie viel sich die Schweizer Banken den Zugang zum EU-Binnenmarkt kosten lassen sollen. Und es gibt stark unterschiedliche Positionen, was die Umsetzung international anerkannter Bilanzstandards anbelangt, die vor allem für die Grossbanken von Bedeutung sind.

Grosse Verbände und ihre internen Konflikte

Schweizerischer Versicherungsverband

Ende Oktober kam es zu einem überraschenden Austritt: AXA, der grösste Allbranchenversicherer, kündigte an, den Schweizerischen Versicherungsverband (SVV) zu verlassen. AXA erklärte den Entscheid damit, dass sie ein anderes Verständnis der politischen Einflussnahme habe als der Verband. Man wolle sich im politischen Dialog auf sachliche Beiträge zu Kernthemen beschränken. Namentlich die Positionierung des SVV zum EU-Rahmenvertrag soll der AXA-Führung sauer aufgestossen sein.


Economiesuisse

Im September kehrten mit Auto Schweiz, Swiss Retail und Avenergy drei gewichtige Verbände Economiesuisse den Rücken. Als Grund für den Austritt nannten sie mangelnde Unterstützung. «Wir haben festgestellt, dass die Interessen des motorisierten Individualverkehrs nicht gleich weit oben auf der Prioritätenliste stehen wie jene der Pharma- und Finanzindustrie», sagte Andreas Burgener, der Direktor von Auto Schweiz, der NZZ.


3 Santésuisse

Bereits seit 2013 gehen die Krankenversicherer getrennte Wege. Helsana, Sanitas, KPT und CSS traten aus dem Branchenverband Santésuisse aus und gründeten einen eigenen Verband. Erster Präsident wurde der heutige Bundesrat Ignazio Cassis. Der Grund für die Trennung waren gröbere Meinungsverschiedenheiten beim Thema Risikostruktur der Versicherten.


4 Gewerbeverband

Mit der aggressiven Kampagne für die No-Billag-Initiative 2018 hat sich Direktor Hans-Ulrich Bigler viele Feinde geschaffen – nicht nur bei den politischen Gegnern, sondern auch im Verband selber. Es gab zahlreiche Austrittsdrohungen etwa von CVP-Nationalrat und Bierbrauer Alois Gmür. (rom)


Grossbanken übernahmen viel Macht

Diese haben in den vergangenen Jahren ihr Gewicht in der Bankiervereinigung deutlich erhöht. Mit UBS-Präsident Axel Weber und Credit-Suisse-Präsident Urs Rohner übernahmen 2014 wieder zwei Schwergewichte Einsitz im Verwaltungsrat des Verbandes. Dies, nachdem sich die Grossbankmanager der ersten Garde während vieler Jahre nicht mehr für das Amt zur Verfügung gestellt hatten.

Doch daraus resultierte kein Gewinn an Schlagkraft, sondern vielmehr eine stärkere Polarisierung unter den Mitgliedern. Weber dominiere die Diskussionen im Verwaltungsrat mit professoralen Ansprachen und trage wenig zur Stärkung des Konsens bei, sagt einer, der in diesen Sitzungen jeweils zugegen ist. Auch Verwaltungsratspräsident Herbert Scheidt kommt in seinem Urteil nicht gut weg. Seine 2016 begonnene Mission als «Brückenbauer» sei gescheitert, auch weil er den Vertretern der Grossbanken kaum entgegengetreten sei.

Verband verlor mit Bankgeheimnis die Klammer

In anderen Ländern, wie zum Beispiel in Deutschland gingen die privaten und die öffentlich-rechtlichen Landesbanken freilich schon immer getrennte Wege. Warum sollen gerade in der Schweiz die Banken mit einer Stimme sprechen, obschon sie sich zunehmend eifersüchtig auf die Finger schauen? Den Kantonalbanken stösst die ihrer Meinung nach unterschwellig immer noch geltende und deshalb kostenlose Staatsgarantie («Too big to Fail») von UBS und Credit Suisse sauer auf, während die Grossbanken den staatlichen Instituten das Privileg einer ausdrücklichen (und deshalb auch abgeltungspflichtigen) Staatsgarantie vergönnen.

Jahrzehntelang sah der Verband seine Hauptaufgabe in der Verteidigung des Bankgeheimnisses. Umso mehr, als er 1993 des Zins- und Gebührenkartells aufgeben musste. Doch seitdem die Schweiz den automatischen Informationsaustausch in Steuersachen übernommen hat ist das Bankgeheimnis als Klammer weg.

Im Streit liegt eine Chance

Vor diesem Hintergrund kommentierte Niklaus Blattner, Chef der Bankiervereinigung von 1998 bis 2000 und später Direktionsmitglied der Nationalbank den verstärkte Engagement der beiden Grossbank-Präsidenten im Gespräch mit unserer Zeitung schon vor sechs Jahren mit grösster Zurückhaltung: «Es ist wohl ein letzter Versuch, sich noch einmal zusammenzuraufen», sagte er mit Blick auf die überfällige Zukunftsplanung des Verbandes.

Diese lässt sich nun nicht mehr länger aufschieben. Dass der Branchenorganisation ohne Raiffeisen künftig drei Millionen Franken pro Jahr oder rund 15 Prozent des Budgets fehlen, mit dem sie ihre Geschäftsstelle am Basler Aeschenplatz und die 55 Mitarbeitenden bezahlt, ist noch der geringste Anlass dazu. Vielmehr muss es für die Organisation nun darum gehen, die eigenen Ansprüche tiefer anzusetzen.

Vor 15 Jahren lieferten die Banken dem hiesigen Fiskus noch fast fünf Milliarden Franken – mehr als doppelt so viel wie heute. Allein das erklärt, weshalb deren politische Macht geschwunden ist. Für die Wettbewerbskraft des Finanzplatzes könnte sich die Zäsur im Verband aber auch als Vorteil erweisen. Denn moderne Bankkunden erwarten ein differenziertes Dienstleistungsangebot von Banken mit deutlich erkennbaren Unterschieden im Profil und im Geschäftsmodell. Das wäre dann die Ordnung der neuen Finanzwelt.